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Kulturpresseschau | Beitrag vom 15.01.2020

Aus den FeuilletonsDas Wohlfühlbarometer vergangener Tage

Von Gregor Sander

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Ein Würstchen im Brötchen vor rotem Hintergrund (Unsplash/ Annie Spratt)
In der "Zeit" wird über die Unendlichkeit der Wurst sinniert und über ihr baldiges Ende. (Unsplash/ Annie Spratt)

Wenn es um die Wurst geht, geht es bekanntlich ums Ganze – so groß ist der Stellenwert dieses Fleischerzeugnisses in Deutschland. Die „Zeit“ beschäftigt sich mit der Wurstgeschichte und einer Zukunft ohne Wurst angesichts der Erderwärmung.

Im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT geht es um die Wurst und dabei quasi um die nationale Identität, wie Anna Gien feststellt: "Die Wurst mag ein internationales Gericht sein, doch gerade die deutsche Esskultur zeigt sich in überdurchschnittlichem Maße von Würsten durchwimmelt. Das Wort 'Wurst' stammt vermutlich aus dem Indogermanischen und bedeutet so viel wie 'Gemengsel'".

Doch in erderwärmten und somit künftig veganen Zeiten will man diesem deutschen Esskulturgut ans Leder oder eher an den Naturdarm. Und so taucht die ZEIT-Autorin noch einmal in eine Blütezeit von vielen hundert Jahren Wurstgeschichte. In die Wirtschaftswunderjahre:

"Eine Zeit war angebrochen, in der man sich zu trösten hatte: Die Dinge wurden runder und glänzender, die Frisuren stabiler und die Lebensmittel niedlicher und ulkiger. Auf possierlichen Stehpartys erzählte man sich, Würstchen im Schlafrock im Anschlag, Witze. (Irgendetwas müssen Würste und Witze wohl miteinander zu tun haben, zumindest befinden sich – augenscheinlich – beide im Untergang begriffen.)"

Trotzdem versucht sich Anna Gien mutig weiter an Wurstwitzen in ihrem persönlichem Wurstnachruf: "Sind wir ehrlich, so richtig haben wir die Sache mit den zwei Enden doch nie verstanden. Alles, also alles, auch wir, und alles eben, hat ein Ende, nur die Wurst nicht, die hat zwei? Die Wurst handelt nicht nur vom Überleben, sie handelt von Unendlichkeit." Aber diese Unendlichkeit sei nun bald erreicht, wursttechnisch gesehen.

Die angenehmen Seiten der Erderwärmung

Doch auch anderen Ländern geht es an die nationale Identität: "Die Alpen können auch ohne Schnee", behauptet nämlich Daniele Muscionico in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Es schneit einfach nicht, noch nicht mal in der Schweiz:

"Mystisch war nichts am Schnee, als er uns damals, zum ersten Mal auf Ski, als spassige Unterlage feilgeboten wurde. Den Teufel haben wir Schweizer Kinder wohlmeinender Skieltern im Schnee gefroren! Lebensjahre lang, mutig und tapfer."

Und so nimmt Muscionico die Erderwärmung von der angenehmen Seite: "Man braucht nur auf die Vögel zu achten. Hat man im Winter schon einmal Amseln so laut singen hören wie in diesen Wochen? Sie scheinen richtiggehende Lust daran zu verspüren, den Frühling herbeizupfeifen, wie Menschen, die sich am Strassenrand mit einem Pfiff ein Taxi bestellen."

Udo Lindenberg: "Ich bin eine Straßenratte"

Das Leben von seiner sonnigen Seite nehmen, ist auch eine Spezialdisziplin von Udo Lindenberg. Und das schon seit den Wirtschaftswunderjahren. Oder wie Jenny Zylka den Eierlikörliebhaber in der TAZ umschreibt:

"Sein Charme entfaltet sich in Textthemen und -formulierungen, im kumpeligen Geduze einerseits und der einwandfreien politischen Haltung andererseits, im angstfreien Schwächezeigen und im unstrittigen Talent."

Aus all dem hat Hermine Huntgeburth nun den Kinofilm "Lindenberg! Mach dein Ding!" zusammengedreht, und in der Tageszeitung DIE WELT geben Lindenberg-Darsteller Jan Bülow und der Meister selbst ein Interview:

"Ich bin eine Straßenratte", sagt Udo da - und: "Im Hotel, an der Bar, draußen auf der Straße treffe ich die Leute und spreche mit ihnen. Ich leb' ja nicht in einer abgelegenen Villa mit Security, ich leb' auf der Straße und nehme nachts am Hauptbahnhof in der Sushi-Ecke meinen Imbiss ein, mache Schnackedischnack und schreibe meine Texte."

Eben typisch Lindenberg. Aber wie spielt man jemanden, der eigentlich nicht greifbar ist, der ständig von einer Rolle in die nächste schlüpft? "Um das Verstehen geht es nicht unbedingt beim Schauspielen, sondern um Empathie. Es geht um Menschen, in diesem Fall um Udo", sagt Darsteller Jan Bülow nüchtern. Und hat das dem Film gut getan?

Für Jenny Zylka von der TAZ bleibt das Original unerreicht: "'Lindenberg! Mach dein Ding!' bleibt, trotz hingebungsvollem Spiel und ebensolchem Kostüm- und Bühnenbild braver als sein Protagonist."

Schade eigentlich oder wie Udo sagen würde: "Schnackedischnack!"

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