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Kulturpresseschau | Beitrag vom 08.07.2019

Aus den FeuilletonsChaotische Zustände in Ethnologischen Museen

Von Burkhard Müller-Ulrich

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Das Gebäude des Humboldtforums im Bau, mit Kran davor, spiegelt sich im Wasser. (imago images / Jürgen Ritter)
Das Humboldtforum, das gerade in Berlin gebaut wird, soll Bestände anderer Museen, z. B. des Ethnologischen Museums aufnehmen. (imago images / Jürgen Ritter)

"Die Museen verwalten den Notstand", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" über die Ethnologischen Museen in Deutschland und berichtet über teilweise marode Gebäude und chaotische Museumsbestände.

Es wäre übertrieben, von einer Schiller-Renaissance zu sprechen, aber gerade ist eine Figur des Dichters sehr en vogue: die Jungfrau von Orléans, alias Jeanne d’Arc. Zu ihr werden von zahlreichen Journalisten Vergleiche gezogen, deren Ausgangspunkt die tollkühne Kapitänin und geschworene Salvini-Feindin mit Namen Rackete ist. Aber diese Vergleiche hinken, findet Matthias Heine von der WELT, denn bitteschön:

"Mit der echten Jeanne von 1430 und mit Schillers Dramenfigur von 1801 hat Carola Rackete nichts gemein, außer dass sie eine junge Frau mit einer Mission ist. Die Jungfrau ist im Gegenteil geradezu die Antifigur zu Rackete: Aus religiös fundiertem Patriotismus verteidigt sie ihr Land gegen fremde Eindringlinge. Die Engländer, die sich im Hundertjährigen Krieg in Frankreich festgesetzt haben, will sie übers Meer zurücktragen. Mitleid ist ihr fremd. Im Gegensatz zu Carola Rackete wird sie auch nicht getragen von großer Zustimmung ihres Herkunftsmilieus."

Eine Überschrift ist kein Artikel

Also bevor das kulturelle Namedropping ins Johannakraut schießt, sollte man mal wieder Schillers Originaltext konsultieren, denn

"Lektüre bildet", wie Jürgen Kaube in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG geradezu zornig schreibt. Die Adressaten seines Zorns heißen: Sawsan Chebli (SPD), Alexander Lambsdorff (FDP) und Ruprecht Polenz (CDU). Was haben sie gemein? Sie haben sich über die FAZ empört, aber sie haben sie nicht gelesen, beziehungsweise nur eine Überschrift gelesen, die da lautete:

"AfD-Spitze befürchtet Unterwanderung durch Rechtsextremisten"

Dies sei "AfD-Sprech", polterte Chebli und geißelte die FAZ als "unmenschlich". Auch die anderen genannten Politiker echauffierten sich darüber, dass die Headline quasi die Perspektive der AfD-Spitze einnehme. Von dem darunter stehenden Artikel war überhaupt nicht die Rede; er gab für solche Vorwürfe auch nichts her. Das eben machte FAZ-Herausgeber Kaube so zornig.

"Am liebsten wäre ihnen", schrieb er, "dass wir bereits in Überschriften unsere (d. h. ihre) Meinung über einen Sachverhalt mitteilen. Ein bisschen so wie auf Twitter. Doch dafür ist die Zeitung nicht da."

Den Museen fehlt Geld

Okay, und wofür ist die Zeitung da? Vielleicht, um ab und zu einen Skandal aufzudecken, wie es Jörg Häntzschel in der SÜDDEUTSCHEN tut. Es geht um die Ethnologischen Museen in Deutschland. Sie sind ja derzeit in vieler Munde wegen des Megaprojekts Humboldtforum einerseits und der Provenienz- und Restitutionsdiskussionen andererseits.

Ein oft gehörtes Argument dabei lautet: die Herkunftsländer seien ja gar nicht in der Lage, ihre Kunstschätze sachgemäß und fachgerecht zu konservieren. Sie könnten also froh sein, wenn sich solch hochmögende Institute wie das Ethnologische Museum in Berlin, das Stuttgarter Linden-Museum, das Hamburger Museum am Rothenbaum oder das Museum Fünf Kontinente in München darum kümmern.

Im Lichte dessen, was Häntzschel in der SZ berichtet, klingt das allerdings wie Hohn. Denn in dem Berliner Haus läuft der Keller voll mit Regenwasser, die Klimaanlage klimatisiert nicht richtig und Brandschutz ist nicht vorhanden. Und an anderen Orten sieht es ähnlich aus.

"Seit Jahrzehnten ausgehungert durch die Politik, schlecht besucht und nach innen gewandt, haben sich in den Museen gewaltige Defizite angehäuft. Diese sind nicht überall gleich dramatisch, es gibt positive Ausnahmen wie das sehr moderne Stuttgarter Depot. Doch das ändert nichts am generellen Eindruck: Die Museen verwalten den Notstand."

Chaos in den Beständen

Auf sechs Zeitungsspalten breitet der Autor aus, was für ein Chaos in den Einrichtungen herrscht. Zum einen sind alle Inventare unvollständig. Niemand weiß, was eigentlich in den Magazinen ruht; durch jahrzehntelange Vernachlässigung fehlen oft die Etiketten, sodass Nachzählen und Zuordnen unmöglich sind. Zum anderen ist vieles buchstäblich vergiftet:

"Weil Holz und Fell und Pflanzenfasern unter den Augen der Völkerkundler zerfressen wurden, tauchte man die Dinge in Arsenbäder, bepinselte sie mit Bleiverbindungen oder besprühte sie mit Lindan, PCP und DDT", sodass ein Rundgang durch die Lagerräume nur mit Schutzkleidung und Atemmaske stattfinden kann. Soviel zum "Mythos der Autorität und Vorbildlichkeit" deutscher Sammelstätten als Gegensatz zur Dritten Welt.

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