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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 19.11.2015

Aus den FeuilletonsDas Eigenheim - Abgesang auf eine deutsche Utopie

Von Arno Orzessek

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Blick auf eine Häuserzeile in der Greifswalder Straße im Zentrum der Hansestadt Anklam. Seit Mitte der 80er-Jahre schrumpft hier die Bevölkerung (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Blick auf eine Häuserzeile in der Greifswalder Straße im Zentrum der Hansestadt Anklam. Seit Mitte der 80er-Jahre schrumpft hier die Bevölkerung (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)

Mehrere Hunderttausend Eigenheime sollen in Deutschland leer stehen. Warum das so ist und was das für unsere Gesellschaft bedeutet, erklärt die Tageszeitung "Die Welt".

Ein ganz, ganz, ganz schmusiger Kuss-, Knutsch-, Voll- und Schmollmund reckt sein weich-wohlig-wolllüstiges Lippenpaar aus so manchem Feuilleton den Lesern entgegen...

Und es gehört: Adele, der britischen Pop- und Soul-Queen, die 2007, mit gerade 19, kam, sang und siegte, 2012 einen James-Bond-Song für "Skyfall" schrieb und nun mit dem Album "25", das ein weiteres Mal nach ihrem Alter betitelt ist, die Schar der Kritiker streitaxtmäßig spaltet.

Unter dem Titel "Ein Engel im Herbst" schwärmt Ueli Bernays in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG von der Sängerin, die kein Mädchen mehr ist:

"Adele (...) besetzt die Position erwachsener Reife. Allein schon durch ihre gesangliche Bravour steht sie ekstatischen Momenten im Wege. Wo andere im Sturm der Gefühle ins Schreien, Brüllen, Heulen ausbrechen mögen, bleibt Adele beherrscht. Und so besingt sie als herbstlicher Engel den üppigen, poppigen Sommer des Lebens",

sprachscharwenzelt Ueli Bernays um Adele herum.

"Tupperware für Hipster"

Liest man nach dem seitenfüllenden NZZ-Text die knappere Kritik in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, muss man mutmaßen, Bernays sei von Adeles Label bestochen worden.

Jan Wiele nämlich beschimpft das Album "25" als "Tupperware für Hipster" und rechnet mit der Erwartungs-Hysterie ab:

"Was wurde in den letzten drei Wochen für ein Gewese gemacht um dieses neue Album der ‚erfolgreichsten Sängerin des Planeten', es gab Vorberichte sonder Zahl, die kaum von PR-Texten zu unterscheiden waren. Jetzt stellt sich heraus: Es ist einfach nur ein weiteres Popgewäsch-Album, das die Welt nicht braucht."

Weil Jan Wiele echt stinkig ist, liebe Hörer, lohnt sich die genaue Verabfolgung seiner Motzerei auf jeden Fall – auch wenn Sie schon wissen: Die FAZ disst Adele maximal.

Leer stehende Eigenheime

Um nicht direkt von Adeles Lippen zum IS-Terror zu kommen, verweilen wir kurz beim "Abgesang auf eine deutschen Utopie".

"Auf diese Steine können Sie nicht mehr bauen", titelt die Tageszeitung DIE WELT, in der sich Dankwart Guratzsch über die vielen Eigenheime im Land Gedanken macht, die aufgrund veränderter Lebensgewohnheiten leer stehen.

"Mehrere Hunderttausend" sollen es sein – "eine Größenordnung", wie Guratzsch betont, "die angesichts der Flüchtlingskrise zunehmend Beachtung findet".

"Was die Mythen der Eigenheim-Industrie zurücklassen, es sind Schlangenhäute und Brachen ausgeträumter Träume. Sie mögen sich für den Einzelnen als Fehlinvestition erweisen. Für die Gesellschaft sind es schon heute Ressourcen, die darauf warten, erschlossen zu werden. Man muss nur Fantasie haben."

WELT-Autor Guratzsch entfaltet selbst leider keine konkrete Fantasie... Aber sei's drum, wir wechseln in den – an Eigenheimen nicht armen – Brüsseler Vorort Molenbeek.

"Historisches Missverständnis zwischen Belgien und Frankreich"

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG behauptet der Schriftsteller Stefan Hertmans:

Der Ortsteil, der gerade als Brutstätte des Terrorismus Schlagzeilen macht, zahle in Wirklichkeit "nur den Preis für ein historisches Missverständnis zwischen Belgien und Frankreich".

"Die Verbindung zwischen Brüssel und Paris", erklärt Hertmans, "ist in den vergangenen Jahren bedeutend intensiver geworden: In der reichen Brüsseler Oberstadt (...] haben sich mehr wohlhabende Pariser niedergelassen. Der Thalys bringt sie in 75 Minuten von Brüssel Midi zum Pariser Nordbahnhof; es ist einfach, in Brüssel zu wohnen und in Paris zur Arbeit zu gehen [...]. Aber das bedeutet auch, dass sich die Städte auch am unteren Rand der Gesellschaft verflechten. Es erklärt die engen Banden zwischen Dschihadisten in Saint-Denis und Molenbeek."

Tja, der Thalys also! Der Terror-Thalys quasi! -

Keinesfalls verpassen sollten Sie den FAZ-Artikel von Nicolas Hénin. Der französische Journalist war nämlich monatelang Gefangener der IS-Milizen.

"Bombardements erwarten sie. Was sie fürchten, ist Einheit"

Alles, was Hénin in der FAZ schreibt, ist aufregend und relevant. Hier nur sein Resümee.

"Ganz entscheidend wird sein, dass wir nach diesen Greueltaten Festigkeit und Widerstandskraft beweisen, denn das fürchten sie am meisten. Ich kenne sie. Bombardements erwarten sie. Was sie fürchten, ist Einheit."

Okay. Wir beweisen Ihnen jetzt nur noch eines, liebe Hörer: Dass wir – mit den Worten einer NZZ-Überschrift...

"Wissen, wann es genug ist."

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