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Kulturpresseschau | Beitrag vom 26.01.2020

Aus den FeuilletonsBeirut am Abgrund

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Das Foto zeigt Proteste gegen die neu gebildete libanesische Regierung in Beirut. (picture alliance / / dpa / Marwan Naamani)
Die Proteste gegen die neue Regierung in Beirut dauern an, während sich die Lage der Bevölkerung verschlechtert. (picture alliance / / dpa / Marwan Naamani)

Die Lage in Beirut sei sehr schlecht, berichtet die "FAZ". Gedemütigte Bewohner, Krankenhäuser in Not, schmutziges Leitungswasser. Ein Theatermacher fürchtet, dass die Wiedereröffnung seiner Spielstätte vor diesem Hintergrund als "Affront" betrachtet werden könnte.

Unter dem Begriff "politische Paranoia" kann sich vermutlich jeder auf Anhieb etwas vorstellen. Aber nur wer den Nahen Osten ein bisschen kennt, weiß, wie politische Paranoia als Massenphänomen und Staatsräson aussehen kann.

Der 1964 in Ost-Berlin als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen geborene Schriftsteller Sherko Fatah blickt in der WELT auf den Iran, diesen – wie er schreibt – "antiwestlichen Paria-Staat", zu dessen Selbstverständnis es gehört, von lauter Feinden umzingelt zu sein, und der sich deshalb immer weiter isoliert, und zwar keineswegs nur aus religiösen Gründen.

Was erwartet der Westen vom Iran?

"In meiner weitverzweigten und mehrheitlich sunnitischen Familie väterlicherseits", berichtet Sherko Fatah aus dem Irak, "gab es angeheiratete Schiiten. Es mag verwundern, doch aus genau dieser Erfahrung heraus sind für mich zeitgeschichtlich-politische Ereignisse sehr viel wichtiger für die Erklärung der Konflikte im Nahen Osten als religiöse Motivationen." Vor diesem Hintergrund empfiehlt der Autor dem uneinigen Westen, sich zu fragen, was er von dem iranischen Regime noch erwartet:

"Geht es darum, zu verhindern, daß es eine Atommacht wird? Dafür könnte es zu spät sein, hört man aus Israel, wo man selbst einschlägige Erfahrungen damit hat. Geht es darum, Zeit zu gewinnen? Bis wann und was geschieht danach? Bereitet man sich auf europäischer Seite vielleicht auf ein nukleares Patt vor, das während des Kalten Krieges immerhin auch funktioniert hat?"

Die Fragen bleiben offen wie so vieles in Sherko Fatahs Roman "Schwarzer September", der im Beirut der Siebzigerjahre spielt und von der Genese des islamistischen Terrors erzählt.

Alltägliche Lage in Beirut

Vom heutigen Beirut berichtet Lena Bopp in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Das einstige Paris des Nahen Ostens, vor 40, 50 Jahren in Schutt und Asche gebombt, vor 20, 25 Jahren zu neuem Glanz erstanden, befindet sich wieder auf dem Weg in den Abgrund.

"Um durchgehend Strom zu haben, müssen mehrere Anbieter bezahlt werden. Aus den Hähnen läuft schmutziges Wasser, es regnet durch die Decke, das Internet ist langsam", beschreibt die Autorin die Situation eines kleinen Theaters, dessen Leiter schon fürchtet, allein die Rückkehr zu einem normalen Spielplan könne in unruhigen Zeiten wie diesen von der Öffentlichkeit als Affront betrachtet werden.

Denn die Menschen in Beirut machen die Erfahrung, "wie demütigend es ist, in den Banken, die sich seit Monaten mit unlauteren, illegalen Mitteln gegen den Kollaps stemmen, um ein paar Dollar vom eigenen Konto bitten zu müssen. Wie entmutigend die täglichen Nachrichten sind, die von geschlossenen Restaurants, gekürzten Gehältern und ausbleibenden Touristen berichten. Wie sich die Lage in den Krankenhäusern zuspitzt, die seit Wochen davor warnen, dass ihnen medizinisches Gerät ausgeht, wenn sie nicht endlich die Zuschüsse erhalten, die ihnen der Staat seit Jahren schuldet."

Lob für Mengershausen, Wut auf Joyce-Enkel

So Lena Bopp in der FAZ und nun noch ein Wort zu dem Fernsehproduzenten Joachim von Mengershausen, der 83jährig in Köln gestorben ist. Er hat Edgar Reitz’ großes Opus "Heimat" möglich gemacht, und dafür gesorgt, dass Filme von Peter Lilienthal, Fredi M. Murer und Luc Bondy und später noch Christoph Schlingensief und Jan Schütte ein Millionenpublikum fanden.

Das steht in einem kurzen Nachruf, den Willi Winkler in jener SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG veröffentlicht, bei der auch von Mengershausen einst als Kritiker angefangen hat, genauso wie ein gewisser Wim Wenders, dessen Werke Joachim von Mengershausen beim WDR betreute.

Und Willi Winkler hat noch einen zweiten Nachruf im Blatt, nämlich auf Stephen James Joyce, den Enkel des fast gleichnamigen Dichters. Dieser Text fällt weniger ehrerbietig aus, denn Joyce-Biografen und -Forschern untersagte der Enkel regelmäßig und mit zänkischer Inbrunst das Zitieren aus unveröffentlichten Briefen.

"In Wien schockierte er eine Versammlung mit der Mitteilung, daß er mehr als tausend Briefe von Lucia Joyce verbrannt habe, dazu auch mehrere von Samuel Beckett, in den sie sich unglücklich verliebt hatte", schreibt Willi Winkler – das personifizierte Gedächtnis des SZ-Feuilletons.

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