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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.08.2007

Aus dem Leben eines Gehörnten

Georgi Gospodinov: "Natürlicher Roman", Droschl Literaturverlag, Graz 2007, 176 Seiten

Sofia, Bulgarien (Stock.XCHNG / svilen milev)
Sofia, Bulgarien (Stock.XCHNG / svilen milev)

"Wir trennen uns", lautet der erste Satz des "Natürlichen Romans". Die Frau ist nämlich schwanger, jedoch nicht vom Ehemann. Wer nun einen depressiven Scheidungsroman erwartet, der geht fehl. Georgi Gospodinov gewinnt der traurigen Ausgangssituation einen ziemlich komischen und dazu experimentellen Roman ab.

Er nimmt das Scheiden wörtlich: als Trennen, Aufspalten und Zerlegen bis in die kleinsten Einheiten. Und so beginnt der Ehemann nach der Trennung, sich förmlich zu zersetzen. Sein Leben zerfällt in einzelne Bestandteile, in hochfliegende Pläne, lächerliche Bruchlandungen, gelehrte Kneipengespräche und innige Katzenliebe. All dies steigt wie schillernde Faulgasblasen auf. Manche riechen streng, manche süßlich, und alle zusammen sind recht amüsant.

Da ist es zur Toilette nicht mehr weit. Mit Freunden unterhält sich der gehörnte Ich-Erzähler in seiner neuen Single-Wohnung just während eines Essens eingehend über diesen alltäglichen Ort des Scheidens (die Klosett-Kapitel sind nicht mit Zahlen, sondern einem "00" überschrieben). Auf ihm sind die Fliegen heimisch, die mit Vorliebe Organisches zerlegen. Es folgt eine "Naturgeschichte des Klosetts", eine der Fliegen sowie eine der Pflanzen.

Die "Naturgeschichten" haben freilich wenig mit Wissenschaft zu tun, dafür viel mit Erinnerungen an eine geliebte Frau, mit der man sich stundenlang bestens durch die geschlossene Toilettentür unterhalten konnte. Oder mit einem geplanten Roman, der immer auf Seite 17 abbrechen und neu ansetzen soll – ein Roman voller Facetten wie das Auge einer Fliege. Außerdem gibt es noch Szenen aus dem Leben des Gehörnten: Wie er mit seiner Frau zunächst bei ihren Eltern wohnte. Eine unglückliche Liebe in Venedig. Schreibversuche. Frühe Erzählungen. Aristoteles, Salinger, Eliot, Flaubert, Lyotard und Tarantino werden zitiert oder nur genannt. Der Mensch gleicht für den Bulgaren Georgi Gospodinov, der 1968 geboren wurde und bereits mehrere Bücher, Kolumnen sowie Drehbücher verfasst hat, einer recht prall gefüllten – pardon – Wursthülle.

Natürlich ist am "Natürlichen Roman" der Zerfall, der das Buch auf anfangs unmerkliche Weise strukturiert: Der Weg allen Fleisches ist Vorbild für die in ihm erzählte Auflösung des menschlichen Bewusstseins. Der Gefahr der Beliebigkeit entgeht der Roman bis fast zum Ende, als der gehörnte Erzähler ohne Aufsehen aus dem Buch verschwindet, was leider vorhersehbar war und auch nicht zum ersten Mal zu lesen ist. Denn über weite Strecken hält ein gemeinsamer Ton zusammen, was sich nach der Trennung von der Ehefrau auflöst: Die Kurzkapitel sind sämtlich auf seltsam oder skurril gestimmt und verbergen so die Trauer des von der Ehefrau Verlassenen. Verständlich, dass er über Gott und letzte Fragen nachdenkt. Allerdings fesseln ihn noch mehr vorletzte Fragen. Etwa die, wie eine Bibel für Fliegen aussehen müsste … Georgi Gospodinov ist ein intellektuell-anarchischer Humorist der Verzweiflung.

Rezensiert von Jörg Plath

Georgi Gospodinov: Natürlicher Roman
Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann
Droschl Literaturverlag, Graz 2007
176 Seiten, 19 Euro

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