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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 04.06.2016

Aus den FeuilletonsBoatengs neue Nachbarn

Von Tobias Wenzel

Deutsche Fußballfans zeigen vor Spielbeginn ein Plakat mit der Aufschrift "Jerome zieh neben uns ein" beim Länderspiel Deutschland - Slowakei in der WWK-Arena in Augsburg (Bayern). (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Deutsche Fußballfans zeigen vor Spielbeginn ein Plakat mit der Aufschrift "Jerome zieh neben uns ein" beim Länderspiel Deutschland - Slowakei in der WWK-Arena in Augsburg (Bayern). (picture alliance / dpa / Christian Charisius)

"Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben", soll AfD-Vize Alexander Gauland der "FAS" gesagt haben. Die AfD und die Migration: Im Wochenrückblick wird dieses Zitat noch einmal zum Thema.

"Es gibt keine Zensur – und es gibt sie doch",

schrieb Cathrin Kahlweit in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG über die Lage der Pressefreiheit in der Ukraine und gab zugleich ein Beispiel für den roten Faden, der sich durch die gesamte Feuilletonwoche zog: das Paradox.

"Sie werden es hassen und dann immer mehr davon wollen",

war zum Beispiel in der WELT über Richard Linklaters neuen Film "Everybody Wants Some!!" zu lesen, in dem "eigentlich überhaupt nichts" passiere.

Doch zurück zur SZ und zur Ukraine mit und ohne Zensur. Diesen vermeintlichen Widerspruch löste Cathrin Kahlweit mit einem Zwar-Aber auf: Zwar würden heute kaum noch kritische Journalisten in der Ukraine bedroht, aber Präsident Petro Poroschenko gebe Journalisten nur dann ein Interview, wenn ihm die Fragen gefielen und nur sein eigenes Medienteam das Interview filmen und schneiden dürfe. Poroschenko besitzt selbst einen Fernsehsender. Die meisten Sender gehörten mächtigen Oligarchen, die sie nur als Mittel nutzten, um politische Gegner anzugreifen.

"Die Redakteure würden bisweilen förmlich zu Marionetten im Kampf der Eigentümer ihres Senders, berichtet ein Betroffener",

schrieb Kahlweit in der SZ.

"Da kämen Anweisungen in einer Sendung teilweise auch über den Kopfhörer direkt ins Ohr, etwa 'Weicher fragen!'"

Diese Information dürfte die Anhänger von AfD und Pegida in ihrer Annahme bestärken, auch deutsche Journalisten in Radio und Fernsehen würden durch Zurufe über Kopfhörer gelenkt. Das ist natürlich Quatsch. Die Flüchtlinge in Europa ... Ach so. Nicht. Keine Flüchtlinge? Zu brisant? Lieber etwas Buntes?

"Wendy", die Pferdezeitschrift für Mädchen, wurde 30. Und Wieland Freund überreichte Blumen in der WELT.

"Gratulation an ein schwer zu ertragenes, unverzichtbares Heft",

schrieb er. Und da war es wieder: das Paradox. Wegen ihrer Optik, der vielen Herzchen, Schnörkel und der Farbe Pink, habe sich "Wendy" schon immer männlichen Lesern "verweigert", erklärte Wieland Freund:

"Jungen, die das Heft zur Hand nehmen, droht der sofortige soziale Tod. 'Wendy'-Leserinnen hingegen baden, so harmlos, süß und rosa das Heft auch daherkommen mag, im Drachenblut einer echten Leidenschaft."

Im Zweifel immer für das Pferd

Für Nichtfans seien die Comics des Magazins mit der 15-jährigen Heldin Wendy und ihrer Hannoveranerstute Penny eine "Zumutung". Nicht jedoch für Mädchen, die sich im Zweifel immer gegen einen Prinzen und für das Pferd entschieden und sich Fragen wie diese stellten:

"Wäre ich eine gute Fohlenmama?"

"Wäre Angela Merkel eine gute Fohlenmama?" Diese Frage beantwortete Deniz Yücel von der WELT nicht. Stattdessen kommentierte er die verabschiedete Bundestagsresolution zum "Völkermord" an geschätzten 1,5 Millionen Armeniern im Jahr 1915. Dass nahezu die gesamte Bundesregierung bei der Abstimmung fehlte, fand der Journalist "peinlich":

"(...) ohne die Stimmen von Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel verliert dieser Beitrag an Kraft und Glaubwürdigkeit. Offensichtlich hat die Angst um das Flüchtlingsabkommen sie zum Fernbleiben bewogen."

Ach so, jetzt doch das Flüchtlingsthema? Wirklich? Alles klar!

"Buufis bedeutet, dass dein Kopf in Europa ist und deine Füße im Camp bleiben."

So erklärte der Flüchtlingsexperte Ben Rawlence im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG die paradoxe Bedeutung des somalischen Wortes "Buufis". Rawlence hat ein Buch über das größte Flüchtlingslager der Welt veröffentlicht. Mehr als 400.000 Somalier sollen in dem Camp im kenianischen Dadaab leben. Sie sehnten sich nach Europa, ihr Körper sei aber in dem afrikanischen Camp gefangen.

"Wir müssen Orte wie Dadaab besser verstehen, weil mehr Flüchtlinge auf uns zukommen werden, viel mehr",

sagte Rawlence.

"Die Dürre reicht von Eritrea bis nach Südafrika runter. Die Sahelregion wird bald unbewohnbar. Selbst hier in Europa werden Menschen Süditalien oder Südspanien verlassen müssen, wahrscheinlich noch zu unseren Lebzeiten."

Megathema Migration

Dann gibt es viele neue Nachbarn.

"Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben",

soll AfD-Vize Alexander Gauland der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG gesagt haben.

"Gauland ist halt das Gegenteil von Kinderschokolade, außen weiß und innen braun", kommentierte Friedrich Küppersbusch in der TAZ.

Und Ijoma Mangold stellte in der ZEIT klar, auf wen sich diese Äußerung bezogen habe:

"auf einen deutschen Staatsbürger, in Deutschland geboren, mit deutscher Mutter und ghanaischem Vater, der sich zum Christentum bekennt. Wenn das nicht reicht, um sich als Staatsbürger nicht infrage gestellt fühlen zu müssen, wird es eng."

AfD und Pegida sprächen oft vom "Ausnahmezustand". Im Ausnahmezustand des "Volkszornes" frage "keiner mehr nach Pässen". Oder wie es der philosophische Kopf der AfD, Marc Jongen, gesagt habe:

"Der Pass allein macht noch keinen Deutschen."

Jongen war wiederum Assistent des Philosophen Peter Sloterdijk. Der hatte vor der "Flutung Deutschlands durch unkontrollierbare Flüchtlingswellen" gewarnt und behauptet, viele Journalisten würden bei dem Thema zu einem "Lügenäther" beitragen, weil sie nicht unparteiisch seien.

Die BERLINER ZEITUNG zitierte Sloterdijk nun mit den Worten ... Moment, ich bekomme da gerade eine Anweisung über den Kopfhörer. Sloterdijk nicht zitieren? Doch? Ah, okay, aber rückwärts? Wird gemacht!

Die BERLINER ZEITUNG zitierte Sloterdijk nun mit den Worten: ".ehcopE reresnu amehtageM sad thciS reränoitulove ni tsi noitargiM"

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