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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 08.11.2016

Aus den FeuilletonsCharlie Hebdo der intelligenteste IS-Anschlag?

Von Arno Orzessek

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Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in einer Druckerei ein Jahr nach dem Attentat auf die Redaktion. (MARTIN BUREAU / AFP)
Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" ein Jahr nach dem Attentat auf die Redaktion. (MARTIN BUREAU / AFP)

Der französische Soziologe und Islamismus-Experte Gilles Kepel hat die Anschläge auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt in Paris vor zwei Jahren als die "intelligentesten" des IS bezeichnet – die SZ will wissen, warum.

"Lasst uns über Sex reden", wirbt eine Überschrift in der BERLINER ZEITUNG. Aber genau das tun wir jetzt mal nicht. Es sei zu Ihrer Erleichterung oder Enttäuschung, liebe Hörer.

Stattdessen wenden wir uns dem vermaledeiten Dschihadismus zu und näher dem Gespräch, das die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG mit Gilles Kepel führt. Der französische Soziologe und Islamismus-Experte hat die Anschläge auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt in Paris vor zwei Jahren als die "intelligentesten" des IS bezeichnet – die SZ will wissen, warum.

"Weil sie sich einerseits gegen Juden gerichtet haben und andererseits gegen Karikaturisten, die angeblich islamophob sind. Das ist für potenzielle Sympathisanten des Dschihad absolut plausibel. Die Anschläge vom November [2015] dagegen waren in strategischer Hinsicht ungeheuer dumm", erklärt Kepel.

Und erneut will die SZ wissen, warum.

"Weil da drei Selbstmordattentäter ins Stade de France geschickt werden sollten. Ich war kurz danach in einem Gefängnis im Norden von Paris, die muslimischen Gefangenen waren außer sich: 'Sind die verrückt? Mein Bruder war im Stadion, mein Onkel, wollen die uns alle umbringen?' Viele fanden die Vorstellung, dass Islamisten Anschläge mit muslimischen Opfern in Kauf nehmen könnten, so verstörend, dass vorübergehend die absurde Verschwörungstheorie aufkam, die Anschläge habe der Mossad geplant."

Wäre es erlaubt, über diese Dinge zu scherzen, dann würden wir sagen: "Siehste mal, sogar IS-Mörder müssen heutzutage politisch peinlich korrekt vorgehen!"

"Willfährige Alibi-Eidgenossen"

Apropos "politisch korrekt": Dass die ARD-Talkmasterin Anne Will am vergangenen Sonntag der vollverschleierten Konvertitin Nora Illi aus der Schweiz einige recht IS-freundliche Statements ermöglicht hat, schlägt weiter hohe Wellen.

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG berichtet einerseits, dass eine Rechtsanwältin aus Neuruppin Strafanzeige gegen Will gestellt hat. Andererseits überlegt der FAZ-Autor Jürg Altwegg, warum ausgerechnet Schweizer Extremisten im deutschen Fernsehen so gefragt sind. Altweggs Antwort:

"Die willfährigen Alibi-Eidgenossen bringen ein bisschen Exotik und politische Unbedarftheit in die Talkshow. Schweizer dürfen sagen, was Deutschen verboten ist. Dieses Prinzip, das jetzt zur Katastrophe geführt hat, wird seit längerem gepflegt. So ganz nebenbei hat es zur Folge, dass sich deutsche Fernsehzuschauer ein verzerrtes Bild von den ach so paradiesischen Zuständen im kleinen Land mit der großen Maulfreiheit machen müssen."

Ob Altwegg bei der Erwähnung der "willfährigen Eidgenossen" mit "Anne Will" wortspielt – das ist uns nicht restlos klar. Wir tippen aber: Ja, tut er! Unwillkürlich sollte so etwas nicht passieren.

Unterwerfung oder mutiges Zeichen?

Um im weitesten Sinne beim Thema zu bleiben: Während eines Besuchs auf dem Tempelberg in Jerusalem vor drei Wochen haben der katholische Kardinal Reinhard Marx und der evangelische Bischof Heinrich Bedford-Strohm auf Drängen der muslimischen Verwaltungsstiftung Wafq ihre Brustkreuze abgelegt… Wofür es noch und noch Schelte gab. SPIEGEL ONLINE etwa witterte "Unterwerfung". "Damit ist unsere Debattenkultur auf Salafistenniveau angekommen", poltert nun die Tageszeitung DIE WELT.

Lucas Wiegelmann hält ausdrücklich "eine Gegenrede". Er wertet es unter der lustigen Überschrift "Brustkreuz oder Keule" als ermutigendes Zeichen, dass die deutschen Kleriker überhaupt durch Heiligtümer geführt wurden, die für Nichtmuslime sonst tabu sind; und genauso, dass der diensthabende Scheich im Felsendom auf eine Suren-Inschrift hinwies, die Jesus Christus preist.

"Hätten umgekehrt die christlichen Bischöfe den Scheich solange in der Grabeskirche herumgeführt und dort ein paar nette Worte über Mohammed verloren, die allerchristlichsten Kommentatoren hätten wahrscheinlich gleich wieder 'Unterwerfung!' geschrien", erregt sich Wiegelmann.

Hoffentlich, liebe Hörer, interessiert Sie, was das Ablegen der Brustkreuze angeht, auch unser Urteil! Wir möchten es nämlich mit einer Überschrift der FAZ fällen, die uns die weitere Suche nach einem Schlusswort erspart. Sie lautet:

"Eine Sünde ist das nicht."

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