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Kulturpresseschau | Beitrag vom 11.11.2019

Aus den FeuilletonsAus für das Männerballett?

Von Hans von Trotha

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Das Männerballett "Männerchor Einigkeit Finsterwalde" tanzt während der 2. Ostdeutschen Meisterschaften der Männerballette. (Robert Schlesinger/dpa)
Gemeinnützigkeit bedroht? Das Männerballett "Männerchor Einigkeit Finsterwalde" bei der 2. Ostdeutschen Meisterschaften der Männerballette. (Robert Schlesinger/dpa)

Olaf Scholz plant, Vereinen, die Frauen ohne triftigen Grund ausschließen, die Gemeinnützigkeit zu entziehen. Die "taz" ist begeistert und hofft so, "toxische, eingeschränkte Männlichkeit" einzudämmen. Das könnte weitreichende Folgen haben.

Wir erleben eine Zeitenwende. Wenn die letzten Besitzstände schwinden, wenn die Dinge nicht mehr sind, wie sie mal waren, oder nicht mehr heißen dürfen, wie sie immer hießen, dann ist es so weit. Also jetzt.

Jetzt reißt es sogar die uneinnehmbarste Bastion des abendländischen Kulturbetriebs: Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Schluss mit schrumm–schrumm-schrumm-schrumm–schrummelschrumm und Barockorchestern, von denen viele Reisende meinen, sie würden ihnen hinterherfahren. "Das NDR Elbphilharmonie Orchester und sein Chefdirigent Alan Gilbert wollen Vivaldi aktualisieren", meldet der TAGESSPIEGEL. "Auf der Basis historischer Wetterdaten wird ein Algorithmus die Partitur der 'Vier Jahreszeiten' überschreiben."

Rüdiger Schaper findet: "Die Elbphilharmoniker berühren mit dem Klimawandel-Vivaldi das Grundsätzliche: Naturgewalten" meint er, "haben sich in Mythen und Literatur eingeschrieben von Anfang an. Erst die Industrialisierung und allgemeine Rationalisierung hat die Natur angegriffen und zurückgedrängt – im fatalen Irrtum, sie sei beherrschbar."

Ein weiterer Irrtum der letzten Jahrhunderte

Nicht der einzige fatale Irrtum des 18. und des 19. Jahrhunderts, mit dem jetzt mühsam aufgeräumt werden muss. Männervereine zum Beispiel. Denen "soll die Gemeinnützigkeit entzogen werden. Gut so", findet Peter Weissenburger in der TAZ.

Unter den Begründungen, warum Vereine Frauen ausschließen, rage einer hervor: "Tradition. Männer unter sich weil – macht man halt so. Die Soziologie", erläutert Weissenburger, "spricht bei rein männlichen Institutionen von 'homosozialen Räumen' und schreibt ihnen eine gewisse Eigendynamik zu. Das gewaltvolle Geschlechterverhältnis wird in ihnen tendenziell verstärkt, eine toxische, eingeschränkte Männlichkeit zum Standard erhoben."

Abschied vom WASP?

Klingt wie eine pointierte Beschreibung des patriarchal-chauvinistisch- kolonialen 19. Jahrhunderts, Brutstätte unter anderem der WASPs, der White Anglo-Saxon Protestants, "Inbegriff jener ethnisch und religiös definierten Klasse, die die USA lange exklusiv beherrschten. Sogar Weiße" erläutert Matthias Heine in der WELT, "galten als unfähig, echte Amerikaner zu sein, wenn sie – wie die Iren oder Italiener – Katholiken waren."

Das soll jetzt auch vorbei sein – und zwar, weil es das entscheidende Wort nicht mehr geben soll: Angelsächsich ist raus. "Der Begriff soll nicht mehr verwendet werden, wenn es nach akademischen Aktivisten geht", distanziert sich Heine in der WELT. Es "mehren sich Stimmen, die fordern, den Begriff Anglo-Saxon aus dem Sprachgebrauch zu entfernen, weil er rassistisch und exkludierend sei. Die Debatte, die " – da geht Heine auf ultimative Distanz – "längere Zeit auf jene Teile der intellektuellen Welt beschränkt blieb, in denen wöchentlich neue Buchstabenkombinationen zur Bezeichnung unterdrückter Minderheiten ersonnen werden, hat nun auch die großen" – jetzt leistet er sogar aktiven Widerstand – "wir nennen es vorerst weiter so – angelsächsischen Medien erreicht."

Dabei referiert Heine eine ganze Reihe ziemlich einleuchtender Argumente gegen den Begriff. "Der Ausdruck",  zitiert er aus der Debatte, "sei mittlerweile ein Kampfbegriff, den Rassisten gleichbedeutend mit 'weiße Menschen britischen Ursprungs' benutzen." Und: "Erst im 18. und 19. Jahrhundert sei das Attribut angelsächsisch wirklich populär geworden, um weiße Menschen mit deren vorgeblichen Ursprüngen zu verbinden."

Die zitierte Historikerin beschreibt das Forschungsgebiet als "triefend von altmodischen Ansichten, Prestigedenken, Elitismus, Sexismus, Rassismus und Borniertheit".

Also weg mit den Angelsachsen, zusammen mit den "Vier Jahreszeiten" und den Männervereinen.

Die New York Times ist nicht gescheitert

Ach ja, und mit der New York Times. Die bezeichnet die kondensierte Inkarnation des WASP im Weißen Haus ja gern als "failing", was die SÜDDEUTSCHE mit "versagend, scheiternd, erfolglos" übersetzt, um hinzuzufügen, dass das "wie so manches, was Trump sagt, mit der Realität nicht viel zu tun" hat, denn: "Der NewYork Times geht es blendend."

Und: "Es gilt in der Branche als sicher, dass Trump einiges mit diesem Erfolg zu tun hat. Seit er 2016 zum Präsidenten gewählt wurde, steigen die Leserzahlen des Blattes rasant." Womit wieder einmal illustriert wäre, dass in Zeiten des Umbruchs lange unklar bleibt, was von wem gerade gewendet wird – und wohin.

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