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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 11.04.2010

Aus den Federn, ihr Hühner!

Von Udo Pollmer

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Legehennen vertragen keine Energiesparlampen. (AP)
Legehennen vertragen keine Energiesparlampen. (AP)

Unser Federvieh ist für Zeitverschiebungen ganz besonders empfänglich – weit mehr als Mensch oder Milchkuh. Denn das Leben eines Huhns wird von der Tageslänge bestimmt. Die Hühner kriegen die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ziemlich genau mit. Wenn die Tage im Frühjahr länger werden, dann fangen sie an Eier zu legen, so wie die anderen Vögel auch.

Die Legetätigkeit der Hühner ist so stark vom Licht abhängig, dass sie in der Landwirtschaft stets mit Lichtprogrammen gehandelt werden – so wie man Computer ja auch mit einem Betriebssystem verkauft. So können die Hennenhalter den Eierausstoß auf die Wünsche des Marktes einstellen. Schon für den Embryo im Ei hat das Licht so seine Folgen. In der Natur ist es ja unter dem Hintern einer Glucke zappenduster. Aber nicht in den Brutschränken mit ihren großen Sichtfenstern. Das Licht dringt durch die Schalen und das hat zur Folge, dass die Küken, wenn sie endlich Legehennen sind, zum Federpicken neigen, was manchmal zu blutigen Verletzungen führt.

Nach dem Schlüpfen werden die Küken die ersten Tage ohne Unterbrechung beleuchtet, - das klingt ziemlich fies, aber die Piepmätze scheinen das schadlos zu überstehen. Erst mit etwa vier Tagen lernen sie die Dunkelheit kennen, die ist aber nur von kurzer Dauer. Erst nach zwei Wochen werden ihnen zehn Stunden Nachtruhe zugestanden. Die Nacht wird dann für ein paar Wochen ausgedehnt auf 15 Stunden – dann fressen die Tiere besonders viel und wachsen sehr schnell. Sobald sie mit dem Eierlegen anfangen sollen, werden sie einfach länger beleuchtet. Je schneller die Tage heller werden, desto früher fängt das Geflügel mit dem Legen an.

Das ist noch lang nicht alles: Mit dem Lichtprogamm kann man auch die Zahl und die Größe der Eier steuern. Ist die volle Legetätigkeit erreicht, schalten manche Hühnerhalter aus Kostengründen das Licht tagsüber zwischenzeitlich wieder aus. Aber nicht zu lange, damit die Hühner noch ausreichend Zeit haben, genug Futter zu fressen. So ein High-Tec-Legeautomat produziert Tag für Tag ein Riesen-Ei, denn die Eier sind heute viel größer und schwerer als früher.

Und weil das mit dem Licht so gut funktioniert, haben die findigen Hühnerzüchter eifrig mit den Farben des Lichtes herumexperimentiert: Blau getöntes Licht beruhigt die Tiere, blaugrünes Licht fördert das Wachstum, orangerotes Licht regt die Legetätigkeit an. Sinkt die Legeleistung, wird auf kurze Tage umgestellt, - die Hühner kommen in die Mauser, und wenn sie ein neues Federkleid haben, beginnt das Lichtprogramm von vorn. Nach der zweiten Legeperiode taugen die Legeautomaten nur noch als Suppenhühner.

Bei der früher üblichen Freilaufhaltung bei Tageslicht legten die Hennen entsprechend der Jahreszeit. Und dann gab es eben im Herbst wenig und im Winter gar keine Eier mehr. Wem hier sein romantisches Herz blutet, der sollte bedenken, dass die Ökobilanz dieser traditionellen Haltung ziemlich bescheiden aussieht: Die Tiere brauchen nämlich mehr Futter, dafür legen sie dann auch noch viel weniger Eier. Stattdessen gibt's reichlich Hühnerschiss, der die Umwelt belastet. Wir müssen uns bitte im Klaren sein, dass Umweltschutz, Tierschutz und Agrarromantik nicht zusammenpassen.

Doch zurück zur modernen Eierproduktion mit ihrer Dauerbeleuchtung, da gibt es noch was zu berichten: Die Wahl der Beleuchtungsart ist nicht unwichtig. Leuchtstoffröhren oder Energiesparlampen lösen beim Geflügel Stress aus, das bringt Unruhe in den Stall, die Tiere werden aggressiv, und das geht bis zum Kannibalismus – Hühner können ziemlich grausam sein.

Die Glühbirnen waren zwar nicht ideal, weil ihnen das UV-Licht fehlte, aber ansonsten recht brauchbar. Heute nehmen viele Halter spezielle Hochfrequenz-Röhren, aber für die Aufzucht der Küken und Junghennen gelten teure Vollspektrum-Lampen als vorteilhaft. Sie kommen dem Tageslicht am nächsten und liefern zumindest im Stall auch die besten Ergebnisse. Na dann, Mahlzeit!

Literatur
Thiele HH: Light stimulation of commercial layers. Lohmann Information 2009; 44 (2): 39-48
Lewis P, Morris T: Poultry Lighting. Northcot, Trowbridge 2006
Riedstra B, Groothuis TGG: Prenatal light exposure affects early feather-pecking behaviour in the domestic chick. Animal Behaviour 2004; 67: 1037-1042
Olanrewaju HA et al: A review of lighting programs for broiler production. International Journal of Poultry Science 2006; 5: 301-308
Tilger M: Biologische Rhythmen bei Nutztieren. Dissertation, München 2005
Brade W et al: Legehuhnzucht und Eiererzeugung. Landbauforschung 2008, Sonderheft 322

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