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Kulturpresseschau | Beitrag vom 29.05.2020

Aus den FeuilletonsAls Clint Eastwood vor einem leeren Stuhl sprach

Von Tobias Wetzel

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Der Schauspieler Clint Eastwood bei der AFI Awards-Verleihung. (picture alliance / Invision/AP Photo / Jordan Strauss)
Unermüdlich und wegen seiner politischen Äußerungen durchaus umstritten: Clint Eastwook wird 90. (picture alliance / Invision/AP Photo / Jordan Strauss)

Er feiert tatsächlich schon seinen 90. Geburtstag: Clint Eastwood, immer noch sehr präsent im Filmbusiness und mit seinen politischen Ansichten. Mit denen fällt Eastwood eher negativ auf. Das ist den Feuilletons einige Zeitungsartikel wert.

"Die Menschen gehen mit federnden Schritten, man kann gar nicht anders bei diesem Wetter. Aber alle tragen sie Masken", schreibt der Bestsellerautor Daniel Kehlmann in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG über den Frühling in New York in Coronazeiten. Zwar sei es deutschen Wissenschaftlern zufolge kaum möglich, sich beim Gehen auf der Straße anzustecken. Aber in New York sei die Maske zum allgemeinen Erkennungszeichen jener geworden, die sich als vernünftige Menschen verständen.

"Gestern, als meine Frau, mein Sohn und ich um neun Uhr abends die menschenleere Fifth Avenue hinaufgingen, schrie uns eine Frau aus der Ferne hinterher, wir sollten gefälligst unsere Masken anziehen", schreibt Daniel Kehlmann und analysiert: "Die Dialektik der Aufklärung: Was als vernünftige Maßnahme beginnt, wird schnell zum Talisman."

Dieser Satz Kehlmanns hätte auch als Überschrift für Hans Ulrich Gumbrechts Artikel in der WELT dienen können. Aber die Titelzeile lautet: "Am Ende von Wissenschaft".

Die zweite Generation von Postkolonialismusforschern

Gumbrecht glaubt, die Postcolonial Studies, eine für ihn eigentlich relevante Fachdisziplin, befänden sich zurzeit in einem Prozess der "Selbstauflösung". Als einen Beleg dafür führt der Literaturwissenschaftler den kamerunischen Historiker und Postkolonialismustheoretiker Achille Mbembe an: "Achille Mbembe will den Antisemitismusvorwürfen ausgerechnet mit der Feststellung entgehen, dass der Holocaust 'genau genommen nicht Gegenstand seiner Forschung ist' (so als könne nur ein wissenschaftlicher Spezialist Antisemit sein), und ersetzt den Sachbezug durch die unüberbietbar selbstzufriedene moralische Versicherung, 'nicht eine Spur von Groll oder Vorurteil gegen irgendjemanden, von Hass gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft' zu hegen."

Für Gumbrecht zeigt sich da ein Verständnis von Wissenschaft, "die sich von Empathie und Moral nicht mehr absetzen will". Das hat Hans Ulrich Gumbrecht bei der von ihm sogenannten zweiten Generation von Postkolonialismus-Forschern beobachtet. Und genau diese Haltung führe zur Selbstauflösung dieses Fachs. Denn wer die Welt nicht mehr analysiert, sondern sich stattdessen nur für die vermeintlich gerechte Sache engagiert, liest man aus Gumbrechts Worten heraus, betreibt keine Wissenschaft mehr. Er fragt, ob diese Gefahr nicht bei allen Geisteswissenschaften besteht, und rät deshalb vorsorglich, zu teils ausrangierten Prinzipien zurückzukehren, unter anderem "zur Betonung von Wissensinnovation statt dem Ausmalen feststehender Weltbilder" und "zur Skepsis gegenüber den eigenen Gefühlen statt ihrer Feier".

Eastwoods Haltung ist verstörend

Das würde man sicher auch Clint Eastwood mit auf den Weg geben, der, wie Hanns-Georg Rodek in der WELT berichtet, einem Verschwörungstheoretiker 50.000 Dollar geschenkt hat. Aber am Sonntag wird der US-amerikanische Schauspieler und Regisseur 90; es ist also wohl etwas zu spät für einen Sinneswandel.

In die Geburtstagsgratulationen der Feuilletons mischt sich hier und da die Verstörung über Eastwoods politische Ausrichtung: "[...] als ich schon fast vor Ehrfurcht zu versinken drohte, hielt er 2012 diese seltsame Anti-Obama-Rede vor einem leeren Stuhl", schreibt Doris Dörrie in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Mein Groll auf ihn hält nur nie lange an, weil er dann garantiert wieder einen tollen Film macht, und sich unermüdlich mit dem amerikanischen Heldenmythos herumschlägt". Ebenfalls in der SZ erinnert sich der Regisseur Wolfgang Petersen: "Das einzige Problem mit Eastwood sind lange Dialoge – er hat einfach keine Lust, sie sich zu merken. Bei einer Szene sagte er zwischendrin, wenn er wieder einen Satz vergessen hatte, einfach immer wieder 'Blablabla', ohne das Gesicht zu verziehen."

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