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Kulturpresseschau | Beitrag vom 12.07.2019

Aus den FeuilletonsCoitus frustrans

Von Tobias Wenzel

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Unglückliches Paar nach dem Sex im Bett die Rücken zueinandergedreht und mit frustriertem Gesichtsausdruck (imago stock&people)
Sex sells besser, wenn er schlecht ist, weiß TAZ-Feuilletonist Marko Martin (imago stock&people)

Beschreibungen von befriedigendem Sex würden professionelle Leser wie Lektoren und Rezensenten stutzig machen. Das meint die TAZ, und rät ambitionierten Schreiberlingen, die Schilderungen lieber in Frustration und Traurigkeit enden zu lassen.

Zum Schluss dieser Kulturpresseschau gibt es Sex. Am Anfang aber steht Gott: "Ganz gleich, ob Regimes untergehen und Machthaber gestürzt werden oder wie es mit uns weitergeht – Karel Gott singt heute noch von einer Schönheit namens Lady Carneval", schreibt der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG zum 80. Geburtstag des Sängers an diesem Sonntag.

Seine Lieder, darunter "Die Biene Maja", würden "glatt und unverfänglich" wirken. Karel Gott sei aber bis heute eine wichtige, wenn auch ambivalente, politische Figur in Tschechien. "Seine Kritiker werfen ihm vor, mit dem neostalinistischen Regime Gustáv Husáks eine Liaison eingegangen zu sein", erläutert Rudiš. "Er durfte weiterhin reisen und seine Karriere vorantreiben, die Regierung konnte sich mit ihm schmücken und sich auf seine Treue verlassen."

Ende 1989, im Zuge der Samtenen Revolution, sang Karel Gott dann gemeinsam mit dem vorher verbotenen Liedermacher Karel Kryl die tschechische Nationalhymne auf dem Wenzelsplatz. Václav Havel hatte das eingefädelt, "als Akt der Versöhnung", wie Rudiš schreibt. Deshalb gelte Karel Gott bis heute als "Stütze des Regimes und Symbol der Revolution".

Betablocker für die Kanzlerin

"Durch meine eigene Erfahrung blicke ich auf Merkel ohne Arroganz und voller Sympathie." Siri Hustvedt sagt das im Interview mit Susanne Beyer vom SPIEGEL. Wie Angela Merkel hatte auch Siri Hustvedt schon mehrfach öffentlich Zitteranfälle, bei denen der ganze Körper bebt. Die Suche nach den Gründen für ihr eigenes Beben hat die US-amerikanische Autorin in ihrem Buch "Die zitternde Frau" dokumentiert.

Hustvedt rät der Kanzlerin aus eigener Erfahrung: "Ihre Ärzte sollten über Betablocker nachdenken: Propranolol." Ihren ersten Zitteranfall hatte Hustvedt, als sie zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters einen Vortrag über ihn hielt. Merkels Mutter ist in diesem Jahr gestorben. Auf diese Parallele weist Susanne Beyer hin und deutet also die Möglichkeit an, dass in beiden Fällen das Zittern psychische Ursachen hatte.

"So etwas bleibt eine Vermutung, aber ja, diesen Zusammenhang kann es gegeben haben", sagt Siri Hustvedt, die sich intensiv mit dem Leib-Seele-Problem befasst hat und eine ganzheitliche Sicht vertritt: "Natürlich ist diese alte abendländische Idee, Körper und Psyche seien getrennt voneinander zu betrachten, Unsinn. Unsere Erfahrungen verändern unser Gehirn. Gedanken können körperliche Funktionen beeinflussen. Ein Beispiel: Jemand denkt an Sex, automatisch füllen sich die Geschlechtsorgane mit Blut."

Wenn Sex, dann schlecht und in der Heimat

Wer über Sex schreiben will, dem gibt Autor Marko Martin Tipps in der TAZ. "Schildern Sie keinen sinnlich erfüllenden oder gar glücklich machenden Sex. So manch professionelle Leser – Lektoren, Rezensenten, Buchhändler, Institutionsmitarbeiter etc. – könnten sich darob zu gewissen Vergleichen herausgefordert fühlen und äußerst ungemütlich werden", warnt Martin und empfiehlt: "Schreiben Sie stattdessen, wie sich Menschen verfehlen, nackt in Sprachlosigkeit verharren und – dies vor allem – post coitum dann so richtig traurig sind, anstatt einander eventuell ein komplizenhaftes Lächeln zu schenken oder gar ein High Five."

Außerdem sollten die Sexszenen deutscher Autoren an deutschen Orten geschehen. "Write global, fuck local", fasst Marko Martin den Gedanken zusammen und führt ihn dann am Beispiel einer Berliner Akademikerwohnung aus: "Lassen Sie in den Danach-Szenen (von jeher die sicherste Bank, möchte man sich nicht in erotischen Details verlieren) die Augenpaare der unbefriedigt Gebliebenen über Stuckdecken, Bücherwände und abgezogene Dielen wandern."

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