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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.05.2007

Aufmunterung für werdende Schriftsteller

Renatus Deckert (Hg.): "Das erste Buch", Suhrkamp Verlag, 358 Seiten

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Füllfederhalter (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Füllfederhalter (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Das erste Buch eines Schriftstellers ist besonders wichtig, oft entscheidet es über den literarischen Werdegang. Der Dresdner Lyriker Renatus Deckert hat bei fast 100 deutschen Autoren nachgefragt, mit welchen Gefühlen sie inzwischen auf ihr Erstlingswerk zurückblicken. Zu den Befragten zählen Günter Grass, Friederike Mayröcker und Monika Maron.

Martin Walser erinnert sich vor allem ans "Alleinsein" und dass es am Anfang nur Kafka für ihn gab, da war schwer rauszukommen. Hans Magnus Enzensberger stößt sich am rechthaberischen Gestus seines Erstlings, und Jürgen Becker hat das Gefühl, "den Boden unter den Füßen zu verlieren", wenn er in seinen ersten Gedichtband von 1964 blickt. Wilhelm Genazino notiert, peinlich berührt, ein "stark redundantes Gestammel und Gestöhne über die Schmerzen der Jugend", Peter Handke weigert sich rundheraus, sein Debüt der "Hornissen" noch einmal aufzuschlagen. Monika Maron erzählt von den 10.000 Mark Schulden, die sie anhäufte, während sie ihren Roman "Flugasche" schrieb, und denkt träumerisch an den 13. Februar 1981, als das Buch in der damaligen BRD ausgeliefert wurde. Brigitte Kronauer stellte ihren frischgedruckten Prosaband hinter die Windschutzscheibe ihres VWs, auf dass alle Menschen in Göttingen erfuhren, dass nun, 1974, eine neue, hoffnungsvolle Autorin die literarische Bühne betrat. Und Katja Lange-Müller resümiert trocken: "Sich selber wiederlesen ist, als treffe man einen Zombie, aber glücklicherweise nicht ins Herz."

Andere dagegen fühlen sich durchaus charmiert angesichts der frühesten Produktion. Friedrich Christian Delius ist zufrieden erstaunt, dass er sich seiner ersten Gedichte gar "nicht zu schämen braucht". Eckhard Henscheid gibt sich heute noch für den Roman "Die Vollidioten", mit dem 1973 seine Karriere begann, "die Noten zwischen 1 mit Stern und 2 bis 3, insgesamt eine Eins mit kleinen Abstrichen", und er vermerkt gutgelaunt, wie peinlich berührt sich im Gegensatz der alte Goethe fühlte, als er seinen "Werther" wieder las.

Insgesamt 92 Geschichten, Statements, Kommentare über literarische Debüts hat der junge Dresdner Lyriker Renatus Deckert zusammengetragen. Als Herausgeber der Literaturzeitschrift "Lose Blätter" in Berlin war Deckert, Jahrgang1977, mit einem ähnlichen Projekt beschäftigt, daraus wurde die Idee, einmal flächendeckend bei Deutschlands Schriftstellern und Schriftstellerinnen anzuklopfen und sie an ihre Anfänge zu erinnern. Bis auf drei Ausnahmen sind alle Texte Originalbeiträge, manche kurz, etliche mehrere Seiten lang, alle pointiert und überaus ehrlich anmutend, oft sehr witzig und durchweg glänzend formuliert. Die Spanne der Debüts reicht von Ilse Aichingers erstem, 1948 erschienenen Roman "Die größere Hoffnung" bis zu Lutz Sailers Gedichtband "berührt/geführt" von 1995. Dabei stehen die Hoffnung und bange Erwartung, die vermeintliche Aussichtslosigkeit des Beginns naturgemäß im Mittelpunkt der meisten Texte, und gerade der Erfolg der späteren Jahre gibt solcher Rückbesinnung ihren besonderen Schmelz. Wer immer sich für die zeitgenössische deutsche Literatur und ihre Vertreter interessiert, wird an diesem Band seine Freude haben. Und alle angehenden Schriftsteller, die vielleicht "heulend", wie Monika Maron, über ihrem Erstling brüten, dürften einigen Trost verspüren: "Mutlos wird man erst später..." schreibt Siegfried Lenz in der Erinnerung an sein Debüt. Es entstand am Küchentisch.

Rezensiert von Joachim Scholl

Renatus Deckert (Hg.): Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt
Suhrkamp Taschenbuch Verlag
358 Seiten, 10,00 Euro

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