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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 27.02.2016

Aus den FeuilletonsAbschied von Peter Lustig

Von Arno Orzessek

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Peter Lustig sitzt im Jahr 2002 bastelnd vor dem berühmten Bauwagen der Kindersendung "Löwenzahn". (imago / Sven Simon)
Peter Lustig sitzt im Jahr 2002 bastelnd vor dem berühmten Bauwagen der Kindersendung "Löwenzahn". (imago / Sven Simon)

Die Meldung vom Tod Peter Lustigs hat viele Erwachsene mit Wehmut an ihre Kindheit und die ZDF-Sendung "Löwenzahn" denken lassen. Die "Tageszeitung" würdigt Lustig als den, der in einer gefühlt schlechten Zeit gekonnt zu Umweltschutz aufrief.

Am Anfang: Abschied.

"Umberto Eco ist gestorben. Und wer soll uns jetzt die Zeichen der Zeit und der Vergangenheit deuten?" - grübelte die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG...

Und verband in ihrer nur scheinbar simplen Frage nachrufmäßiges Pathos mit soviel traurig-ironischer Übertreibung und logischer Entgrenzung, dass man zur Beantwortung gern Eco selbst zu Rate gezogen hätte.

Für die TAGESZEITUNG war der Verstorbene "Der Mann mit der unendlichen Neugier".

"Was dieser Autor alles wusste! Und wie wenig snobistisch er dachte! Umberto Eco verband Hoch- und Populärkultur", verbeugte sich - ausrufezeichenreich - Michael Braun.

"Sein Feld war die ganze Welt", reimte nolens volens Andreas Platthaus in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG über "Umberto universale" ...

Und verglich Eco mit einem deutschen Dichter, der auch noch nicht lange tot ist.

"[Eco] war das gute Gewissen seines Landes, eine Instanz, deren Bedeutung nur mit der von Günter Grass hierzulande bis zu dessen Selbstdemontage verglichen werde kann. Eco blieb jede Relativierung seiner Bedeutung erspart."

"Der nette Posterboy der Grünen"

Derweil ist auch ein anderer populärer Welt-Erklärer gestorben: Peter 'Nickelbrille' Lustig - laut TAZ der "nette Posterboy der Grünen".

"Er war ein gutes Vorbild in einer gefühlt schlechten Zeit: Kalter Krieg, Atomkraft, Nato-Doppelbeschluss, Waldsterben, Tschernobyl. Politisches und ökologisches Versagen führten uns in den 80ern Hand in Hand ins Verderben. So fühlten viele. Und Peter Lustig verwandelte diese Gefühle in etwas Konstruktives. Werft nicht so viel weg! [ ... ] Nutzt das Fahrrad und den öffentlichen Nahverkehr! [ ... ] Kompostiert, trennt den Müll, pflanzt, baut, guckt, macht, fragt! All diese Imperative unterhaltsam zu verpacken [ ... ], ist eine Kunst. Es war seine Kunst."

So Jürn Kruse in der TAZ.

Verdun: "Kriege sind dazu da, um sich zu versöhnen"

Von Toten handelt unumgänglich auch jede Befassung mit der Schlacht um Verdun ab Februar 1916.

"'Ist Verdun nicht ein Menschenfresser?‘" zitierte die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der bitteren Frontpost eines Soldaten.

Die Tageszeitung DIE WELT illustrierte ihren Artikel "Niedlich hügelig gesprengt" mit einem Foto des heute wieder bewaldeten Schauplatzes.

Unterschrift: "Dem Tod ist die Schönheit der Natur egal: In Verdun mussten 300.000 Soldaten brutal verenden, zerfetzt werden, teilweise in Trichtern ersaufen."

Frédéric Schwilden berichtete, wie er nach dem Besuch der Schlachtfelder gemütlich im Gasthof zu sitzen kam, in dem alles "billig und trotzdem gut" war...

"Besonders der Wein und das Bier mit dem Orangenlikör. Wir merken, wozu ein Krieg am Ende gut ist: Kriege sind nicht dazu da, um sie zu gewinnen. Kriege sind dazu da, um sich zu versöhnen. Kriege sind dazu da, um wie Kohl und Mitterand einander die Hand zu reichen. Kriege sind dazu da, um hundert Jahre später auf dem ehemaligen Schlachtfeld gemeinsam an einem Tisch zu sitzen und leicht einen sitzen zu haben. Wenn das nicht der Sinn von Krieg ist, dann ist er wirklich sinnlos",

behauptete WELT-Autor Schwilden, zwischen Nachgeborenen-Leichtigkeit und Zynismus balancierend.

Berlinale-Gewinner "Fuocoammare" spaltet die Filmkritiker

Ebenfalls nicht frei von Leichen im Hintergrund ist unser Rückblick auf die Berlinale ...

Genauer, auf den Gewinner des Goldenen Bären - nämlich "Fuocoammare - Feuer auf See", Gianfranco Rosis Dokumentar-Film über den Alltag auf der Mittelmeer-Insel Lampedusa.

"Dieses opportunistische Werk nutzt das Leid der Flüchtlinge, um gut auszusehen. Es hätte würdigere Preisträger gegeben",

motzte Katja Nicodemus in der Wochenzeitung DIE ZEIT - und wendete ein klassisches Kritiker-Argument gegen Rosi:

"Man hat das Gefühl, dass der Regisseur auf die Insel Lampedusa gereist ist, um dort zu erfahren, was er ohnehin schon wusste."

Komplett entgegengesetzt: die Meinung des FAZ-Kritikers Dietmar Dath.

"Menschen, deren Umstände ihre Menschlichkeit angreifen, kann man nur schwer zeigen, ohne sie dabei auch in einem moralisch heiklen Wortsinn vorzuführen. Rosi jedoch gelingt das, indem er jene ernster nimmt, als das Leute können, denen es zuerst um Moral zu tun ist. Indem er alle Sinne achtet, die einen Film wahrnehmen dürfen, weckt Rosi endlich einen Sinn, den die beflissene Wegwerfsinnlichkeit des zeitgenössischen Kinos allzu oft nicht erreicht [ ... ]: den Sinn für Gerechtigkeit."

"Tageszeitung" ätzt gegen Mark Zuckerberg und Facebook

Ob's gerecht ist, dass der Berlin-Besuch des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg derart viel Aufmerksamkeit erhalten hat, sei dahingestellt.

Die TAZ jedenfalls regte sich mächtig darüber auf, dass Zuckerberg den Axel Springer Award verliehen bekam, und ätzte: "Herzlichen Glückwunsch zum Epic Fail".

Ganzseitig agitierte Tilman Baumgärtel gegen Zuckerberg - und auch gegen dessen Weltverbesserungsprojekt "Free Basics".

"Eine aufwändige Initiative, die Menschen im globalen Süden den Gratiszugang zum Netz ermöglichen sollte, in der Praxis aber nur den Eintritt zu einer Handvoll Websites inklusive Facebook erlaubt. Das riecht so stark nach dem Versuch, die Netzneutralität aufzuheben und Facebook für neue, oft wenig gebildete Nutzer als das Internet schlechthin darzustellen, dass das Angebot in Ägypten und Indien inzwischen verboten wurde. Noch Fragen?"

fragte TAZ-Autor Baumgärtel.

Bemerkenswert, dass laut SZ die großen Digitalkonzerne und namentlich Google "ihr Image als Datenkraken loswerden" wollen.

Johannes Boie stellte Gerhard Eschelbeck vor, der bei Google für Datenschutz sorgen soll.

"Eschelbeck sieht Googles Image in Deutschland und Europa durchaus als Problem, nicht zuletzt allerdings als eines der Kommunikation. [ ... ] 'Wir haben sicher nicht alles richtig gemacht‘, [gesteht Eschelbeck]. Das kann man so sagen. In der englischsprachigen Wikipedia gibt es eine [ ... ] Seite mit dem Titel 'Datenschutzvorbehalte gegen Google‘, ausgedruckt ergibt der Text zehn volle Din-A4-Seiten." 

Falls Sie, liebe Hörer, an diesem Sonntag aus analogem Trotz zum Buch greifen wollen, aber nicht wissen, zu welchem:

Paul Ingendaay schwärmt in der FAZ von Henry James, der vor 100 Jahren gestorben ist.

Auch keine Sonntags-Beschäftigung für Sie? Nun, dann empfehlen wir Ihnen, mit einer Überschrift selbiger FAZ:

Stellen Sie sich "Unter die Dusche der Liebe".

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