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Kulturpresseschau | Beitrag vom 03.08.2020

Aus den FeuilletonsBillige Mieten für Kreative - mitten in New York

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Fast menschenleere Straße in Manhattan während des Corona-Lockdowns. (Niyi Fote / The News2 / imago-images)
Leere New Yorker Bürotürme könnten Kreativen zur Verfügung gestellt werden, fordert die Künstlerin Laurie Anderson. (Niyi Fote / The News2 / imago-images)

Die "FAZ" berichtet davon, dass als Folge der Pandemie fünf Prozent der New Yorker die Stadt verlassen hätten und nun Steuergelder fehlen werden. Die Künstlerin Laurie Anderson fordert unterdessen einen radikalen Wechsel der dortigen Kulturpolitik.

Zu den schrecklichsten Dingen, die einem Pianisten zustoßen können, gehört der Verlust einer Hand oder eines Arms oder des nervlichen Kommandos über die Muskeln der betreffenden Extremität. Der Amerikaner Leon Fleisher, geboren 1928 in San Francisco, einer der wenigen Schüler von Artur Schnabel, hat das in seinen mittleren Jahren erlebt und wurde, wie die WELT schreibt, "zum Genie mit links".

Erinnerung an ein legendäres Konzert

Jetzt ist Fleisher mit 92 Jahren gestorben, und Manuel Brug erinnert an ein legendäres Konzert vor 16 Jahren mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle. Es war die Uraufführung eines Stücks des jungen Paul Hindemith, das 1923 von Paul Wittgenstein in Auftrag gegeben worden war. "Der war der Klavier spielende, aber infolge einer Kriegsverletzung einarmige Bruder des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein. Als einer der reichsten Männer Wiens verwandelte er seine körperliche Not in eine mäzenatische Tugend und bestellte seit Anfang der Zwanzigerjahre bei den bekanntesten Tonsetzern seiner Zeit eine ganze Repertoirepalette von Pianowerken für die linke Hand – zu exklusiver Nutzung."

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So haben Ravel, Prokofjew, Strauss und Britten Stücke für Wittgenstein komponiert, doch das von Hindemith mochte der Auftraggeber nicht - und so blieb es bis zu Fleishers Berliner Konzert ungespielt.

Auch Wolfgang Schreiber von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG erwähnt die Hindemith-Premiere. Er charakterisiert Fleishers Spiel folgendermaßen: sein "bohrender Intellekt behinderte bei alldem nicht seine großartige emotionale Kraftentfaltung."

Forderung nach Finanzierung durch den Staat

New York, wo Fleishers Karriere einst begann, liegt derzeit scheinbar am Boden. Dass man für 70 Dollar in Luxushotels übernachten kann, wie Frauke Steffens in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG berichtet, sagt schon alles: Die Corona-Krise hat das Geschäftsleben so gut wie lahmgelegt.

"Zwischen März und Mai 2020 verließen 420000 Menschen die Stadt, das sind fünf Prozent ihrer Bevölkerung", erfahren wir, und mit den meist wohlhabenden Abwanderern gehen der Stadt viele Steuereinnahmen verloren. Allerdings glauben manche Leute, wie etwa die Musikerin Laurie Anderson, dass die Krise auch eine Chance biete:

"'Wie in früheren Zeiten würden künftig billigere Mieten die kreative Szene anziehen. Wie vor fünfzig Jahren die Fabriklofts in Soho könnten bald leerstehende Bürotürme den Kreativen Unterschlupf gewähren.' Anderson forderte auch einen radikalen Kurswechsel des Kulturbetriebes. Aus der Not der Pandemie lasse sich nur eine Lehre ziehen: 'Alles gratis und vom Staat finanziert', müsse künftig die Devise lauten."

Laurie Anderson möchte also ähnliche Verhältnisse wie in Deutschland. Hier legt der Staat auf jede Eintrittskarte von Theatern und Orchestern im Schnitt den dreifachen Betrag drauf, wie Dieter Haselbach vom Zentrum für Kulturforschung und Pius Knüsel von der Volkshochschule Zürich in der WELT erklären. Beide gehörten zu den Autoren des Buchs "Kulturinfarkt", das vor acht Jahren für viel Wirbel sorgte.

Beklemmende Thesen zur Entwicklung des Kulturbetriebs

Jetzt, in der Corona-Zeit, ziehen sie wieder eine beklemmend nüchterne Bilanz: "Voraussehbar ist, dass Teile des Publikums dauerhaft wegbleiben, vor allem in den großen Theatern, Konzerthallen, Opernhäusern, wo der Anteil der Risikogruppen hoch ist", heißt es in dem Text, und: "Der Lockdown hat gezeigt, mit wie wenig vom Bisherigen es geht."

Mit dem Schlagwort "Systemrelevanz" braucht man diesen Experten also nicht zu kommen. Stattdessen schreiben sie:

"Die Politik muß sich allerdings von der Vorstellung lösen, daß Kultureinrichtungen heute noch zentrale Katalysatoren urbaner Bürgerlichkeit sind. In unserer von Diversität geprägten Gesellschaft hat sich die Verständigung über Werte längst in die Social Media verlagert. Kulturbetriebe bleiben Einrichtungen sozialer Selektion."

Bei aller Kritik an Geldverschwendung, der man mit Blick auf die Strukturen des deutschen Kulturbetriebs zustimmen mag, das Gerede von der "Verständigung über Werte" verrät die sozialpolitische Stoßrichtung der Autoren. Kultur ist aber kein mental aufgepepptes Kohäsionsprojekt. Sondern Kultur ist die schlichte Folge der Tatsache, dass der Mensch ein geistiges Wesen ist.

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