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Kulturpresseschau | Beitrag vom 07.11.2019

Aus den FeuilletonsDenn sie wollen nicht, dass er tot ist.

Von Hans von Trotha

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James Dean, im Halbprofil, stützt seinen Kopf nachdenklich auf seine rechte Hand. (epa / picture alliance / dpa)
James Dean ist vor über 60 Jahren tödlich verunglückt - und bekommt dennoch wieder eine Rolle. (epa / picture alliance / dpa)

In einem noch zu drehenden Film soll der tote James Dean die Hauptrolle "spielen". Wegen "äußerst komplexer Charakterentwicklung" sei nur Dean infrage gekommen, zitiert die "taz" den Regisseur und lässt eine Pro- und eine Contra-Stimme zu Wort kommen.

Nicht nur der Mauerbau störte Dreharbeiten am Brandenburger Tor - nämlich die zu Billy Wilders "Eins, Zwei, Drei" - sondern auch der Mauerfall. Da war es Peter Kahanes wirklich sehenswerter Film "Die Architekten".

Schlechtes Timing des Mauerfalls

Eine schöne Idee der TAZ, daran zu erinnern: "Der Mauerfall", schreibt Daniél Kretzschmar, "kommt in einem ungünstigen Moment. Der Drehtag am Brandenburger Tor steht noch aus. Die Nacktheit, diese quälende Leerstelle auf dem Pariser Platz, der Blick in den nahen und doch so fernen Tiergarten soll eine Schlüsselszene für 'Die Architekten' tragen. Und jetzt, im Dezember 89, sind dort die Massen, Fernsehübertragungswagen aus aller Welt."

Der Film erzählt "die Geschichte einer Gruppe Architekten, die ein lebenswertes und menschenfreundliches Umfeld statt der grauen Plattenbautristesse erschaffen wollen und dabei am erstarrten System scheitern müssen."

Ein Ausstellungshaus für irgendetwas

Die Trias "Architekten - menschenfreundliches Umfeld - herrschendes System" ist bis heute nicht ohne Sprengkraft. Nehmen wir Berlin, für das Marcus Woeller in der WELT angesichts des umstrittenen Museums des 20. Jahrhunderts nichts Geringeres als "Die unglaubliche Odyssee des Berliner Kulturforums" beschwört. Oder Paris. Nein, Shanghai. Oder beide:

"Das Centre Pompidou eröffnet eine neue Filiale", meldet Laura Helena Wurth in der FAZ. In Shanghai. David Chipperfield baut, heißt es weiter, und man ist spontan versucht zu fragen: Wer sonst? Chipperfield kann alles. Sogar dann, wenn noch nicht klar ist, was er bauen soll. Gewünscht war ein, Zitat FAZ: "Ausstellungshaus für irgendetwas."

Was genau man zeigen wollte - Autos, Konzerte oder eben Kunst -, war noch nicht klar. Chipperfield sieht sich in der Tradition der großen Klassiker des Städtebaus: "Jede Stadt hat einen Bahnhof. Also baut man einen Bahnhof, auch, wenn man die Züge noch nicht hat", wird er in der FAZ zitiert.

Er hätte auch sagen können: Wenn ich ein Museum baue, ist eh' klar, dass ich kein Museum baue. Dann wären wir gleich bei Bob Dylan gewesen. Oder doch fast. Zumindest schon mal bei Adorno. Der hat gesagt: "Wenn ich eine Vorlesung zur 'Einführung in die Philosophie' halte, dann ist klar, dass ich keine Vorlesung zur Einführung in die Philosophie halte."

Und von diesem Zitat aus ist immerhin einer, nämlich Edo Reents, und mit ihm die FAZ und mit ihr dann natürlich auch die geneigte Leserschaft bei Bob Dylan, zu dessen bislang unbekannten Duetten mit Johnny Cash Reents schreibt: "Wenn Bob Dylan Countrymusik macht, dann ist klar, dass er keine Countrymusik macht."

Ein Zombie in einer patriotischen Haustierschnulze

Und was würde James Dean in einem Vietnamfilm machen, in dem es, laut TAZ, "im Wesentlichen um Hunde geht"? Er würde sicher nichts machen, was sich im Wesentlichen um Hunde dreht. Er kann aber gar nichts machen, weil er seit 64 Jahren tot ist. Nun findet sich in einem noch zu drehenden Film namens "Finding Jack" aber eine Rolle, mit "so 'äußerst komplexer Charakterentwicklung', dass 'nach Monaten der Suche' nur James Dean dafür infrage gekommen sei", so der Regisseur, so der Hollywood-Reporter, so die TAZ. Also soll James Dean computergeneriert werden, was die SÜDDEUTSCHE fragen lässt: "Erleben wir also bald auch eine Renaissance von Marilyn Monroe und Humphrey Bogart?"

Die TAZ stellt die Frage anders, nämlich: "Wollt Ihr den totalen Dean?" Und lässt in einem Pro und Contra Ambros Waibel Ja sagen und Peter Weissenburger Nein. 

Waibel fragt sich, "warum, wenn es schon um Hunde geht, nicht Charlie Chaplin aus 'Ein Hundeleben' oder die wunderbare Liz Taylor aus 'Lassie' wiederbelebt wird - oder eben gleich Lassie selbst. Nein, James Dean soll es sein - aber wieso? Die Antwort liegt" nach Waibel "in der Grundfrage, die bei jeder Produktion von Kunsthandwerk irgendwann auftaucht: Warum eigentlich nicht?"

Während Peter Weissenburger meint:

"Es ist erstaunlich, wie die Bildtechnik immer besser wird und die Filmideen gleichzeitig immer mehr von gestern sind. Längst könnte Hollywood uns Welten zeigen, die unvorstellbar wären, ohne künstlich erzeugte Bilder. Könnte Fantasy entwerfen oder Sci-Fi oder Paralleluniversen, die Avatar oder The Shape of Water wirken lassen würden wie die Augsburger Puppenkiste. Stattdessen bekommen wir einen aufwändig rekonstruierten Star der 50er als Zombie im Rahmen einer patriotischen Haustierschnulze. Danke. Next please."

Na dann - sind wir mal gespannt auf morgen.

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