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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.05.2015

Aufzeichnungen 2012-2014Zeitkritik mit logischen Bruchstellen

Von Florian Felix Weyh

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Russlands Präsident Wladimir Putin (picture alliance / dpa / Alexei Druzhinin)
Putin ist für Klonovsky "der einzig echte Charakter unter den derzeitigen Politikern". (picture alliance / dpa / Alexei Druzhinin)

Ex-Focus-Redakteur Michael Klonovsky ist ein kluger Autor, meint unser Rezensent. Doch in "Bitte nach Ihnen" versagt ihm stellenweise der Verstand, zum Beispiel, wenn er über Putins Politik sinniert. Lesen sollte man das Buch trotzdem.

Die Schwäche des rechten Denkens ist das Ressentiment, die Schwäche des linken Denkens die Phrase. Intellektuelle, die sich eindeutig positionieren, verlieren regelmäßig – rechts wie links – ihre Fähigkeit zum differenzierten Denken. Wobei es viel mehr linke als rechte Intellektuelle in Deutschland gibt.

Prominent rechts ist Jan Fleischhauer mit seiner Spiegel-Online-Kolumne "Der schwarze Kanal", doch bei ihm wird man den Verdacht nie los, er besetze bloß eine publizistische Marktlücke im linksliberalen Medien-Mainstream.

(Manuscriptum Verlag )"Bitte nach Ihnen" von Michael Klonovsky (Manuscriptum Verlag )Da ist Michael Klonovsky aus anderem Holze geschnitzt. Wenn der Ex-Focus-Redakteur sein aktuelles Diarium der Jahre 2012-2014 "Reaktionäres vom Tage" untertitelt, meint er es keinesfalls ironisch, sondern heldisch: Seht her, ich bin der einzige, der noch Tacheles redet!

"Der erste Satz der EU-Verfassung sollte lauten: Alle Solidarität geht von Deutschland aus." 

Ist das schon reaktionär? Oder einfach nur ein spitzer Aphorismus?

"Übrigens: Wenn an Europas Gestaden Afrikaner ertrinken, ist das keine Schande für Europa, sondern für Afrika." 

Kein Haudrauf, sondern sprachlich raffiniert

Da müssen viele Menschen, schon eher schlucken – beziehungsweise: Das können sie so nicht mehr schlucken! Doch Klonovsky ist kein Haudrauf.

Dass er diese einzige Notiz vom 14. Oktober 2013 mit einem "übrigens" beginnt, ist sprachlich raffiniert: Es stellt ein stilles Einverständnis mit dem Leser her, nämlich so, als befände man sich am Ende einer langen Debatte über Flüchtlingspolitik, und es folge nur noch eine kleine Randbemerkung.

Die allerdings käme der Wahrheit näher, würde Klonovsky ihr ebenfalls sprachliche Raffinesse angedeihen lassen: Es ist nämlich nicht nur eine Schande für Europa, sondern auch für Afrika.

"Russland ist keine Exil-Alternative, doch wenn ich mir ausmale, welche Zwangsbeglückung uns die EU-Sozialisten, die Antidiskriminierer, die Weltklimaretter, die Gesellschaftsnivellierer und Meinungsfreiheitsbeschneider noch angedeihen lassen werden, möchte ich diese Option nicht vollends ausschließen." 

Das jetzt ist ein Volltreffer, mitten hinein ins antidemokratische Ressentiment.

Bei Putin versagt ihm der Verstand

Dass Michael Klonovsky eigentlich ein kluger Autor ist, haben seine vorigen – allesamt streitbaren – Bücher bewiesen, aber bei Putin versagt ihm der Verstand: Weil die anderen den russischen Demokrator unisono böse finden, hält er ihn für "den einzig echten Charakter unter den derzeitigen Politikern". Ähnliches gilt für Klein-Putin aus der Türkei:

"Erdogan hat völlig recht: Twitter ist die Pest. Sollte er sich jetzt noch entschließen, Mobiltelefone zu verbieten, wäre das fast ein Grund, in der Türkei um ästhetisches Asyl zu bitten." 

Zweites klassisch konservatives Ressentiment: Ästhetisch ist nur, was mindestens 100 Jahre alt ist und sich umblättern lässt. Je länger man diese Notate zum Tage liest, die manch funkelnden Aperçu und viele nicht uninteressante Reflexionen enthalten, desto klarer bekommt man vorgeführt, woran rechte Intellektualität für gewöhnlich scheitert: Es sind die verrutschten Kategorien.

Weil Massendemokratie mit ihrem Durcheinandergequatsche und ihrer Jeder-darf-mitreden-Erlaubnis einem elitären Konservativen Ekelgefühle verschafft, huldigt er lieber denjenigen, die der Massendemokratie den Garaus machen. Das war schon bei Carl Schmitt so und zieht sich als schwarzer Faden durchs rechte Denken.

Gegnerschaft ist billig zu haben

Dass in zugespitzten Führerschaftsmodellen dann gar keiner mehr mitquatschen darf, auch die gebildeten Klonovsky-Hofnarren dieser Welt nicht, wird selbstschädigend ausgeblendet: Das Überdruckventil zum Ekelablassen, genannt Ressentiment, tritt einfach früher in Aktion als der Verstand. Der vermutlich fühlt sich auf vertrautem Gebiet wohler – dort wo es um die alten Werte geht:

"Wer noch irgendwo auf ein authentisches Schamgefühl stößt, soll es hegen wie eine Kostbarkeit." 

Das stimmt – wie im Grundsatz Etliches an Klonovskys Zeitkritik, vom Unbehagen an verschleierten Religionen bis zum Gender-Kabarett an deutschen Universitäten. Nur wäre diese Zeitkritik ungleich stärker, schriebe sie sich Freiheit auf die Fahnen und nicht nur Gegnerschaft zu herrschenden Modellen. Gegnerschaft ist billig zu haben.

Übrigens: Michael Klonovsky aus linkem Elite-Ekel nicht zu lesen, macht keinesfalls klüger. Klug macht es, beim Lesen die sprachlich gut getarnten logischen Bruchstellen aufzuspüren.

Michael Klonovsky: Bitte nach Ihnen. Reaktionäres vom Tage
Acta diurna 2012-2014
Edition Sonderwege, Manuscriptum Verlag Waltrop 2015
472 Seiten, 22,80 Euro, auch als ebook

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