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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 20.02.2020

Aus den FeuilletonsBeethoven im Knast

Von Ulrike Timm

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Der Eingang der Justizvollzugsanstalt Tegel im Dunkeln. (picture alliance / Paul Zinken/dpa)
Macht sich ganz gut als Fidelios Verlies: Der Eingang der JVA Tegel im Dunkeln. (picture alliance / Paul Zinken/dpa)

An einem besonders ungewöhnlichen Ort hat die "FAZ" Beethoven zu seinem 250. Geburtstag gesichtet: im Gefängnis. Die Aufführung in der JVA Tegel in Berlin bezeichnet die Zeitung als "verzweifelt schön und überlebenswichtig".

Die Berlinale hat eine neue Leitung, und vorab wurde schon mal rumgekrittelt – packen die beiden Neuen denn das? Was ja vorab immer auch ein bisschen sehr doof ist, denn schließlich ist es das Wesen eines Filmfestivals, dass man vorher nicht weiß, was kommt.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bemerkt wohlwollend, dass Carlo Chatrian zu jedem der angekündigten Wettbewerbsfilme vorab ein paar fundierte Sätze sagte, und dass vor allem die neue, vom Festivalchef ins Leben gerufene und kuratierte Reihe Encounters interessant zu werden verspricht. "Der Wettbewerb und die Encounters-Reihe sind Chatrians Inszenierung, und an ihnen vor allem wird man ihn messen müssen".

Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek hätten jedenfalls die "kritische Sympathie verdient, die zu jedem echten Neuanfang gehört", so die FAZ. Und weiter: "Es liegt schließlich nicht nur an ihnen, ob die Berlinale als Kamel erschient, das die ausgetretenen Pfade weitertrottet, oder als Schiff, das auf den wilden Meeren der filmischen Zukunft kreuzt. Sondern auch an uns."

Fidelio im Verlies

"Schwere Jungs, ganz inbrünstig", das lesen wir ebenfalls in der FAZ. Das Berliner Gefängnistheater aufBruch spielt Fidelio ziemlich frei nach Beethoven, in der JVA Tegel. "Ein Staatsgefängnis ist der Schauplatz dieser Oper, sie verkörpert die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Freiheit, aber wie würde es klingen, wenn echte Häftlinge 'Der Kerker eine Gruft' oder 'Nun ist mir geworden/Den Mörder selbst zu morden' singen? Um dies zu erfahren, ist mehr als der spontane Kauf einer Eintrittskarte nötig. Die gibt’s nämlich einzig im Vorverkauf, Name, Adresse, Geburtsdatum müssen angegeben werden."

Mehr als 75 Zuschauer dürfen auch nicht gleichzeitig zu Fidelio ins Gefängnis. Die FAZ zeigt sich begeistert von diesem sehr besonderen Projekt, dass Knackis, darunter einige, die allerhand auf dem Kerbholz haben, mit Amateur- und Profimusikern zusammenbringt, federführend ist die Education-Abteilung der Berliner Philharmoniker. "Wenn nicht jeder Ton, nicht jede Harmonie stimmt, stört das nicht weiter, denn die Haltung, die Emphase, ja die Wahrhaftigkeit des Ausdrucks überzeugen und prägen den gesamten Abend." So viel Beethoven in diesem Jahr auch zu hören sei, nirgends so "verzweifelt schön und überlebenswichtig wie hier", meint Irene Bazinger.

Aufbruchsstimmung beim Jahresempfang

"Manchmal gefällt sich der Zufall darin, Parallelaktionen zu inszenieren. In Thüringen macht er das derzeit ziemlich gut", findet die Süddeutsche Zeitung. Während im Landtag ein "konfuses politisches Drama gegeben wird, voller Intrige und Verrat", und während "ein Jungpolitiker der CDU, die in Erfurt den tragikomischen Part gibt, in Berlin anregt, man solle mal wieder über die Leitkultur – Goethe? Schiller? – reden", lädt die Klassik Stiftung Weimar zum Jahresempfang ein.

Der Vorsitzende des Stiftungsrates ist gerade abhanden gekommen, es war der Kulturminister von der Linken, Benjamin Hoff. Aber während die Politik in der Sackgasse steckt, herrscht in der Klassik-Stiftung Aufbruchsstimmung. Die neue Präsidentin, Ulrike Lorenz, steht nämlich sehr überzeugend für eine Neuausrichtung, für mehr Aktualität, Debatte und ernsthaften Diskurs, findet die Süddeutsche. Vielleicht sollten die Politiker mal in Weimar vorbeischauen, die Klassik als Anregung für die Gegenwart nehmen?

Der klassische Grund, auf dem Frankreich steht, ist noch viel stärker als anderswo die Sprache, findet wohl nicht nur die NZZ. "Hier kann man zwar inzwischen 'googliser', doch der 'ordinateur' kennt keinen Chip und keine Firewall, sondern 'une puce' und 'un par-feu'." Wer astrein Französisch spräche, gelte was, egal woher er oder sie käme – aber eben auch nur, wer das könne. Fazit der NZZ: "Es ist leicht, das schöne Land zu lieben. Doch es ist schwer zu ertragen, dass nur der auf Gegenliebe hoffen kann, der den Mund (richtig) aufmacht".

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