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Kulturpresseschau | Beitrag vom 10.06.2020

Aus den FeuilletonsAufstehen durch Niederknien

Von Ulrike Timm

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Protestierende knien bei einer Demo gegen Rassismus und Polizeigewalt in Washington. (J.M. Giordano / Zuma Wire / imago-images)
Protestierende knien bei einer Demo gegen Rassismus und Polizeigewalt in Washington. Der Kniefall erfährt einen Bedeutungswandel, schreibt die NZZ. (J.M. Giordano / Zuma Wire / imago-images)

Die "Neue Zürcher Zeitung" attestiert dem Kniefall eine historische Zäsur und sieht darin ein symbolpolitisches Lehrstück. Eine Geste der Unterwürfigkeit werde im Zuge der Anti-Rassismus-Proteste in den USA zu einem Zeichen des Protestes umgedeutet.

Upps - Fronleichnam, Katholiken feiern! Bayern feiert. Keine SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Hessen feiert. Keine FRANKFURTER ALLGEMEINE.

Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aber hält die Stellung, trotz rund 40% Katholiken als häufigster Religionszugehörigkeit im Schweizerland. Selbst im Kanton Zürich haben sie die Mehrheit, aber auch der Reformator Zwingli kommt daher - also wird bei der NZZ gearbeitet. Was man nicht alles nachschlägt so am Rande einer Kulturpresseschau!

Über den Bedeutungswandel einer Geste

"Niederknien, um aufzustehen" titeln die Schweizer Kollegen also, es geht um die Proteste in den Vereinigten Staaten, die "eine Zäsur in der Geschichte des Kniefalls" bedeuten, meint Joachim Güntner.

"Dem Kniefall ist eine neue symbolische Bedeutung zugewachsen: Aus einer Geste der Devotion wurde ein Zeichen des Protestes. Wer zurzeit ein energisches Bekenntnis gegen Rassismus ablegen will, tut das am besten, indem er die Knie beugt. Das verstörende Ende des Afroamerikaners George Floyd, der dieser Tage bei einer polizeilichen Festnahme erstickte, treibt das Niederknien weit über die USA hinaus", lesen wir in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG, und weiter:

"Aus dem Schwarzen, der einst als Sklave kniete, weil er es musste, wird der freie Schwarze, der aufsteht, indem er niederkniet."

Für die NZZ ist das auch ein symbolpolitisches Lehrstück.

Anregungen zum "Statuen stürzen" auch in Deutschland

Handfester kommt die TAZ daher. Mit Blick auf Bristol, wo im Zuge einer "Black Lifes Matter"-Demo die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston im Hafenbecken versenkt wurde, haben die TAZ-Kollegen Denkmale in Deutschland herausgepickt, die sie gern mit dem Kann-weg-Vermerk versehen möchten. Das Kriegerdenkmal in Hamburg etwa - es ist zum Pilgerort für Neonazis geworden. Das Wissmann-Denkmal in Bad Lauterberg - Hermann von Wissmann war ein brutaler Kolonialisierer.

"Die Statue in Hamburg ist schon gefallen. Jetzt ist Bad Lauterberg an der Reihe", meint die TAZ. Und warum nicht gleich das Leipziger Völkerschlachtdenkmal entsorgen?

"Dass so viele Menschen einer solchen Dummheit wie dem Krieg zum Opfer gefallen sind, ist schlimm genug. Man muss das nicht auch noch auf dümmlich-nationalistische Weise ehren."

Gegen das Wegsperren fragwürdiger Filme

Jedoch - befreit man die Gedanken, indem man Stein und Beton entsorgt? Oder einen Film? Kein "Vom Winde verweht" mehr beim amerikanischen Streamingdienst HBO Max, vermeldet die WELT, und der Welterfolg von 1939 steht wegen seiner Darstellung zufriedener Sklaven und heldenhafter Sklavenhalter ja auch von Beginn an in der Kritik.

Und doch setzt Hanns-Georg Rodek in der WELT zu einer energischen Verteidigung an, nicht der Südstaaten-Schmonzette, aber für ihren Verbleib auf der Liste, denn "Verbote sind eine Übung im Vergessen".*

Wegsperren, Totschweigen nütze doch nichts, dem Druck der öffentlichen Empörung nachzugeben und den weltberühmten Film auf den Index zu setzen, sei "verständlich, aber dumm und kurzsichtig", so die WELT. Und ihr Autor meint ironisch: "Ich verlange die Sperrung des Films 'Wall Street' mit Michael Douglas auf allen Internetportalen, weil er die Haltung 'Gier ist gut' glorifiziert."

Auch Karl-May- und James-Bond-Filme sollen dran glauben wegen moralischer Bedenken, ebenso wie Emil Jannings Kinoepos "Robert Koch - Bekämpfer des Todes", weil dessen Experimente an Afrikanern darin verschwiegen werden (ach ja, das Institut muss auch umbenannt werden.)

Kunst, so Hanns-Georg Rodek dann ernsthaft, falle "unter das alles überragende Gebot der freien Meinungsäußerung, selbst in dem schwer erträglichen Fall, dass sie einen Missstand eher affirmiert als kritisiert".

Und wo findet sich was Gutes? Vielleicht in Wien. Die Wiener Philharmoniker spielen wieder, in mittlerer Besetzung, "viren-, masken-, angstfrei", zu zweit am Pult und komplett getestet. "Machen die das nun vor jedem Konzert?", fragt die WELT und freut sich doch. 100 Zuhörer im Saal sind 5 % Auslastung - und doch ein Anfang.

*Hinweis der Redaktion:  Anders als in der "Welt" dargestellt, ist der Film nicht verboten worden, sondern wurde kurzfristig offline genommen, um den Film mit einer historischen Einordnung zu versehen. Genaueres dazu entnehmen Sie hier unserem Gespräch aus "Fazit" mit dem Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger.

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