Seit 22:03 Uhr Freispiel

Donnerstag, 23.01.2020
 
Seit 22:03 Uhr Freispiel

Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.10.2011

Aufwand der Gefühle

"Trauer muss Elektra tragen" am Deutschen Theater in Berlin

Von Andrea Gerk

Podcast abonnieren
O'Neills Familiendrama hatte am Deutschen Theater in Berlin Premiere. (Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)
O'Neills Familiendrama hatte am Deutschen Theater in Berlin Premiere. (Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)

Stefan Kimmig verfolgt in seiner Inszenierung von Eugene O'Neills Familiendrama, mehrere ästhetische Ebenen gleichzeitig. Trotz hohen emotionalen Aufwands löst "Trauer muss Elektra tragen" erstaunlich wenig Gefühl aus.

Ein "Schrei nach Nähe" zieht sich durch Stefan Kimmigs Inszenierung von Eugene O'Neills Familiendrama, das auf Aischylos' Orestie beruht. In einem Bunker- oder grabartigen Raum (Bühne: Katja Haß), treffen übergroß wirkende Figuren aufeinander.

Der aus dem (amerikanischen Bürger)-Krieg zurückkehrende Geschäftsmann und General Ezra Mannon, der sein eigenes Haus nicht mehr erkennt. Zwar freut sich seine Tochter Lavinia aufrichtig, doch seine Frau Christine plant mit ihrem Geliebten längst seinen Tod.

Auch Ezras Sohn Orin kehrt im Rollstuhl aus dem Krieg zurück und trifft auf Frauen – seine Braut, seine Schwester, die Mutter – die ihn mit ihren je eigenen Erwartungen verfolgen. Er aber hat den Krieg längst in sich, ist seelisch darin zurückgeblieben, während die zu Hause, endlich weiterleben wollen und ihn zum vergessen drängen. Sicherlich ein ganz typischer Konflikt, den Kimmig hier herausarbeitet: die Heimkehrer, die nirgends, auch bei ihren Nächsten, mehr ankommen können.

Eindringlich spielen Maren Eggert, Alexander Khuon und auch Friederike Kammer ihre Rollen, die zwischen psychologischem und hysterisch-stilisiertem Spiel wechseln. Dennoch gelingt es der Inszenierung nicht, wirklich zu packen, da sie immer wieder zu unentschieden mehrere ästhetische Ebenen gleichzeitig verfolgt: so treten die Figuren zu Anfang in Kostümen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts auf und versetzen das Geschehen damit in die Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs.

Im Laufe des Abends wird die Kleidung ganz beiläufig immer moderner, der Übergang ins Heute schleicht sich quasi ein, ohne das dieser Wechsel jedoch erkennbare Gründe oder Konsequenzen hätte. So hebt sich Intensität oft selbst auf, wenngleich es auch stimmige, schlüssige Momente gibt, wie am Ende, wo Lavinia/Elektra glücklich, ja erleichtert lächelnd mit den Toten allein zurückbleibt.

Jetzt kann sie sich endlich in ihrer Version, in ihrem Verhältnis zu den ihr Nächsten einrichten, ohne von der Realität, den lebenden Menschen (mit ihrem eigenen Willen) gestört zu werden. Ein gelungener Moment in einem Abend, der unglaublichen emotionalen Aufwand betreibt, und dafür erstaunlich wenig Emotionen auslöst.

Trauer muss Elektra tragen
Drama von Eugene O'Neill
Regie: Stefan Kimmig
Deutsches Theater Berlin

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsVom Sehnen nach den wilden Zwanzigern
Kabarett und Varieté: Ballett. Revue-Girls des Damenballetts Ehed Karina, Berlin.  (picture alliance/dpa/ akg-images)

Der Vergleich drängt sich natürlich auf: Die wilden, goldenen 1920er-Jahre - und die Dekade, die gerade angebrochen ist. Die "Zeit" lässt Florian Illies eifrig Metaphern darüber schmieden, wie die "alten" Zwanzigerjahre sich anfühlten und wie sie rochen.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 21Ende der Lieblingssongs: Musik im Schauspiel
Szene aus "Hätte klappen können - ein patriotischer Liederabend" im Maxim Gorki Theater Berlin (imago/Drama-Berlin.de/ Barbara Braun)

Es ist unübersehbar: Immer mehr Theaterinszenierungen setzen auf Livemusik. Eine sichere Bank für Musiker – aber ist es künstlerisch wirklich immer sinnvoll? Im Gespräch mit dem Volksbühnen-Musiker Sir Henry fragen wir, was Musik für die Bühne sein kann und sollte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur