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Kulturpresseschau | Beitrag vom 04.04.2020

Aus den FeuilletonsBedürfnis nach Berührung

Von Klaus Pokatzky

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Ein Mann und eine Frau umarmen sich an der Grenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen. Das Paar ist durch einen Grenzzaun getrennt und kann sich nur so treffen. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
Mehr geht nicht: Dieses Paar ist durch den Grenzzaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen getrennt und kann sich nur so treffen. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)

Laut "Tagesspiegel" befinden wir uns in Isolationshaft: Ausgerechnet Beziehungsentzug gelte derzeit als sozial. Das Ende eines Rückzugsorts vermeldet die "Süddeutsche": Draußen die Arena, drinnen das Heim, das sei in Corona-Zeiten vorbei.

"Es gibt in diesem Moment ein enormes Bedürfnis nach Nähe." Diesen Satz lasen wir in CHRIST UND WELT, der Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Und in allen möglichen Varianten stand er in sämtlichen Feuilletons der zurückliegenden Woche.

"Es werden immer mehr Tote. An manchen Tagen werden fast 200 Todesopfer gemeldet", sagte im Interview mit CHRIST UND WELT Francesco Beschi, der Bischof des norditalienischen Bergamo, wo die Menschen besonders stark unter der Corona-Pandemie leiden. "Der Notstand hat eine unglaublich eindrucksvolle Welle der Solidarität erzeugt. Und die Solidarität hat wiederum ein Gefühl der gegenseitigen Nähe hervorgebracht."

Existenzieller Stellenwert der Kultur

Es hat wohl kein Thema in den letzten Jahrzehnten die Feuilletons so beherrscht wie Corona – vor allem natürlich mit den Folgen für die Kultur. 

"Die Zukunft des Kinos sieht düster aus", stand in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. "Vor allem Musikklubs stehen am Abgrund, aber auch Theater", titelte der SPIEGEL. "Bis zu 75 Prozent Verdienstausfall bei Beschäftigten im Kunstmarkt und in den darstellenden Künsten", vermeldete die Tageszeitung TAZ.

"Wie viele Kultur- und Kreativschaffende betroffen sind, zeigen die Zahlen aus der Branche: 256.000 Unternehmen, 1,2 Millionen Kernbeschäftigte" – so machte uns Monika Grütters die Dimensionen klar. "Gerade die Kultur behauptet in der Krise ihren existentiellen Stellenwert", meinte die Kulturstaatsministerin im Interview mit der FRANKFURTER ALLGEMEINEN und lobte die Soforthilfe der Bundesregierung in Höhe von 50 Milliarden Euro auch für Selbständige im Kulturbereich.

"Sänger, Musiker, Maler oder Tänzer können jetzt einfacher an eine Grundsicherung kommen. Da reicht eine Selbstauskunft, dass keine erheblichen Vermögenswerte im Hintergrund schlummern. Dieser Auskunft vertraut der Staat."

Über den wahren Reichtum einer Nation

Und vielleicht können wir dem Staat auch mehr vertrauen in diesen Corona-Zeiten, als mancher das vorher für möglich gehalten hätte. "Wir geben für die Gesundheit pro Kopf doppelt so viel aus wie Deutschland, haben aber pro Kopf weniger Ärzte und viel, viel weniger Krankenhausbetten", schreibt aus den USA der amerikanische Schriftsteller John Green in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG.

"Die Vereinigten Staaten sind seit Langem die reichste Nation der Welt. Aber wie reich ist eine Nation wirklich, wenn sie ihre Ärzte nicht mit Atemmasken ausstatten kann und ihre Bürger nicht mit einem guten Gesundheitssystem?"

Kultur bietet Trost in harten Zeiten

Vergessen wir unsere zahllosen Initiativen nicht, die Trost in diesen harten Zeiten bieten. "Die Deutsche Orchester-Stiftung hat mit ihrer Spendenkampagne für notleidende freie Musiker nach knapp drei Wochen rund 938.000 Euro gesammelt", hieß es in einer Meldung der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Und vergessen wir vor allem nicht, was die Kulturszene nun aus ihrem Homeoffice alles so leistet. "Es gibt noch eine Kurve, die in diesen Tagen steil nach oben klettert – die Zahl der Künstler und Kreativen, die aus der sozialen Isolation heraus auf Sendung gehen", freute sich die SÜDDEUTSCHE.

"Ob auf Twitter, Twitch oder Instagram, jeder startet auf einmal seine eigenen Live-Events", beschrieben Carolin Gasteiger und Theresa Hein, wie sich das Internet auf einmal rundum positiv präsentiert: "Es gehört zum Wesen dieser Performances, dass sie Echtzeit-Erlebnisse sein wollen, zu streamen, zu empfangen und kommentieren in Gleichzeitigkeit und kostbarer Gemeinschaft." Gemeinschaft aber erst einmal in digitaler Distanz – daheim im Homeoffice.

Draußen die Arena, drinnen das Heim

"Heim" ist dabei allerdings ein schwieriges Wort. "Das Heim ist im normalen Leben ein Rückzugs- und Schutzraum, zu dem man zurückkehrt, wenn die Arbeit getan, die Schule aus, das Leben gelebt ist, die Freunde besucht sind."

Das meinte Andrian Kreye in der SÜDDEUTSCHEN. "Draußen ist die Arena, drinnen das Heim. Das aber ist nun vorbei. Die Arena hat sich auf die mehr oder wenigen Quadratmeter reduziert, die vorher das Eigene waren." Nämlich das Homeoffice daheim. 

Beziehungsentzug gilt als sozial

"Jetzt", steht im Berliner TAGESSPIEGEL, "sind viele Menschen wie in Isolationshaft. Ausgerechnet Beziehungsentzug gilt als sozial, körperliche Abgewandtheit rettet Leben. Großeltern dürfen ihre Enkel nicht küssen, nicht sehen; erwachsene Kinder stellen Einkaufstüten vor die Türen ihrer Eltern, anstatt sie zu umarmen", schreibt Armin Lehmann.

"Gleichzeitig können wir uns die Dinge und Kontakte in einem Maße aneignen, sie konsumieren, wie keine Gesellschaft vor uns. Wir kommunizieren über die sozialen Medien mit vielen Menschen gleichzeitig." Und da sieht Armin Lehmann durchaus Positives für die Zeiten nach Corona. "Bliebe die Mehrheitsgesellschaft gerade durch das Bedürfnis nach Berührung solidarisch – könnte diese Krise eine große Chance sein."

Fürs kommende Osterwochenende wünscht sich Christian Specht in der TAZ schon mal nette Gesten für unsere Nachbarskinder: "Indem wir alle Ostereier an unseren Fenstern aufhängen oder auf die Fensterbänke stellen." Das würde sicherlich auch den Bischof von Bergamo erfreuen – genauso wie "das Zusammenleben in Solidarität, um diese Krise zu überwinden", wie Francesco Beschi in seinem Interview mit CHRIST UND WELT.

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