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Kulturpresseschau | Beitrag vom 18.09.2019

Aus den FeuilletonsBrisantes Essen mit Rechten

Von Arno Orzessek

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Hans Joachim Mendig, Geschäftsführer von HessenFilm, lent sich in Berlin aus einem Fenster, im Hintergrund ist die Spree zu sehen (imago images / Lars Reimann)
Hat sich nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt, findet die "Welt": Hans Joachim Mendig, Geschäftsführer der Hessischen Filmförderung. (imago images / Lars Reimann)

Auch im Umgang mit AfD-Politikern seien die von Jürgen Habermas postulierten Grundregeln kommunikativen Handelns zu respektieren, schreibt die "Welt" - mit Blick auf das Essen von Hans Joachim Mendig von der Hessischen Filmförderung mit Jörg Meuthen.

Haben wir noch nie getan, tun wir aber heute: Wir küren die anspruchsvollste Unterzeile des Tages! Sie steht in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und lautet: "Wohnen, Essen, Reisen, Auto: Über Moral und Freiheit und wie die Klimakrise die antike Polis in Form der Wutbürger aller Lager im Internet zurückbringt."

Tja, aber gerade zu dem Aspekt, wie die Klimakrise die antike Polis in Form der Wutbürger aller Lager im Internet zurückbringt, lässt sich dem gedanklichen Gewaltmarsch Gustav Seibts kaum Erhellendes entnehmen.

Immerhin, einzelne Thesen etwa zur aktuellen Mode von Scham und Beschämung leuchten uns ein – darunter diese: "Den Zivilisationsumbau, den die Klimakrise verlangt, wird moralischer Druck und millionenfache individuelle Verhaltensänderung allein nicht bewerkstelligen. Ökologische Beschämung erregt, wie jedes Moralregime, schon jetzt die böse Lust an der Grenzüberschreitung." Gustav Seibt in der SZ.

Was ist Kosmopolitismus?

"'Privilegiert zu sein ist keine Straftat'", titelt die Wochenzeitung DIE ZEIT, ein Zitat des New Yorker Philosophen Kwame Anthony Appiah. Im Kurzporträt erfährt man, dass Appiah mütterlicherseits der englischen Oberklasse angehört und väterlicherseits in Verbindung zur Königsfamilie von Ashanti in Ghana steht. Appiah, der gerade ein Buch über Kosmopolitismus geschrieben hat, stellt im Gespräch mit der ZEIT vor allem klar, was Kosmopolitismus nicht ist.

"Von Singapur nach Buenos Aires zu fliegen macht dich nicht zum Kosmopoliten, solange du im Hilton bleibst. Der Kosmopolit möchte wissen, was außerhalb des Hilton passiert. Er fliegt nicht nach Buenos Aires, um dort eine weitere Arbeit von Jenny Holzer zu sehen."

Auch über den Umgang mit Rassisten hat Appiah klare Vorstellungen: "Es empfiehlt sich nicht, in eine kleine Stadt in Alabama zu kommen und den Leuten erst mal zu erklären, dass sie Rassisten sind. Die Leute in Alabama und ich sind dazu verdammt, zusammen diese Republik am Laufen zu halten, also sollte ich besser mit ihnen im Gespräch bleiben. Selbst wenn ich wenig Aussicht habe, an ihrer Feindseligkeit gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe etwas zu ändern. Ich bedaure deren Einstellung, ich bin überzeugt, es macht ihr Leben unglücklicher, aber es macht sie nicht zu bösen Menschen."

Rassismus macht Menschen nicht zu bösen Menschen: Diese Ansicht wird in der ZEIT nicht oft vertreten. Kwama Anthony Appiah als farbiger Schwuler beansprucht indessen zu wissen, wovon er spricht.

Angebrachte Aufregung oder nicht?

Bleiben wir beim Brisanten. "Mit Rechten essen", titelt die Tageszeitung DIE WELT. Andreas Rosenfelder fragt sich, ob die Aufregung angebracht ist, die das Treffen von Hans Joachim Mendig, dem Geschäftsführer der Hessischen Filmförderung, mit dem AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen und dem PR-Berater Moritz Hunzinger hervorgerufen hat.

"Sehr angeregter und konstruktiver politischer Gedankenaustausch", hatte Jörg Meuthen bei Instagram hinterher kommentiert. "Inzwischen (so der WELT-Autor Rosenfelder) ist eine Armada von Statements gegen Hans Joachim Mendig unterwegs: Der Hauptvorwurf lautet, er hätte sich zumindest von Meuthens Kommentar distanzieren müssen. Nur in welcher Form? Mit einem Dementi, der 'Gedankenaustausch' sei weder 'anregend' noch 'konstruktiv' gewesen? Ist es im Kontext von AfD-Politikern ein Verstoß, die von Jürgen Habermas postulierten Grundregeln kommunikativen Handelns zu respektieren?"

Keine Kommunikation ist nicht möglich

Um eine verwandte Problematik geht‘s im "Medientagebuch" in der Wochenzeitung DER FREITAG. Im Rückblick auf das ZDF-Interview, das der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke – bejubelt von seinen Fans – jüngst abgebrochen hat, betont Klaus Raab:

"Aus der Nummer, dass ein Gespräch von AfD-Gegnern anders gedeutet wird als von Fans, kommt der Journalismus nicht raus. Kommunikation hat immer nicht-intendierte Wirkungen – eine der frühesten Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaft. Interviews sind daher kein Werkzeug gegen die AfD. Keine Interviews allerdings sind auch keines. Denn, andere Erkenntnis: Man kann nicht nicht kommunizieren."

Okay, so weit für heute. Nach der anspruchsvollsten Unterzeile eingangs küren wir ausgangs nun die schönste Überschrift des Tages. Sie steht in der ZEIT und lautet:

"Berühr mich, bitte berühr mich."

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