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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 23.12.2018

Aus den FeuilletonsBranchen-GAU zur Heiligabend-Ausgabe

Von Tobias Wenzel

"Der Spiegel" steht in großen Buchstaben aus Metall an einem Gebäude  (imago/blickwinkel)
Der Skandal um den preisgekrönten Reporter Claas Relotius erschüttert den Spiegel. (imago/blickwinkel)

Die Causa Relotius beschäftigt die Feuilletons durchgehend. Während Friedrich Küppersbusch in der "Taz" fein spottet, betreibt der "Tagesspiegel" Nabelschau und fragt, wie es bloß soweit kommen konnte.

"Einzelfall oder Symptom?", fragt die TAZ mit Blick auf den Fälscher-Skandal um den Journalisten Claas Relotius, der vor allem, aber nicht nur für den "Spiegel" geschrieben und erfunden hat. Und Friedrich Küppersbusch antwortet, indem er auf den neuen "Spiegel" eingeht:

"5,10 Euro für ein mageres Nachweihnachtsheft, das zu 22 Seiten und Titel aus der Fälschungsaffäre besteht: Respekt, das matcht sich mit der Idee der deutschen Autoindustrie, die Kundschaft sollte die Betrugsaffäre finanzieren."

Preise für Geschichten über dumpfe Amerikaner

Sicher hätten die Feuilletonmacher ihrer Heiligabend-Ausgabe gerne nur besinnliche Themen gewidmet. Fällt aber schwer nach solch einem, wie Küppersbusch es nennt, "Branchen-GAU". "Schöne Bescherung" hat David Denk seinen Artikel über neue Entwicklungen zum Fall Relotius genannt. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG erwähnt Denk unter anderem, dass der "Spiegel" nun Strafanzeige gegen Claas Relotius gestellt hat, weil der nach Auskunft des Magazins im Zusammenhang mit einer wohl zumindest teilweise erfundenen Geschichte über syrische Waisenkinder in der Türkei Leser um Spendengelder gebeten und die auf seinem eigenen Konto empfangen hat.

"Wir Medienleute können uns aber selbst fragen: Warum konnte sich Relotius darauf verlassen, Preise zu gewinnen, wenn er Geschichten über dumpfe Amerikaner erfindet?", sagt Jörg Thadeusz im Gespräch mit Markus Ehrenberg vom TAGESSPIEGEL. "Warum lassen wir uns lieber von einem Betrüger was Passendes erfinden, als zuzulassen, dass die Welt unpassend kompliziert ist?" Ehrenberg wirft ein: "Sie haben Relotius mehrfach einen Reporterpreis für solche Storys verliehen." Darauf Jörg Thadeusz: "Stimmt." In der WELT gestand Dagmar Rosenfeld, dass auch sie in einer Jury saß, die Claas Relotius einen Preis gegeben hat.

Die Freiheit des Dichters

Zeit der Geständnisse. Einen Tag zuvor hat Ansgar Graw in der WELT AM SONNTAG zugegeben, ein Zitat des schon längst gestorbenen Europapolitikers Walter Hallstein gebraucht zu haben, das der so nie gesagt, das aber der Schriftsteller und glühende Europäer Robert Menasse ihm, Hallstein, so in den Mund gelegt hatte: "Ziel ist und bleibt die Organisation eines nachnationalen Europas." Der Historiker Heinrich August Winkler rief die WELT-Redaktion an, weil er Zweifel an der Echtheit des Zitats hatte. Zu Recht.

Menasse verteidigte sich: Die These des Politikers habe er richtig wiedergegeben - was Winkler bezweifelt - , sie nur nicht nach wissenschaftlichen Kriterien angemessen zitiert. Das aber müsse er, Menasse, auch gar nicht, weil er Dichter sei. Warum ein Dichter in journalistischen Textformen dichten, um nicht zu sagen: fälschen darf, erläuterte Menasse leider nicht. Menasses Glück: Der Skandal um seine Geschichtsgeschichten wird nun von den anderen Feuilletonredaktionen nicht kommentiert, vermutlich, weil sie schon genug mit Claas Relotius und Weihnachten zu tun haben.

Besinnliche Beiträge zu Weihnachten

Denn einen großen, besinnlichen Beitrag zum Heiligabend lassen sich die Feuilleton-Macher nicht nehmen: Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG hat ihre ersten drei Feuilletonseiten für persönliche "Augenblicke des Glücks" freigeräumt, von denen 47 Künstler, Musiker und Literaten berichten. Die FAZ lässt einen Musikwissenschaftler und Theologen über 200 Jahre "Stille Nacht, heilige Nacht" nachdenken. "Warum Menschen Bäume so sehr lieben", auch den Weihnachtsbaum, erklärt der TAGESSPIEGEL.

In derselben Zeitung schreibt Jörg Riehle, allerdings weniger besinnlich: "Das Weihnachtsfest stand für Karl May unter keinem guten Stern. Für den Diebstahl von sechs Kerzen flog er 1859 aus seinem Lehrerseminar. Den 24. Dezember 1861 feierte er bei seinen Eltern, mit einer Taschenuhr, die er sich unerlaubt von einem Zimmergenossen angeeignet hatte." Für diese Tat habe Karl May dann sechs Wochen im Gefängnis verbracht. Die Überschrift des Artikels: "Fröhliche Maynachten!"

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