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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.04.2008

Augenzwinkernde Weltwahrnehmung

Walter Kempowski: "Somnia. Tagebuch 1991". Albrecht Knaus Verlag, München 2008, 543 Seiten

Walter Kempowski, Schriftsteller (AP)
Walter Kempowski, Schriftsteller (AP)

Der im vergangenen Oktober verstorbene Autor Walter Kempowski war ein akribischer Tagebuchschreiber. Sein nun postum unter dem Titel "Somnia" veröffentlichtes Tagebuch 1991 zeigt Kempowski als ironisch-kritischen Beobachter des Weltgeschehens und der Zeitläufe. Zugleich sieht man Kempowski als einen in seiner Eitelkeit verletzten Schriftsteller, dem nie die Ehrungen zuteil wurden, die seine Zeitgenossen wie Grass oder Rühmkorf erhielten.

Es hilft alles nichts: Walter Kempowski ist ein ewig Zukurzgekommener. Nie ein Aufenthalt in der Villa Massimo, kaum bedeutendere Literaturpreise, immer als Unterhaltungsschriftsteller missverstanden! Kempowski macht sich lustig über das eigene Geltungsbedürfnis, kann sich neidische Seitenblicke auf Kollegen und Generationsgenossen gleichwohl nicht verkneifen. Von Heinrich Böll über Günter Grass bis hin zu Peter Rühmkorf, allen wurde die verdiente Anerkennung zuteil, nur er ging leer aus.

Ein verzweifelt-komischer Grundton bestimmt das Tagebuch des 2007 verstorbenen Schriftstellers, das jetzt postum unter dem Titel Somnia herauskommt und das Jahr 1991 umfasst. In loser Folge hält Kempowski private Vorkommnisse fest und resümiert seinen Alltag mit buchhalterischer Akribie. Er erläutert seine Arbeit am Echolot, dem monumentalen kollektiven Kriegstagebuch, lässt aktuelle politische Ereignisse vom Irakkrieg bis zu der Hauptstadtentscheidung für Berlin und den Kriegshandlungen auf dem Balkan einfließen, streut Bemerkungen zum Fernsehprogramm, zu Lektüren, seinem gesundheitlichen Wohlbefinden, Begegnungen und Träumen ein.

Eingelassen in die Tagebuchnotizen von 1991 sind kursiv gedruckte Anmerkungen von 2001 und 2007: der Autor hat seine Eintragungen also noch einmal gründlich gesichtet und zweifelsohne auch bearbeitet, wollte aber die nachträglich eingefügte Kommentarebene auch für den Leser kenntlich machen.

Walter Kempowski ist als Archivar und Chronist der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts in vielfacher Form hervorgetreten. Formal sind zwei verblüffend entgegen gesetzte Verfahrensweisen erkennbar. Im Echolot sammelte er abseits seiner eigenen Subjektivität geschichtlich bedeutsame Notate unterschiedlichster Provenienz.

In seinen eigenen Tagebüchern hingegen macht er das subjektive Empfinden bewusst zum Dreh- und Angelpunkt: Bei der Betrachtung des Zeitgeschehens wird die private Sichtweise zum Maß aller Dinge. Wie bereits seine Tagebuchbände Sirius (1990) und Alkor (2001) ist auch Somnia ein Kaleidoskop von Eindrücken, Gedanken und Erlebnissen.

Bemerkenswert ist die Allgegenwart des Fernsehens: Kempowski scheint sich jeden Abend mehrere Stunden durch die Programme gezappt zu haben. Das aktuelle Weltgeschehen tritt in Somnia in denselben merkwürdig mecklenburgisch-verschrobenen, kauzig-pointierten Beobachtungen zu Tage, wie es schon in den frühen siebziger Jahren in seinen berühmten Rostocker Romanen der "Deutschen Chronik" Tadellöser & Wolff und Uns geht's ja noch gold typisch für Kempowski war.

So werden zum Beispiel Nachrichtensprecherinnen mit einer untergründigen Komik dargestellt - es geht nicht um die Inhalte der Sendung, sondern um die weibliche Ausstrahlung der Dame auf den Zuschauer Kempowski. Diese sehr eigene Art der Komik reflektiert augenzwinkernd die von dem Autor immer liebevoll und gleichzeitig analytisch beschriebenen Kleinbürgerstrukturen. Denn Kempowski ist selbst ein Kleinbürger. So wie er Politiker in ihrer menschlichen, bzw. entlarvend künstlichen Ausstrahlung schildert, holt sie sich jeder Kleinbürger in seinen privaten Raum hinein. Die Leistung Kempowskis besteht gerade darin, diesen Mechanismus aufzudecken. Kohl, Gorbatschow und die lustigen Verrenkungen, die die pathetisch aufgeladene Zeitgeschichte im Detail entfaltet, sind das Lebenselixier des Schriftstellers.

Gerade in den Tagebucheintragungen ist zu bemerken, wie sehr diese Haltung als Schutz funktioniert. Sie hilft dem Verfasser, die eigenen traumatischen Erfahrungen der Kriegszeit und seiner Haft in Bautzen in Schach zu halten. Das manchmal angestrengt Komische, gewollt Lustige in seiner Wahrnehmung der Zeitläufte muss er dabei notgedrungen in Kauf nehmen.

Sein neuer Tagebuchband gibt nicht nur Aufschluss über Kempowskis Alltag, seine Arbeitstechnik und eine historische Phase der Bundesrepublik. Um Walter Kempowskis Lebensleistung, seine Poetik und sein Werk im Detail zu verstehen, ist die Lektüre von Somnia unverzichtbar.

Rezensiert von Maike Albath

Walter Kempowski: Somnia. Tagebuch 1991
Albrecht Knaus Verlag, München 2008
543 Seiten. 24,95 Euro

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Walter Kempowski gestorben

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