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Kulturpresseschau | Beitrag vom 25.10.2018

Aus den FeuilletonsBegeisterung am eigenen Wort

Von Hans von Trotha

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Das Bild zeigt das Gemälde "Narziss" von Michelangelo. Darauf betrachtet Narziss sein Spiegelbild im Teich. (dpa / Fredrik Von Erichsen)
Auf Michelangelos Gemälde betrachtet Narziss sein Spiegelbild im Teich (dpa / Fredrik Von Erichsen)

Philosoph Martin Heidegger, Humorist Laurence Sterne und Medientheoretiker Vilém Flusser verbindet die Liebe zum eigenen Werk. Statt fremder Bücher das eigene studieren, neu entdecken, was man selbst erfunden hat. Ein Thema für die Feuilletons.

"Das Schlimmste ist das Feuilleton", titelt das SÜDDEUTSCHE-Feuilleton. Es handelt sich dabei um ein Zitat des Philosophen Martin Heidegger. Thomas Meyer schreibt über dessen Denktagebücher aus den Jahren 1948 bis 1951 und eine neue Biografie:

"Bei der Persönlichkeit eines Philosophen hat nur das Interesse: Er war dann und dann geboren, er arbeitete und starb." – Auch das ist ein Zitat. - "So", erläutert Meyer, "sprach Martin Heidegger gehörte doch das steigende Interesse an dem, was man geläufig 'Leben und Werk' nennt, zu jenen nicht gerade wenigen Phänomenen, die für Heidegger den Verfall des Denkens kennzeichneten."

"Im Laufe der Jahre jedoch", fährt Meyer fort, "entwickelte er ein besonderes Interesse an einer ganz bestimmten Biografie: nämlich seiner eigenen. Seinem im japanischen Exil befindlichen Schüler Karl Löwith konnte Heidegger im Juli 1937 deshalb ohne Anflug von Ironie mitteilen: 'Ihre Bücher habe ich noch nicht lesen können, da ich in den letzten Monaten sehr gesammelt in meinem eigenen Geschriebenen las.'"

Philosophischer Narzissmus

Erinnert ein bisschen an den Humoristen Laurence Sterne, der im 18. Jahrhundert schrieb: "Was mich angeht, so bin ich entschlossen, nie irgendein anderes Buch zu lesen, als das meine, solange ich lebe."

Thema: Narzissmus. Findet sich im Feuilleton allenthalben. Etwa ein Akt des philosophischen Narzissmus, den der Philosoph Vilém Flusser im letzten Vortrag vor seinem Tod aufbrachte, zitiert von Felix Philipp Mangold in der NZZ: "Ist es nicht so, als ob wir das Gefüge von Algorithmen und Theoremen, das das Gerüst der Welt bildet, einst aus uns selbst entworfen, dann vergessen haben, um es nun müh­sam wieder zurückzuholen? Ist es nicht so, dass wir nur entdecken, was wir selbst erfunden haben?"

Brasilianischer Präsidentschaftskandidat als Narziss der Politik

Oder in der FAZ. Dort gerät ein Porträt von Jair Bolsonaro zu einer Art Analyse des Narzissmus in der Politik. Paul Ingendaay schreibt: "Die Öffentlichkeit hat über Bolsonaros Temperament und über den Zusammenhang von Reden und Nachdenken bei ihm noch keine belastbaren Daten. Er selbst vermutlich auch nicht."

Der Autor erinnert, dass es der Welt vor zwei Jahren mit Donald Trump ähnlich gegangen sei: "Und dann wurde es mindestens so schlimm wie befürchtet. Wenn es Licht am Ende des Tunnels gibt, dann, so lautet ein Witz, handelt es sich wohl eher um die Scheinwerfer des entgegenkommenden Zuges."

Ingendaay schreibt auch: "Was, journalistisch gesehen, schon weniger Spaß macht, ist die Feststellung, dass der brasilianische Wahlkampf entweder mit manipulierten Massenmedien oder aber unter völligem Verzicht auf sie geführt wird. Die treibende Kraft dieses Wahlkampfs könnte aber ein soziales Medium sein: Whatsapp. Inzwischen haben sich in Brasilien die wildesten Lügen breitgemacht, sind Diffamierung und Rufmord der Basso continuo auf Facebook, Twitter und in Whatsapp-Gruppen."

Skandal des Geistes

Fehlt Instagram. Bei Instagram landet dafür Carolina Schwarz, die in der TAZ von einer ganz anderen Art von Narzissmus berichtet, der Gruner + Jahr Vorschub leistet: "Nach Barbara Schöneberger (mit Barbara) und Joko Winterscheid (mit JWD) schenkt der Verlag … auch dem Modeguru Guido Maria Kretschmer ein Magazin." 

"Einmal die Liebe bitte", so hat Modedesigner Guido Maria Kretschmer es sich "anscheinend vorgestellt, wenn jemand sein neues Magazin am Kiosk kauft. Doch statt Liebe", ernüchtert uns Carolina Schwarz, "heißt das Heft jetzt Guido."

So richtig überzeugt ist Schwarz noch nicht. "Vielleicht", hofft sie, "kommt die Überraschung ja mit "Boa", dem "Persönlichkeitsmagazin von Jérôme Boateng, das G + J diesen Herbst noch auf den Markt bringen will." Ach ja und: "Wer mehr Guido in seinem Leben haben will, kann ihm einfach bei Instagram folgen."

Schalten wir noch einmal zurück zu Martin Heidegger. Nach Durchsicht der frisch edierten Texte "findet sich", so Thomas Meyer in der SÜDDEUTSCHEN, "das Gesagte Seite um Seite bestätigt. Heidegger liest nur noch Heidegger, nur gelegentlich auch anderes: "'Aber (O-Ton Heidegger) das Schlimmste an der Zeitung sind nicht die Mord- und Skandalgeschichten, sondern das Feuilleton, weil es sich ausgibt, als wahre es den Geist', ja schlimmer noch: 'Es ist selber der Mord des Denkens und der Skandal des Geistes.'" Und Heidegger hat noch Feuilletons gelesen ohne Whatsapp und Instagram. Und schon gar ohne Guido.

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