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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 10.04.2020

Aus den FeuilletonsAuch das Nuscheln wird pandemisch

Von Arno Orzessek

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Eine Flugbegleiterin mit Mundschutz begrüßt Passagiere. (dpa /Boris Roessler)
Was haben Sie gesagt? Was durch den Mundschutz gesprochen wird, versteht man oft nur schwer. (dpa /Boris Roessler)

Nicht nur Worte übertragen Informationen, auch die Mimik eines Menschen. Diese wird nun immer öfter hinter einem Mundschutz versteckt. Dadurch wird das Nuscheln hinter der Maske nur noch unverständlicher, lesen wir im Berliner "Tagesspiegel".

"Hier bin ich Ei, hier darf ich‘s sein", witzelt die Tageszeitung DIE WELT auf ihrer Titelseite und lehnt sich dabei natürlich an Fausts behagliche Bekundung "Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein" aus dem Osterspaziergang an.

Streng christlich verstanden, müsste der Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag allerdings mit Trauermiene begangen werden, denn laut Glaubensbekenntnis war Jesus "hinabgestiegen in das Reich des Todes" – oder in der alten Fassung: "niedergefahren zur Hölle". Und eben dort hielt er sich dann ja wohl auf an jenem Tag vor 1987 Jahren, wenn’s denn stimmt. Soviel dazu!

Hat Bach Corona-Therapiemusik geschrieben?

Hören wir nun mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG Musik. Gottfried Knapp hat sich im Beethoven-Jahr den kompletten Johann Sebastian Bach auf 220 CDs zugelegt und die Kantaten vorgenommen. Seine betrübte Erkenntnis:

"Wer den Versuch macht, die Fülle der überwältigenden Eindrücke allein aus den Kantaten des Jahres 1723 in wenige Sätze zusammenzupressen, kann eigentlich nur verzweifeln." Das tut Gottfried Knapp aber nicht, sondern schwärmt:

"Am meisten zu bewundern ist wohl, dass Bach beim Dauerkomponieren nie in Routine verfallen ist. Auch wenn er Texte vertonen musste, die sich monoton in Katastrophengedanken vertiefen und keine Hoffnung lassen, hat er Wunder an musikalischer Vielfalt vollbracht, die dem Hörer Trost spenden, ja ihm eine Ahnung von Glück geben können. Zu dem todessüchtigen Text ‚Ach schlage doch bald, selge Stunde, den allerletzten Glockenschlag‘ ist ihm geradezu Überirdisches eingefallen."

Falls Sie denken: "Klingt fast so, als hätte Bach Corona-Therapiemusik geschrieben", liegen Sie nicht ganz falsch. Knapps Bach-Artikel erscheint in der SZ-Reihe "Über Lebenskunst" – und selbige bietet "Empfehlungen des Feuilletons für beispiellose Zeiten".

Mit Ellen Allien durch die Isolation

Ach ja! Für alle, die bei Bach nach Ohropax suchen: Die SZ veröffentlicht auch die Playlist "Ellen Allien Isolation" der Berliner DJ Ellen Allien – nachzuhören auf Spotify. Schon mal vorgehört hat Jan Kedves:

"In den sechseinhalb Stunden wechseln sich euphorische Höhen mit kühlen, teils dystopischen Momenten ab. Gerade würde man nonstop Beste-Laune-Musik nicht so gut ertragen. Mit ‚Future Forever‘ von Björk endet aber alles optimistisch: Die Zukunft wartet auf uns, und sie wird voller Liebe sein."

Hat der Norden die größere Shutdown-Kompetenz?

Das mag stimmen oder nicht. Die Gegenwart ist jedenfalls nicht so lieb, aber wir müssen trotzdem mit ihr umgehen. Dabei fällt auf, dass in Südeuropa die Balkone häufiger als im Norden genutzt werden, um zu singen, sich Mut zuzusprechen, herumzublödeln.

Könnte man aufs Wetter schieben – doch in der TAGESZEITUNG bohrt Reiner Wandler tiefer und referiert den spanischen Politiktheoretiker Jorge Largo:

"'Die Logik der Stille hat viel mit der religiösen Tradition zu tun‘, ist sich Largo sicher. Er verweist darauf, dass die Reformation im Süden Europas nie stattgefunden hat. 'Die Gesellschaften im Norden ertragen die Stille deshalb leichter.' Während sich Mittel- und Nordeuropa reformierten, entstand in der katholischen Welt das Barock, geprägt vom 'Horror Vacui', von der Angst vor der Leere und damit auch vor der Stille. Alles muss gefüllt werden."

Wirklich, hat der Norden dank der Reformation die größere Shutdown-Kompetenz? Darüber wäre zu diskutieren.

Murmel, Murmel

Was aber schwierig ist, wenn alle Mundschutz tragen, denn dann gilt, was Jürgen Trabant im Berliner TAGESSPIEGEL in seinen "Anmerkungen zur pandemischen Ausbreitung des Nuschelns" festhält:

"Von hinter den Mundschützen (was ist eigentlich der Plural von Mundschutz?) dringt oft Schwer- oder Unverständliches an unser Ohr. Durch Lautstärke lässt sich der akustische Verlust ein bisschen ausgleichen. Aber oft wird nur das Murmeln lauter, nicht das Gesagte verständlicher. Gänzlich entfällt dabei die Information, die beim normalen Sprechen die Intonation beisteuert: Ist das Gegenüber freundlich oder feindlich, traurig oder fröhlich gestimmt?"

"Murmel, Murmel" heißt der Artikel im TAGESSPIEGEL.

Und nun: Corona hin, Corona her – frohe Ostern!

Falls Sie in den Frühling hinausziehen, würdigen Sie bitte – mit einer Überschrift der WELT: "die Kostbarkeit der Knospen".

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