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Kulturpresseschau | Beitrag vom 10.12.2019

Aus den FeuilletonsDas Taj Mahal von Berlin

Von Gregor Sander

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Eine Tram der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) im Bezirk Mitte. (dpa / picture alliance/Bildagentur-online/Joko )
Werden Berlins Busse und Bahnen bald in einem Atemzug mit dem Taj Mahal genannt? (dpa / picture alliance/Bildagentur-online/Joko )

Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG fordern in einem Werbefilm die Aufnahme ihrer Busse und Bahnen ins Weltkulturerbe. Passt gut, findet die SZ - wie die Ruinenstadt Machu Picchu und das Mausoleum Taj Mahal.

"Mehr Niedlichkeit wagen!", fordert Peter Praschl und das liegt am japanischen Künstler Takashi Murakami, der die Mittwochsausgabe der Tageszeitung DIE WELT gestaltet hat.

"Seine Werke sind voll mit sonnigen Blumen, grinsenden Pilzen, seltsamen Alter Egos wie Mr. Dob, bösen Kleinkindern wie Kaikai und Kiki, fröhlichen Totenköpfen, der kompletten Palette von Gute-Laune-Farben", frohlockt Praschl und dies führt ihn zur neuen Niedlichkeit, denn:

"Alles darf man im westlichen Kultur- und Geistesleben sein, ein bockiger Dichter, ein politischer Aktionskünstler, der die Asche von Holocaustopfern verarbeitet, eine Schauspielerin, die Fotos von ihrem Achselhaarwachstum auf Instagram stellt. Nur eines darf man bei Strafe des unverzüglichen Reputationsverlusts nicht: niedlich sein."

40-jährige Schulmädchen

Und während man noch überlegt, ob denn Jeff Koons oder Jonathan Meese nicht auch niedlich sind, findet der WELT-Autor besonders an der weiblichen Inszenierung der Niedlichkeit in Japan gefallen:

"Es gibt 40-Jährige, die wie Schulmädchen aussehen, und die Schulmädchen selbst geben sich keine Mühe, Beyoncé zu ähneln, sondern ziehen sich in ihrer Freizeit lieber Prinzesinnenkleider an, pink, Glitzer, Kitsch, so viel wie möglich davon."

In einer Gesellschaft, in der Frauen von einigen Unternehmen Brillen am Arbeitsplatz verboten werden, finden das vielleicht nicht alle nur toll, doch Praschls Fazit zur Kawaii Kunst lautet:

"In einer Gesellschaft, in der das Erwachsensein darin besteht, rund um die Uhr bis zur völligen Erschöpfung durchzuschuften, liegt es nahe, die Kindheit verlängern zu wollen und sich in ein Wesen zu verwandeln, das sich den gesellschaftlichen Imperativen verweigert."

Unpünktlichkeit mit Humor

In Berlin verweigern sich manchmal auch die öffentlichen Verkehrsmittel dem gesellschaftlichen Imperativ. Die Busse und Bahnen, häufig von der sprichwörtlichen Unfreundlichkeit in Person gefahren, kommen zu spät oder auch mal gar nicht, was die Verkehrsbetriebe aber durchaus mit Humor nehmen, wie Lothar Müller in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG berichtet:

"Als vor nicht allzu langer Zeit im Berliner Zoo Panda-Zwillinge geboren wurden, dauerte es nicht lange, bis der Werbeabteilung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) dazu ein flotter Spruch eingefallen war. Die Pandas 'wären das perfekte Maskottchen unserer Busflotte: Wenn man die Hoffnung verloren hat, dass überhaupt noch was kommt, kommen plötzlich zwei'".

Nun will die BVG aber laut eines in ihren Gefährten gezeigten Werbefilms zum Weltkulturerbe ernannt werden, was dem SZ-Autor – Ironie hin oder her – die Luft aus den Reifen lässt.

"Die BVG bewirbt sich mit der Mythologisierung der Gegenwart, einem Berlin-Bild, das nicht von dieser Welt ist. Und hofft im Abspann, bald 'an der Seite von Machu Picchu und Taj Mahal' zu stehen. Das eine ist eine Ruinenstadt, das andere ein Mausoleum."

Der König von Köln löst alle Probleme

Wie man eine Stadt aufbaut und dabei sagenhaft reich wird, zeigt die ARD. "Der König von Köln" heißt die Satire um den sogenannten  Oppenheim/Esch-Skandal, der die Steuerzahler der Rheinmetropole Millionen gekostet hat. Esch heißt im Fernsehen zwar Asch, aber Oliver Jungen von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG ist trotzdem begeistert:

"In der Villa Hoppenheim kommt es zu einer unschönen Toilettenverstopfung, just während des musikalischen Abends. Josef Asch, mächtiger Bauunternehmer, hochachtungsvoll 'der Polier' genannt, weil er als Maurerpolier begonnen hat, bevor er sich zum Investorenliebling hochpolierte, dieser mit allen finanzpotenten Magnaten rund um Köln verfilzte Asch – eine Paraderolle für Rainer Bock – löst das Problem. Den Arm tief in der Schüssel, beseitigt er den Pfropf."

Gut, mit diesem Griff ins Klo haben wir uns vom anfänglichen Aufruf, mehr Niedlichkeit zu wagen, doch sehr weit entfernt. Vielleicht wird diese Kulturpresseschau ja ganz gut von einer Überschrift aus der TAZ zusammengefasst:

"Knapp neben der Wirklichkeit"

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