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Kulturpresseschau | Beitrag vom 30.09.2020

Aus den FeuilletonsBrahms und der Blues

Von Ulrike Timm

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Eine Büste des Komponisten Johannes Brahms steht im Garten des Museums der Stadt Bad Ischl. (imago images / Rudolf Gigler)
Von dem Pianisten Brad Mehldau lernen wir in der "SZ" Neues über Johannes Brahms. (imago images / Rudolf Gigler)

Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" wird der US-amerikanische Jazzpianist Brad Mehldau zu allem und jedem gefragt. Das führt zu einigen ungewöhnlichen Erkenntnissen: unter anderem, dass Johannes Brahms in Wirklichkeit den Blues hatte.

"Bitte mal auffallen" ruft uns die ZEIT entgegen, denn darum geht es. Geliked werden, noch mehr geliked werden, instagramable sein – für die Dinos unter uns hat die ZEIT dies Wort immer schön kursiv gesetzt, fühlt sich beim Lesen fast schon an wie Vokabeln lernen, instagramable also.

Seit zehn Jahren gibt es Instagram, und das Bildernetzwerk, das als App zum Aufhübschen von Fotos begann, verändert längst Kunst, Gesellschaft, Politik. Also sollten auch wir Dinos wissen, was instagramable ist. Wolfgang Ullrich nennt als Beispiel: "Immer mehr Unternehmen und Institutionen gingen dazu über, statt auf Werbeagenturen auf Instagram-User zu setzen, die daraufhin als Influencer zum Teil ihrerseits erstaunliche Karrieren erleben."

Das meistgelikte Ei

Manches ist auch erstaunlich einfach, "das meistgelikte Bild aller Instagram-Zeiten: ein Ei". Wer hätte das gedacht, dass ein schlichtes Ei so dermaßen instagramable ... also wir können es schon fast! Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich hat am permanenten instagramablen – gib es das überhaupt als Verb? – auch was zu mosern, sonst schriebe er wohl auch nicht für die ZEIT

Es sei "ein Skandal, dass gerade das Medium, das so demokratisierend auf die Bildkultur gewirkt hat, selbst völlig undemokratisch ist. Algorithmen werden geheim gehalten, Entscheidungen, die zuerst nur die Infrastrukturen der Plattformen betreffen, dann jedoch gewaltige Folgen für die ganze Gesellschaft haben, bleiben gänzlich intransparent." Seine Forderung: "Soviel Macht gehört demokratisiert." Stichwort Mitbestimmung der User, und da sind wir natürlich voll dabei, ob instagramable oder nicht.

Jazz und Blues zwischen Amerika und Norddeutschland

Der Jazzpianist Brad Mehldau geht als einer der ersten wieder auf Europatour und redet in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG über alles und jedes, wofür er nichts kann, weil er von der SÜDDEUTSCHEN schlicht nach allem und jedem gefragt wird. Musik, Covid-19, Filme von Fassbinder, die Lage des Jazz, neue Formen des Protests.

Gefragt nach seiner Gewohnheit, auch klassische Musik als Inspiration zu verwenden, meint Mehldau: "Das kommt aus den Harmonien. Brahms war ein Norddeutscher mit dem Blues. Hören Sie sich mal den ersten Satz seiner ersten Violinsonate an."

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Das legen wir Ihnen so unbedingt ans Herz, wie wir die Formulierung von Brahms als Norddeutschem mit dem Blues im Hinterkopf behalten werden – schon um sie bei passender Gelegenheit selbst mal rauszupfeffern, danke, Brad Mehldau!

Inspirierendes und Seltsames zu Beethoven

Trotzdem haben wir jetzt erst mal Beethoven im Angebot. Dem widmet das Kunsthistorische Museum Wien nämlich eine anscheinend sehr originelle Ausstellung. Das entnehmen wir der FAZ. Keine Retrospektive zu Leben und Schaffen, sondern inspirierende, mitunter sicher auch etwas seltsame Beziehungen und Querverweise mit Blick auf den Komponisten prägen die Schau.

Beispiel: "Rebecca Horns kopfüber von der Decke hängender Konzertflügel 'Concert for Anarchy' von 2006 löst völlig unvermittelt mit einem lauten Scheppern seine Tasten aus der Verankerung, ehe die spektakuläre Skulptur nach einigen Minuten wieder zur ursprünglichen Gestalt zurückkehrt. Währenddessen erklingt aus den Lautsprechern Beethovens Waldsteinsonate." All das in Wien! Wo man ja zurzeit schlecht hinkommt – Corona-Risikogebiet. Hoffen wir, dass das Kunsthistorische Museum Wien zumindest einen ordentlichen Online-Auftritt hinlegt. Gerne auch bei Instagram!

Und wenn Sie an Ihrer "Instagramability" derzeit noch etwas herumkauen, schicken wir Sie mit einer Titelzeile der SÜDDEUTSCHEN weiter, die heißt ganz schlicht: "Bitte recht freundlich". Im Artikel selbst geht es zwar um eher Unerfreuliches, aber "Bitte recht freundlich" als Schlusswort kann nie schaden, oder? Passt auch auf jede Kachel. Absolut instagramable.

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