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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 23.12.2019

Aus den FeuilletonsDen radikal humanistischen Geist Jesu leben

Von Adelheid Wedel

Die Madonna Tempi ist ein Gemälde von Raffael (1483-1520) aus dem Jahr 1508. Alte Pinakothek, Bayerische Staatsgemaldesammlungen. (imago images / Leemage)
Dass die friedliche Weltsicht von Jesus zu so viel Kriegen geführt hat, erstaunt Welt-Autor Franz Alt. (imago images / Leemage)

Warum treten so viele Menschen aus der Kirche aus, fragt die "Welt". Für Franz Alt ist Jesus der bedeutendste Mensch aller Zeiten, der uns durch mehr Liebe, Gerechtigkeit und achtsamen Umgang mit der Schöpfung von unsere Aggressionen befreien wollte.

"Das Sprechen über Religion hat in der Weihnachtszeit Hochkonjunktur", das beweisen die Feuilletons auf das Trefflichste. In der Tageszeitung DIE WELT stellt Franz Alt, Buchautor und ehemaliger Moderator von Report, die sehr zeitgemäße Frage:

"Was nur haben die Kirchen und ihre Theologen in den vergangenen 2000 Jahren aus dem großen Heiler, diesem einzigartigen Wanderprediger und Gottsucher gemacht?"

Der Beitrag enthält zahlreiche Sätze, die zu zitieren wären. Begnügen wir uns mit einer Auswahl. Franz Alt fragt also weiter, indem er "dem jungen Mann aus Nazareth, diesem bedeutendsten Menschen aller Zeiten", wie er Jesus nennt, nachsinnt: "Was ist das Geheimnis dieses Mannes? Wie ist es zu erklären, dass mit Berufung auf diesen Friedensfürsten und konsequenten Pazifisten der Bergpredigt sogar Kriege geführt wurden bis zu unserer Zeit? Ist das der Grund, warum allein in Deutschland jedes Jahr etwa eine halbe Million Christen aus den beiden großen Kirchen austreten?"

Was Jesus wollte

War es doch etwas ganz anderes, was Jesus wollte. Zitat Alt: "Was Jesus hauptsächlich wollte, war eine Wandlung unserer Lebenseinstellung durch die Überwindung unserer Ängste und die Erlösung aus unserer Aggressionen durch mehr Liebe, mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit und durch einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung."

Alt, der Kenner der aramäischen Sprache, macht uns aufmerksam auf die Originalsprache Jesu. In der Bibel heißt es: "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Doch in seiner Muttersprache hat Jesus tatsächlich gesagt: Ich bin nicht gekommen, Harmonie zu verbreiten, sondern Streitgespräche zu führen."

Und noch ein Satz aus dem spannenden Lesestoff von Alt: "Mensch sein heißt Mensch werden."

Keine Mitmenschlichkeit für geflüchtete Kinder

In dem Zusammenhang schreckt ein Beitrag in der Tageszeitung TAZ auf. Unter der Überschrift "Kurz vor Weihnachten zeigt die Bundesregierung nochmal, was sie so drauf hat: Keine Mitmenschlichkeit für die in Griechenland leidenden geflüchteten Kinder."

Anja Maier übersieht nicht den Appell von Robert Habeck, der forderte: Holt als erstes die Kinder raus. Aber das ist nur eine Stimme. Empört schreibt sie: "Es geht um Kinder, die schon ein Darmkeim, eine nicht behandelte Wunde das Leben kosten kann, während deutsche Politiker lieber vor übereilten Entscheidungen warnen, um sich anschließend in den Weihnachtsurlaub zu begeben."

Ihr Urteil: "Es sind faustdicke Lügen und halbgare Ausreden, für die sich ihre Verursacher noch lange sehr schämen werden. Alleingang, unkalkulierbar, vor Ort helfen – die Angst vor dem Wutbürger und seinen fremdenfeindlichen Handlangern ist mittlerweile mächtiger geworden als die Stimme des Gewissens zur Nächstenliebe."

Fast wie ein Menetekel klingt dann: "Es gibt viele Dinge, die wir später einmal unseren Kindern und Enkeln erklären werden müssen."

Frieden und Toleranz stärken

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG stoßen wir auf einen Artikel von Hannah Bethke. Sie stellt fest:

"Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung sind Anhänger einer Religion. Gleichzeitig wächst das Unverständnis gegenüber Religiosität in den säkularen Gesellschaften. Dieses Auseinandertriften zwischen einer zunehmenden Sakralisierung auf der einen und einer wachsenden Säkularisierung auf der anderen Seite sieht Pater Nikodemus Schnabel als zentrales Problem unserer Zeit."

Die Autorin hat sich mit dem Benediktinermönch getroffen und ihn zu seinem Wirken im Auswärtigen Amt in Berlin befragt. Dort hat er das Referat für Religion und Außenpolitik aufgebaut, dessen Ziel es ist, "das konstruktive Potential von Religionsgemeinschaften zu stärken, ihren Einsatz für Frieden und Toleranz, ihr konstruktives Einwirken in Krisen- und Konfliktsituationen."

Ein weites, fruchtbares Feld, so scheint es, um das Menschwerden auch in der Außenpolitik eines Landes zu befestigen. Und um zurückzukommen auf den Eingangstext von Franz Alt.

Der radikal humanistische Geist Jesu kann auch heute ganz konkret und praktisch gelebt werden. "So kann Weihnachten werden."

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