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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.04.2012

Aufsteiger und Ausgebrannte

Jennifer Egan: "Der größere Teil der Welt", Schöffling Verlag, 390 Seiten

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Die Brooklyn Bridge in New York vor dunklen Wolken (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)
Die Brooklyn Bridge in New York vor dunklen Wolken (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)

Der Roman ist wie eine Schallplatte in A- und B-Seite eingeteilt und enthält 13 Short-cut-artige Kapitel oder Tracks: Tonspuren des Lebens, das in seine Einzelteile zerlegt wird. Vielleicht hat Jennifer Egan ihr Buch zu kühl und zu berechnend kalkuliert.

"Ich bin gekommen, weil ich wissen will, was zwischen A und B passiert ist." Das sagt Scotty, der als Hausmeister und Müllsammler über die Runden kommt, zu Bennie, dem berühmten Musikproduzenten, in dessen Büro im 45. Stock eines Wolkenkratzers über Manhattan. Er hat ihm einen großen Fisch aus dem East River mitgebracht, den er ihm auf die spiegelblanke Schreibtischplatte klatscht. In ihrer Jugend haben die beiden gemeinsam in einer Band gespielt, dann trennten sich die Lebenswege. Aber was hat ihre heutige Existenz mit dem Damals zu tun? Wie hängen die so unterschiedlichen Erscheinungsformen des Ich im Lauf eines Lebens zusammen? Wie kommt man von A nach B? Das ist die zentrale Frage, die Jennifer Egan in ihrem mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Roman "Der größere Teil der Welt" in immer neuen Varianten durchspielt.

Das Buch ist wie eine Schallplatte in A- und B-Seite eingeteilt und enthält dreizehn Short cut-artige Kapitel oder Tracks: Tonspuren des Lebens, das in seine Einzelteile zerlegt wird. Die Form entspricht auch insofern dem Inhalt, als die meisten Geschichten im Musik-Business angesiedelt sind und mit Gescheiterten und gefallenen Stars zu tun haben. Nirgendwo ist die Diskrepanz zwischen erträumtem und gelebtem Leben größer, nirgendwo die Differenz zwischen Aufsteigern und Ausgebrannten eklatanter. Genau dafür, für diese Differenz, interessiert sich die 50-jährige, in Brooklyn lebende Autorin.

Die zentrale Figur, die in mehr als der Hälfte der Geschichten vorkommt, ist Bennies kleptomanisch veranlagte Assistentin Sasha. Sie ist nacheinander bei einem Rendezvous und im Gespräch mit ihrem Therapeuten zu erleben, dann als Bennies begehrte Angestellte, als Studentin in einer New Yorker Clique, als Jugendliche, die sich auf Weltreise begibt und in Neapel auf den Strich geht, und schließlich als Mutter zweier Kinder und Ehefrau eines Arztes irgendwo im mittleren Westen. Sashas zum Autismus neigender Sohn beschäftigt sich dann nicht ganz zufällig mit Pausen in Musikstücken der Popgeschichte, mit den Sekunden der Stille, den Zwischenräumen, der stummen Erwartung.

Seine Schwester Alison erzählt davon in ihrem "Folientagebuch", das Jennifer Egan tatsächlich wie eine Power-Point-Präsentation als grafisches Kapitel angelegt hat. So ist dieser aus unterschiedlichen Perspektiven und Figurenkonstellationen zusammengefügte Roman auch ein spannendes erzählerisches Experiment. Eine Pause lässt einen glauben, dass das Lied zu Ende ist, aber dann geht es doch noch weiter, bis irgendwann unweigerlich das richtige Ende kommt.

Jennifer Egan hat diesen Roman vielleicht ein wenig zu kühl und zu berechnend kalkuliert und aus Geschichten, die im Lauf der Jahre entstanden, gebaut. Wie aus Puzzlestücken entsteht aus den verschiedenen Teilen das Bild einer Person und eines Lebensweges, der gerade dadurch, dass er nicht chronologisch nacherzählt wird, die Zeit und eben auch die Zwischenräume spürbar macht. Das Leben wird wie ein Vexierbild erst in der Gesamtschau der konträren Elementen erkennbar. Das Zerbrechen der Chronologie ermöglicht es, die einzelnen Teile für sich und nicht als wohlgeordnete Kausalkette wahrzunehmen. Erst dadurch wird die Frage, wie A und B zusammenzuhängen, radikal zugespitzt.

Besprochen von Jörg Magenau

Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt. Roman
Aus dem Englischen von Heide Zeltmann
Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2012
390 Seiten, 22,95 Euro

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