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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 04.12.2016

Aus den FeuilletonsBrief aus dem Knast

Von Gregor Sander

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Die Autorin und Journalistin Asli Erdoğan auf der Leipziger Buchmesse 2008  (imago/ suedraumfoto)
Die türkische Journalistin und Autorin Asli Erdoğan (imago/ suedraumfoto)

Die Schriftstellerin Aslı Erdoğan war Kolumnistin der kurdisch-türkischen Zeitung "Özgür Gündem" und sitzt wohl allein deswegen seit drei Monaten im Gefängnis. In einem geschmuggelten Brief erinnert sie Europa an seine Grundwerte.

Wie man es macht, macht man es falsch – lautet ein beliebter Stoßseufzer. Und mit diesem Satz im Hinterkopf hat die TAZ vermutlich ihre Feuilleton-Titelseite gestaltet:

"Herzlichen Glückwunsch zum Bundespräsidenten!"

... steht da in schönen rot-weißen Lettern. Ein Enzian ist zu sehen und ein Gedicht für Norbert Hofer, von Saskia Hödl, in dem es heißt:

"Du grinst ständig und windest Dich,
es bereitet uns schon Schmerzen.
Wir gratulieren, lieber Norbert, herzlich,
dem Präsidenten der xenophoben Herzen"

Nun ist der freiheitliche Populist Norbert Hofer ja aber gar nicht Präsident der Alpenrepublik geworden, sondern der Kandidat der Grünen, Alexander Van der Bellen. Die TAZ wollte ihr Gedicht wohl aber trotzdem drucken und schreibt lapidar darunter:

"Nobert Hofer hat (noch) gar nicht gewonnen? Macht nichts. Anders als beim Brexit und bei Trumps Sieg wollten wir uns diesmal nicht vorwerfen lassen, wir hätten das Übel nicht kommen sehen."

Ist das nun lustig oder total daneben? Zumindest ist es nicht verboten, dem falschen Präsidenten ein mühsam gereimtes Gedicht mit auf den Weg zugeben.

Rappelvolle Gefängnisse in der Türkei

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG druckt einen Brief der Schriftstellerin Aslı Erdoğan, der aus ihrer Zelle geschmuggelt wurde. Sie war Kolumnistin der kurdisch-türkischen Zeitung "Özgür Gündem" und sitzt wohl allein dafür seit drei Monaten unschuldig im Gefängnis:

"Die türkischen Gefängnisse sind für deutlich weniger Menschen ausgelegt, als seit der Ausrufung des Ausnahmezustandes eingesperrt worden sind. Auch meine Zelle ist rappelvoll, jeden Tag kommen neue Häftlinge hinzu, junge Mädchen, die auf Demonstrationen verhaftet oder aus Studentenwohnheimen abgeführt werden."

Das schreibt Erdoğan und zählt dann die vorgeworfenen Verbrechen auf:

"Name im Impressum, Konto in einer 'bedenklichen' Bank, Unterschrift unter einer Karikatur, 'unterschwellige Botschaften'."

Die Hoffnungen der Schriftstellerin liegen in Europa:

"Ich möchte Europa daran erinnern, dass es seine Identitätskrise und seine Ängste nur überwinden kann, wenn es sich auf jene Werte besinnt, die es zu Europa machen. Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Werte, die über leidvolle Jahrtausende entstanden sind, durch Arbeit und Erfahrung."

Europas Identitätskrise auf der Bühne

Der Theatermacher Christoph Marthaler hat sich im Hamburger Schauspielhaus mit genau diesen Ängsten und der Identitätskrise der deutschen Europäer beschäftigt.

Herausgekommen ist das Stück "Die Wehleider", das Stefan Grund in der Tageszeitung DIE WELT so beschreibt:

"Marthalers kongeniale Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat eine heruntergekommene Turnhalle zum Schauplatz der Versuchsanordnung der Überforderung gemacht. Links stehen ein paar Turngeräte und natürlich eine Heimorgel. Einst waren hier Flüchtlinge untergebracht. Nun nutzt der gleiche Betreiber denselben Ort für Massentherapiesitzungen der verängstigten, depressiven, einheimische Bevölkerung."

Für Stefan Grund sind die "Die Wehleider" ganz schlicht:

"Das Stück der Stunde."

Während Klaus Irler von der TAZ sich über zwei seichte Stunden Unterhaltung geärgert hat, und als Beweis folgendes Bild anführt:

"Der junge kräftige Migrant trifft den senilen Wohlstandsbürger: Marthaler leistet sich viele Plattitüden dieser Art, überzeichnet sie und sagt damit nichts."

Sag nicht Reis, Baby!

Viel zu sagen über die Qualität eines Produktes hat die Zeitschrift "Öko-Test". Und die hat seit kurzem einen Ableger in der Volksrepublik China, erzählt Christoph Giesen in der SZ:

"Ein Heft hätte erst durch die Zensur gemusst, die chinesische Post hätte für den Vertrieb 40 Prozent gefordert und schließlich hätte man auch noch für eine günstige Platzierung am Kiosk zahlen müssen. Alles nicht sehr erfreulich. Also nur online."

Okoer.com heißt die Seite, sie hat 50 Millionen Leser monatlich und kann inzwischen relativ frei über in- und ausländische Produkte berichten, die alle in Deutschland getestet werden. Mit einer Ausnahme. Es ist gesetzlich verboten, Reis zu untersuchen. Christoph Giesen vermutet:

"Nicht auszumalen wie die Öffentlichkeit darauf reagiert, wenn sie erführe, dass man besser keinen chinesischen Reis essen sollte."

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