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Kulturpresseschau | Beitrag vom 06.08.2018

Aus den FeuilletonsBenzin im Blut

Von Arno Orzessek

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Das Bild zeiht Papst Franziskus neben einem weißen Sportwagen. (©Servizio Fotografico OR/ CPP/ IP/ Catholic Press Photo/ Imago)
Ob er auch ein Auto-Narr ist? Papst Franziskus neben einem Lamborghini. (©Servizio Fotografico OR/ CPP/ IP/ Catholic Press Photo/ Imago)

Ferrari, Lamborghini, Fiat - italienische Wagen sind für viele der Inbegriff alles Schönen. Deshalb ehrt die FAZ ausführlich die dazugehörigen Designer. Die SZ hingegen beschäftigt sich mit dem vermeintlichen Ende des Automobils.

"Schöner als die Nike von Samothrake" – betitelt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG einen Artikel über italienische Auto-Designer. Und falls es jemand nicht bemerkt hat - die Überschrift ist der Torso einer berühmten Behauptung von Filippo Tommasi Marinetti aus dem Futuristischen Manifest von 1909, die in ihrer ganzen verstörend-aggressiven Pracht lautet:

"Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake."

Der FAZ-Autor Niklas Maak feiert die 80. Geburtstage von Giorgio Giugiaro, Leonardo Fioravanti und Marcello Gandini. Und noch mehr die Ferrari und Lamborghini, aber auch die VW Golf und Fiat Panda, die sie entworfen haben.

Hochkultur und Motorkult

Unser Blut enthält das nötige Quantum Benzin, um Niklas Maak zu folgen, wenn er über die Analogien zwischen der Kunst der Hochrenaissance und Giugiaros Maserati Ghibli, zwischen den dramatisierten Fahrzeugkörpern Gandinis und der überkochenden Architektur Francesco Borrominis, zwischen Bauhaus und Fiat Uno phantasiert.

Um aber die Auto-Verächter unter uns nicht zu verdrießen, belassen wir es bei der rührenden Vision des FAZ-Autors, die Zukunft des Automobils betreffend:

"Vielleicht könnten die Autos nach dem Ende des Massenverkehrs werden, was sie schon einmal waren, bevor sie den Job von Fahrrädern, Frachtzügen und Straßenbahnen auch noch mit übernehmen mussten: Maschinen, mit denen man die Elemente, Wind, Sonne, Geschwindigkeit, Lenkkräfte, im Wortsinn intensiver erfahren kann, deren Ziel nicht der Personentransport, sondern die Steigerung der Empfindungen ist; Euphorisierungsmittel, Kunstwerke, Genussmittel, die man nicht jeden Tag benutzt, sondern in besonderen Momenten herausholt, so, wie man nicht schon zum Frühstück eine Flasche Whiskey trinkt."

Das Auto als Europhorisierungsmittel

Unter dem Titel "Raffael mit Reifen" würdigt Peter Richter in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG ebenfalls den 80. Geburtstag der "größten Autodesigner Italiens".

Und auch Richter zitieren wir mit einer grundsätzlichen Bemerkung. "Die Botschaft vom Ende des Autos [bleibt] aufs Ganze gesehen bisher eher normativ als deskriptiv, eher eine Hoffnung als ein Fakt, und auch die wird nicht einmal von allen gleichermaßen euphorisch geteilt. Jedenfalls halten mitnichten alle Anwohner eine von Autos befreite Straße automatisch für eine Verbesserung ihrer Lebensqualität."

Das dürfte in grünen Ohren frevelhaft klingen, doch Richter hat ein Beispiel zur Hand. "In Bologna, einer dieser norditalienischen Städte, die seit der Renaissance an heroischen Skulpturenschmuck gewohnt sind, gibt es seit diesem Frühjahr eine Bürgerinitiative, die vehement für die Rückkehr von Autos auf die Piazza Verdi eintritt. Im Moment säßen dort Nacht für Nacht trinkende Jugendliche auf dem Pflaster, lärmten und raubten den Leuten den Schlaf. Ausgerechnet ein paar Lamborghinis, Ferraris und Alfa Romeos könnten dort mit anderen Worten für stille Andacht und Nachtruhe sorgen – zur Not auch als Denkmal einer aussterbenden Kulturtechnik. Sie müssten dazu ausdrücklich gar nicht mal fahren. Rumstehen und schnell aussehen reicht schon."

Damit genug über Autos.

Das Rad zwischen Sexspielzeug und Superfood

Wer sich für maßgeschneiderte Fahrräder interessiert, lese in der FAZ Hannes Hintermeiers Kritik des Bandes "Fahrräder aus Meisterhand" von Christine Elliot und David Jablonka.

"Eingesetzt wird alles, was den Fahrer trägt: (Edel-)Stahl, Aluminium, Titan, Carbon, Bambus. Die Anbieter bauen vom Bahnrad bis zum Single-Speed, vom klassischen Randonneur bis zum Mountainbike und barocken Italo-Racer mit allerlei Zierrat alles, was den Hinterhofschweißern und den Ingenieuren in Hochtechnologielaboren einfällt. Dass Fahrräder heute längst so fotografiert werden, als rangierten sie irgendwo zwischen Sexspielzeug und Superfood, daran hat man sich gewöhnt."

Und da sage noch einer, Autos würden beispiellos unvernünftige Leidenschaften auslösen. Nein, Fahrräder tun's genauso. Der Mensch gönnt sich halt – mit den Worten einer Überschrift der NEUE ZÜRCHER ZEITUNG – "dann und wann ein bisschen Aberwitz".

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