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Kulturpresseschau | Beitrag vom 06.06.2020

Aus den FeuilletonsBlack Lives Matter

Von Arno Orzessek

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Ein Graffito in Berlin zeigt den von Polizisten getöteten George Floyd. (imago images | Bildgehege)
Seit George Floyds Tod vor fast zwei Wochen demonstrieren immer mehr Menschen auf der ganzen Welt gegen Rassismus und Polizeigewalt. (imago images | Bildgehege)

George Floyds gewaltsamer Tod beschäftigte auch die Feuilletons. In der „Süddeutschen Zeitung“ forderte der Fotograf und Aktivist Ken Schles ein Ende von Polizeigewalt mit den Worten: „Du musst für etwas kämpfen – oder du wirst für nichts sterben.“

"Jede Hülle eine Utopie", überschrieb DIE TAGESZEITUNG ihren Nachruf auf den Künstler Christo, in dessen Schaffen Ingo Arendt die Kontinuität hervorhob:

"Als Student der Kunstakademie Sofia musste Christo in den Semesterferien Landwirten beibringen, Traktoren und Heuhaufen an den Berghängen, zwischen denen der Orient-Express hindurchbrauste, effektvoll zu drapieren. Den Fahrgästen aus dem Westen waren blühende sozialistische Landschaften zu suggerieren. Die gleiche Fähigkeit, mit der er dort den Mangelkern des Systems verhüllen sollte, wendete er später im Westen zu dessen Enthüllung an. Wo wäre diese utopisch-kritisch gewendete Kunst des Agit-Drap, also des agitierenden Verhüllens, besser angewandt gewesen als beim Berliner Reichstag?"

"Die Projekte sind geradezu primitiv"

Aber was hat Christo selbst über das Utopische gedacht? Man konnte es in der Wochenzeitung DER FREITAG erfahren, die ein Gespräch zwischen Christo und dem Publizisten Heinz-Norbert Jocks veröffentlichte, geführt im Februar. Frage Jocks: "Verstehen Sie die Projekte vor ihrer Verwirklichung als Utopien?"

Christos Antwort: "Auf keinen Fall, denn die Projekte sind machbar. Sie werden wahr. Utopie steht in Beziehung zu etwas Unmöglichem. Die Projekte, die wir machen, sind hingegen banal, geradezu primitiv. Darauf, dass sie extrem einfach sind, lege ich großen Wert, weil die Welt bereits voll mit komplizierten Dingen und voller Komplikationen ist. Die Erlaubnis zu bekommen, ist eine andere Geschichte und schon eher etwas Unmögliches. Niemand glaubte daran, dass der Reichstag eines Tages verhüllt sein würde. Wir mussten Kanzler Kohl besiegen. Das macht ein solches Projekt so aufregend."

"Es geht nur um Ästhetik. Alles andere ist Propaganda"

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ehrte Christo mit einem SZ-Spezial. Auch dort kam Christo zu Wort – in einem Interview, das Johanna Pfund kurz vor seinem Tod mit ihm geführt hatte. Am Ende fragte Pfund, was für Christo ein "gutes Kunstwerk" sei. Christos rekordverdächtig kurze Antwort: "Es geht nur um Ästhetik. Alles andere ist Propaganda."

Das SZ-Spezial war übrigens "Christo & Jeanne-Claude" überschrieben. Denn bis zuletzt – das betonten sowohl SZ als auch DER FREITAG – benutzte Christo zumeist die Wir-Form, wenn er über das Lebenswerk sprach, das er in weiten Teilen mit seiner Frau Jeanne-Claude verwirklicht hatte. Sie starb elf Jahre vor ihm.

Unterdessen ging die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG rhetorisch in die Vollen. Überschrift und Unterzeile des Nachrufs lauteten: "Der Magier des Safrans. Er war ein begnadeter Weghexer und Wiederhervorbringer: Zum Tod des Weltverhüllungskünstlers Christo."

Marcel Reich-Ranickis polemischer Einfallsreichtum

Was wohl der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu solcher Wortgewalt gesagt hätte? Man weiß es nicht. Bekannt ist jedoch, wie die FAZ des 100. Geburtstags ihres ehemaligen Literatur-Chefs gedachte – mit vielen Artikeln und Fotos. Karl-Heinz Bohrer, Reich-Ranickis Vorgänger bei der FAZ, betonte das Naheliegende:

"Aggressivität, die eine abschlägige oder vernichtende Kritik hervorruft, nicht bloß beim Autor, war ihm Lebenselixier, nicht bloß ein einsehbares psychologisch-anthropologisches Phänomen. Das verweist auf eine andere Eigenschaft: Reich-Ranickis Witz. Es hat im literarischen Betrieb der siebziger und achtziger Jahre keinen gegeben, der dem polemischen Einfallsreichtum Reich-Ranickis nahegekommen wäre. Im Gegenteil: Dieser stellte das Betuliche der anderen öffentliche Rede Führenden heraus. Insofern war Marcel Reich-Ranicki ein zivilisatorischer Faktor geworden."
 
Unter der Überschrift "Widerspruch unbedingt erwünscht" schrieb Gerrit Bartels im Berliner TAGESSPIEGEL einen Satz, dem selbst Opfer von Reich-Ranickis berühmten Verrissen kaum widersprechen würden: "An seiner Leidenschaft für die Literatur, an der lässt sich sowieso ewig ein Beispiel nehmen."

Auffällig: Die Wochenzeitung DIE ZEIT erwähnte Reich-Ranickis 100. Geburtstag nur mit einem pflichtschuldigen Einspalter. Immerhin, die Überschrift lautete: "Ein Zentralgestirn der Bundesrepublik."

Der Kniefall als visuelle Figur

Erregt reagierten die Feuilletons auf die Ermordung des Schwarzen George Floyd in den USA. "Ein Land auf Knien", hieß es in der Tageszeitung DIE WELT, in der Marcus Woeller betonte:

"Der Kniefall als visuelle Figur hat seit der Tötung George Floyds eine neue Wirkung bekommen. Denn der Polizist Derek Chauvin hat seine Knie sozusagen vor den Augen aller Öffentlichkeit als Waffe eingesetzt. Wenn weltweit Demonstranten nun auf die Knie gehen, dann ist das nicht mehr nur eine defensive Körperhaltung in liturgischer Tradition mit friedenspolitischer Symbolik. Es ist eine kraftvolle Geste, die Demut gegenüber den Opfern demonstriert, aber gleichzeitig als Zeichen dafür zu verstehen ist, dass die Geduld mit den Tätern am Ende ist. Die Kniebeuge ist keine Geste der Unterwerfung, sondern eine Vorbereitung auf den Aufstand."

"Die Hierarchie der Rassen gehört zur DNA des Landes", konstatiert die Harvard-Historikerin Jill Lepore im SPIEGEL - verweigert jedoch die Verdammung der Polizei:

"Viele Polizisten versehen ihren Dienst mit Hingabe und Umsicht. Wir haben gesehen, dass manche sich mit den friedlichen Demonstranten solidarisierten. Einige Polizeichefs waren um Deeskalation bemüht. Die Aufgabe der Polizisten ist gefährlich, auch das darf man nicht vergessen. Notwendig wäre eine kulturelle Transformation, eine Abwendung von der Tradition, Konflikte mit Gewalt zu lösen."

"Die Gewalt der Polizei muss aufhören"

In der SZ formulierte der Fotograf und Aktivist Ken Schles, der in Brooklyn lebt, eine härtere Haltung:

"Die Proteste sind solange friedlich und einladend, bis man mitbekommt, wie die Polizei einem Kind Pfefferspray ins Gesicht sprüht oder jemanden mit einem Schlagstock malträtiert, mit Gummigeschossen verletzt, tritt oder mit dem Polizeiauto anfährt. Die Demonstranten werden aber nicht zurückweichen, sondern diese Polizeikreuzer anzünden. Warum zum Teufel auch nicht? Die Gewalt der Polizei muss aufhören. Die systemische, institutionalisierte Gewalt muss aufhören. Du musst für etwas kämpfen – oder du wirst für nichts sterben."

Kein friedliches Schlusswort für heute. Aber haben Sie doch bitte an diesem Sonntag trotzdem, was der TAZ eine Überschrift wert war, nämlich: "Ein bisschen Spaß."

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