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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.10.2017

Auffallend unauffälligWarum Frauen weniger kriminell werden

Von Jennifer Stange

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(picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Eine junge Frau sitzt in Wetter (Nordrhein-Westfalen) in einer Zelle der Jugendarrestanstalt am Fenster. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

In der Kriminalitätssttistik sind Frauen unterrepräsentiert. Doch woran liegt es, dass nur rund ein Viertel aller Straftaten von Frauen begangen werden? Sind sie weniger kriminell oder lassen sie sich einfach nicht erwischen?

Eine Menge Zäune und Türen haben sich geöffnet und geschlossen, bis man drin ist.

Alles sieht ein bisschen aus wie eine sehr karge Jugendherberge. Nur dass eben die Fenster vergittert sind. Zwei Frauen, jung aber definitiv raus aus dem Klassenfahrtalter, sind neugierig, wer da durch den U-Haft-Trakt geführt wird. Sie tragen Einheitslook: graue Trainingshose, schwarzer Strickpullover.

31 Jahre alt, seit 20 Jahren Drogenkonsumentin

Beide Frauen sitzen wegen schweren Diebstahls in der JVA Chemnitz, eins von sieben Frauengefängnissen bundesweit. Sie sind irgendwo eingebrochen, in Keller oder Wohnungen, haben irgendwas möglichst Wertvolles gestohlen und dann verkauft. Um letztlich alles in die Währung einzutauschen, die sie noch interessiert hat: Crystal Meth. Nancy Rheinländer sagt, wäre sie nicht im Knast gelandet, wäre sie wahrscheinlich tot, weil ihr Körper das nicht mehr lange mitgemacht hätte. 

"Ich war halt von früh bis spät damit beschäftigt, Geld zu organisieren für Drogen. Also ich nehme jetzt seit zwanzig Jahren Drogen, irgendwann wirst du halt mal erwischt. Das ist halt so."

Zuletzt im Kaufhaus in Leipzig, unterm Arm eine Reisetasche voll mit Diebesgut. Nancy wurde umgehend dem Haftrichter vorgeführt und landete zum dritten Mal im Knast. 

Jennifer Stange: "Seit zwanzig Jahren nimmst du Drogen? Du bist einunddreißig…"

Nancy Rheinländer: "Mit elf habe ich angefangen."

Jennifer Stange: "Womit?"

Nancy Rheinländer: "Crystal."

Jennifer Stange: "Also mit elf Jahren Crystal nehmen, ich hab ja mit elf nicht mal geraucht. Warst du irgendwie feiern?"

Heroin mit 14

Nancy Rheinländer: "Das war halt so zum Ausprobieren. Ich hatte damals einen älteren Freund gehabt, der war halt schon über 18, und der hat das halt auch ständig genommen, und dann wollte ich das halt auch ausprobieren. Anfangs nur am Wochenende und dann halt in der Woche." 

Das alles in der sächsischen Kleinstadt Reichenbach, im vogtländischen Mittelgebirge. Die Pflegeeltern wussten von nichts. Nancy ist ihnen aus dem Weg gegangen - bis sie tot waren.

"Irgendwie hat 'ne Freundin mich dann zum 14. Geburtstag zum Shoppen eingeladen nach Leipzig. Da haben wir dann Leute kennengelernt, und von da an bin ich dort geblieben. Heroin ausprobiert, abhängig geworden, Schule abgebrochen."

Eine Werdegang, der beinahe typisch ist für Frauen, die hinter Gittern landen. Drogen, Drogenhandel, Einbruch, Diebstahl, Hehlerei. Beschaffungskriminalität. In Chemnitz sind es etwa 75 Prozent, die wegen Drogendelikten oder Beschaffungskriminalität eine Freiheitsstrafe absitzen. Bundesweit sieht das nicht anders aus. 

Tanja Köhler ist Juristin und stellvertretende Leiterin der Vollzugsanstalt Wolfenbüttel, ein Gefängnis für Männer. Sie sagt:

"Es gibt einige Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass Drogenkonsum und Drogenproblematik, insbesondere bei inhaftierten Frauen, ein großes Problem darstellen. Also ich erlebe es hier im Männervollzug ja auch, dass tatsächlich viele eine Drogenproblematik aufweisen, aber wenn man sich so die Forschungslandschaft anschaut, ist das tatsächlich ein Problem insbesondere bei Frauen, gegebenenfalls sogar noch ausgeprägter."

Männer begehen schwerwiegende Delikte

Promoviert hat sie über straffällige Frauen und eine der aktuellsten und umfangreichsten Forschungsarbeiten zum Thema Frauenkriminalität in Deutschland vorgelegt. Tanja Köhler:

"Man muss erstmal schauen, was zeigt sich denn im Hellfeld an Besonderheiten in Bezug auf die Frauenkriminalität? Und da können wir sehen, dass Frauen statistisch gesehen einen sehr niedrigen Anteil an der Gesamtkriminalität ausmachen. Gucken wir uns die polizeiliche Kriminalstatistik beispielsweise an, die Auskunft über Tatverdächtige gibt, dann sehen wir immer so einen Frauenanteil von 25 Prozent an der Gesamtkriminalität. Also wenn wir wirklich nur die Struktur der Frauenkriminalität anschauen, dann haben wir in der Regel über 50 Prozent Eigentums- und Vermögensdelikte und nur einen sehr kleinen Anteil Gewaltkriminalität. Und selbst wenn man das noch mal differenziert betrachtet, ist dort innerhalb dieser Gewaltkriminalität der größte Anteil auch einfache Körperverletzung beispielsweise, also einfachere Delikte. Und das ist eben der große Unterschied zu der Kriminalität der Männer, die in der Regel schwerwiegendere Delikte begehen."

Nur fünf Prozent aller Gefängnisinsassen in Deutschland sind Frauen. So gesehen ist das Wort Frauenkriminalität also geradezu irreführend, denn es gibt sie kaum. In der Forschung steht der Begriff für die Suche nach Erklärungen. Warum sind Frauen weniger kriminell als Männer? Tanja Köhler:

Emotionale Belastung löst Menstruation aus

"Insbesondere die älteren Erklärungsansätze, die sich mit dem Thema Frauenkriminalität beschäftigen, die sind durchzogen von Vorurteilen, und das geht ja so weit, dass es Untersuchungen gab, die den Einfluss der Menstruation der Frau auf Straffälligkeit untersucht haben und der Meinung waren, dass es einen Zusammenhang geben soll."

Unter dem Einfluss des "prämenstruellen Syndroms" müsse eine verminderte Zurechnungsfähigkeit der Täterinnen angenommen werden, glaubten im Großbritannien der 1980er-Jahre sogar einige Richter und urteilten entsprechend. Andere meinten, die emotionale Belastung durch die Straftat löse die Menstruation aus.

Mit fortschreitender Emanzipation wurden die Prognosen immer düsterer: Ein massiver Anstieg gewalttätiger und krimineller Frauen wurde vor allem von Männern befürchtet.

"Männerjustiz"

Erst recht, als mit den Studentenunruhen der 1960er-Jahre die Befreiung der Frau zur Massenbewegung wurde. Auch Frauen beschäftigten sich damals mit dem Thema, aber anders. Unter dem Titel "Männerjustiz" hatte die Feministin Alice Schwarzer 1977 eine Anklageschrift veröffentlicht.

Alice Schwarzer sitz mit blumigem Kleid und verschränkten Armen auf einem Stuhl. (imago / Sven Simon)Alice Schwarzer 1977 (imago / Sven Simon)

"Justitia ist ein Mann. Denn: Frauen werden für gleiche Taten oft härter verurteilt als Männer. Die Mörderin bekommt fast immer lebenslänglich oder zehn, fünfzehn Jahre, der Mörder nicht selten einen Freispruch oder ein paar Jährchen zur Bewährung. Bei Gattenmord werden von den weiblichen Tätern doppelt so viele zu lebenslänglich verurteilt wie von den männlichen Tätern!" 

Alice Schwarzer atmete den kritischen Geist ihrer Zeit. Was Kriminalität ist und wer kriminell ist, galt nicht länger als moralische Gewissheit, sondern wurde zum Konstrukt erklärt. Susanne Karstedt studierte damals Soziologie in Hamburg. Als Professorin für Kriminologie an der Universität Brisbane in Australien untersucht sie heute Frauenkriminalität im internationalen Vergleich.

Was kriminell ist bestimmen die Herrschenden

"Der entscheidende Anstoß, Kriminologie oder Verbrechen und Strafen in einer anderen Weise zu sehen, kam eigentlich aus den USA. Und zwar während man sozusagen in Europa und auch in Deutschland annahm, dass es ganz bestimmte Merkmale des Verbrechers geben könnte, sagten die Amerikaner oder eine Richtung in der amerikanischen Soziologie, das sind eigentlich Definitionen, das sind eigentlich Konstruktionen. Dass eigentlich Kriminalität nicht ein Merkmal der Handlung selbst ist, sondern auf den Definitionen durch das Recht und die Gesellschaft beruht. Dass sozusagen die Herrschenden bestimmen, was kriminell ist und wer kriminell ist." 

Nehmen wir also das Beispiel Cannabis: Jede brave Bürgerin kann in den Niederlanden einen Joint rauchen, tut sie das in Deutschland, macht sie sich strafbar. Die jeweilige Norm entscheidet, sie macht dich zur Täterin oder zum Täter. Die Normen selbst als kritischen Faktor mitzudenken, das habe die Kriminologie für immer verändert, sagt Karstedt: 

"Und das eignete sich natürlich hervorragend, als dann die Frage der Frauenkriminalität Anfang der 70er-Jahre virulent wurde und diskutiert wurde aus einer feministischen Perspektive." 

Das Straf- und Justizsystem als Instrument der patriarchalen Herrschaft geriet so in den Blick. Paragraphen aus Gesetzbüchern der jungen Bundesrepublik, die tatsächlich einen Unterschied machten zwischen den Geschlechtern - zumeist zum Nachteil von Frauen: Ehebrecherisches Verhalten von Frauen war strafbar, Prostitution stand unter Strafe, Frauen brauchten die Erlaubnis ihres Mannes, wenn sie arbeiten wollten, Nachtarbeit war für sie grundsätzlich verboten und so weiter. Rechtsnormen, deren gesellschaftliche Tragfähigkeit mit der Emanzipation dahinschmolz. Susanne Karstedt:

Entkriminalisierung bei den Frauen

"Also, es gab eine Entkriminalisierung bei den Frauen, und es gab gleichzeitig eine Kriminalisierung von männlichem Verhalten, nämlich dass Gewalt deutlicher kriminalisiert wurde. Zum Beispiel Gewalt in der Ehe, Vergewaltigung in der Ehe. Das sind natürlich Gesetze, die vor allem männliches Verhalten treffen." 

Der Anteil der Straftaten, die durch Frauen begangen wurden, blieb konstant. Von den 70er-Jahren bis heute sind nur rund 25 Prozent der Tatverdächtigen und etwa 20 Prozent aller verurteilten Straftäter in der Bundesrepublik weiblich. Verdächtig niedrige Werte für manche. Eine der populärsten Theorien, die das erklären soll, ist gewissermaßen das Gegenstück zu Schwarzers Thesen über die Männerjustiz: Frauen und Mädchen würden in den Statistiken kaum auftauchen, weil sie Nutznießerinnen eines "Kavalier-Bonus" seien – männliche Nachsicht von der Polizei bis zum Richterstuhl –, der ihnen eine Anzeige oder sogar die Gefängnisstrafe erspart. Ein Erklärungsmodell, das bis heute die Geister in der Kriminologie scheidet. Tanja Köhler hat das überprüft:

"Wenn ich die größtmögliche Vergleichbarkeit zwischen straffällig gewordenen Frauen und Männern herstelle. Also sprich: Ich betrachte jetzt einen Dieb und eine Diebin mit der gleichen Anzahl von Voreintragungen, im gleichen Alter, also erwachsen, deutsch… Dann bekommen beide gleich häufig, zu fast 50 Prozent, je nach Delikt…eine Freiheitsstrafe."

Tanja Köhler hat als Juristin mehrere Fälle in unterschiedlichen Deliktbereichen untersucht. Ergebnis: Frauen kommen nicht leichter davon als Männer, sie werden genauso hart bestraft. Damit sei die These, der Frauenbonus schöne die Statistiken, unhaltbar. Soweit das so genannte Hellfeld.

Bleiben Verbrechen von Frauen häufiger unentdeckt?

Das Dunkelfeld, die Untiefen unentdeckter Verbrechen und unbekannter Täter, nährt immer wieder den beunruhigenden Verdacht, weibliche Täterinnen würden häufiger unentdeckt bleiben, wenn sie sich strafbar machen. Zum Beispiel am Tatort Pflege. Carsten Schuhmann, Kriminalist an der Polizei-Fachhochschule in Sachsen-Anhalt, geht davon aus, dass hier einiges im Dunkeln bleibt:

"Wo der Tod der zu Pflegenden ja wahrscheinlich ist und auch erwartet wird, werden die Leichenschauen nicht grundsätzlich qualitativ hochwertig durchgeführt, so dass die Tötungsdelikte häufig nicht erkannt werden."

Jennifer Stange: "Woher wissen Sie das?"

Carsten Schuhmann: "Es gibt ausreichend Untersuchungen in dem Bereich durch nachträgliche Leichenschauen, die das bestätigen."

Polizeilich ungenügend ausgeleuchtet

Die Pflege ist für Schuhmann ein Bereich, der polizeilich ungenügend ausgeleuchtet ist und in dem mehrheitlich Frauen arbeiten. Die Familie sei ein zweiter. Schuhmann:

"Hier bestehen hohe Abhängigkeiten wirtschaftlicher und emotionaler Art. Also wer soll die Strafanzeige erstatten, damit wir das statistisch erfassen können? Wir wissen, drei von vier Gewaltstraftaten finden hinter geschlossener Tür statt." 

Gewalt ist zum großen Teil Männersache. Und auch bei Fällen von häuslicher Gewalt, die zur Anzeige gebracht werden, überwiegen mit durchschnittlich 80 Prozent die männlichen Täter, Frauen sind meistens Opfer. Aber die Dunkelfeldforschung, die hauptsächlich aus Befragungen besteht, zeigt auch:

"Also eine Frau, die häusliche Gewalt verübt, wird noch weniger angezeigt als der Mann." 

Häusliche Gewalt, die von Frauen ausgeht. Handfeste Belege dafür, dass Frauen mehr häusliche Gewalt ausüben als bisher angenommen, gibt es kaum. Auch weil hierzu erst seit jüngerer Zeit geforscht wird. Die Fachhochschule Polizei Sachsen-Anhalt hat damit gerade erst angefangen. Eine erste Bilanz zog dagegen die Berliner Polizei. Sie kam in einer Dunkelfeldstudie aus dem Jahr 2012 zu dem Ergebnis, dass der Anteil von Frauen an häuslicher Gewalt zehn Prozent höher liegt, als ihr Anteil an den Gewaltstraftaten insgesamt.

Frauen sind Zeuginnen, nicht Täter

Mit einem ganz bestimmten Bereich der Kriminalität befasst sich seit einigen Jahren schon die Amadeu-Antonio-Stiftung. Es geht um Gewalt in der rechten und rechtsradikalen Szene. Weil die Beteiligung von Frauen hier häufig unterschätzt werde, bleibe ihr Anteil an Straftaten häufig ebenfalls im Dunkeln, sagt Rachel Spicker. Im Auftrag der Nichtregierungsorganisation analysiert sie die Rolle von Frauen in der Nazis-Szene und der so genannten Neuen Rechten. Das sei ein blinder Fleck für Ermittlungsbehörden, so Spicker, weil alte Geschlechterklischees die Aufklärung von Straftaten von Frauen in der Szene behindern würden:

"Wenn jetzt die Polizei zum Tatort gerufen wird, dann werden Frauen zum Beispiel häufig als Zeugin aufgenommen und häufig nicht als Teil der Gruppe der rechtsextremen Straftäter gesehen. Da fängt das schon eben an, dass Frauen häufiger übersehen werden. In Ermittlungsverfahren kann das natürlich eine Rolle spielen, wie wir das beim NSU-Prozess zum Beispiel gesehen haben. 2007 gab es ja eine Rasterfahndung im Raum von Nürnberg, da wurden alle weiblichen Neonazis aus der Liste entfernt."

Pauschal, um den Kreis mutmaßlicher Unterstützer einzugrenzen. Rachel Spicker:

"Da wurde zum Beispiel auch Mandy S. von der Liste entfernt, die eben auch eine nachgewiesene Unterstützerin des NSU ist und auch nah an dem NSU dran war." 

Jahre später, als die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen gegen die rechte Terrorgruppe aufnahm, tauchte die Frau aus Sachsen dann zwischenzeitlich sogar als Beschuldigte auf.

Aus NSU-Prozess lernen

Der wohl bedeutendste Prozess der Gegenwart dreht sich jedoch um eine andere Frau. Beate Zschäpe, angeklagt als Mitglied der rechtsterroristischen Terrorgruppe NSU. Wie weit war sie an der rassistischen Mordserie beteiligt? Kühle Rechtsterroristin? Oder nur Mitläuferin, Bettgespielin, Hausmütterchen? Klischeehafte Deutungsangebote, die vor allem zu Beginn in den Medien vorherrschten und im Verlauf sogar zwei psychologische Gutachter entzweite. 

Zschäpe selbst ließ eine Erklärung verlesen, laut der sie unfähig gewesen wäre, sich von Böhnhardt und Mundlos zu trennen. Sie habe resigniert, von den Morden immer erst im Nachhinein erfahren und die dann stets verurteilt. Dass Zschäpe damit durchkommt, gilt als unwahrscheinlich. Die Generalbundesanwaltschaft schenkt dieser Version offenbar keinen Glauben und fordert die Höchststrafe. Rachel Spicker hofft, dass die Ermittlungsbehörden aus dem Fall lernen und Frauen zukünftig nicht aus dem Raster fallen.

Die Juristin Tanja Köhler hingegen geht nicht davon aus, dass Frauenkriminalität vielfach unentdeckt und damit im Dunkeln bleibt:

"Die Kriminalitätsrate von Frauen ist auch im Dunkelfeld niedriger, als die von Männern. Was man sehen kann ist, dass der Abstand sich Bagatellkriminalität etwas verringert. Aber bei schweren Delikten, insbesondere bei Gewaltkriminalität, ist nach wie vor ein Abstand da." 

"Frauen (...) sind psychisch resistenter"

Die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern im Reich des Verbrechens ist also nach wie vor erheblich - das zeigen die amtlichen Statistiken und Nachforschungen im Dunkelfeld. Das zeige sich auch im internationalen Vergleich, sagt Kriminologin Susanne Karstedt:

"Frauen sind nicht nur deutlich weniger kriminell, sie sind weniger aggressiv, sie begehen deutlich weniger Selbstmorde. Frauen sind offensichtlich auch psychisch resistenter als Männer. Und psychisch resistenter heißt eben auch weniger anfällig für Alkoholsucht, Drogensucht. Sie sind also insgesamt, sagen wir mal, das Geschlecht, dass sich normenkonformer verhält."

In Nancys Welt verwischen sich diese Unterschiede. Verständlicherweise. Dreimal wurde sie schon zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, insgesamt hat sie fünf Jahre ihres Lebens hinter Gittern verbracht:

"Frauen sind vielleicht in manchen Sachen vorsichtiger. Aber das kann man eigentlich auch nicht so gut unterscheiden. Kenne genug Mädels, die machen das genauso wie Kerle, die gehen dann auch genauso vor. Natürlich: Wir Weiber denken dann auch mal ein bisschen weiter. Und die Jungs, die machen das halt einfach. Wir sind da vielleicht noch ein bisschen…Wir zögern vielleicht mehr bei manchen Sachen. Aber ansonsten sehe ich da keinen großen Unterschied."

Jennifer Stange: "Und bei der Gewaltbereitschaft?"

Nancy Rheinländer: "Denke ich schon, dass die Männer schlimmer sind."

"Die fackeln da nicht so lang rum"

Jennifer Stange: "Hast du eine Idee, woran das liegt?"

Nancy Rheinländer: "Die fackeln da nicht so lang rum oder reden darüber, wie wir Mädels das vielleicht machen. Wir versuchen ja auch gerne mal Sachen auszudiskutieren. Oder anderweitig irgendwas zu regeln. Die machen das halt einfach, und dann ist gut." 

Grundsätzlich immun gegen das Verbrechen sind Frauen nicht, das steht fest. Aber neigen sie im Zweifelsfall weniger zu kriminellen Handlungen als Männer? Diese Frage wurde in der Kriminologie am Beispiel Korruption untersucht. Susanne Karstedt:   

"Es gab im internationalen Vergleich einen interessanten Zusammenhang. Und das war, dass dort, wo mehr Frauen im Parlament, in der Regierung, in der Bürokratie waren, der Korruptionsanteil niedriger war. Daraufhin hat man gesagt: Frauen in die Bürokratie, dann haben wir weniger Korruption. Der Zusammenhang stellte sich dann eher als einer heraus, der durch den Reichtum des Landes auch mitbedingt war."  

Es hat sich herausgestellt, Frauen sind dann ähnlich anfällig für betrügerisches Handeln und Vorteilnahme wie Männer, wenn sie schlecht bezahlt werden. Befunde wie diese sprechen also dagegen, dass Wesensmerkmale von Frauen ihren deutlich niedrigen Anteil an der Gesamtkriminalität erklären können.

Gelegenheit macht Diebe

Darüber hinaus seien ganz praktische Gründe ausschlaggebend für das Kriminalitätsrisiko, sagt Juristin Tanja Köhler:

"Man muss bei der Kriminalität auch einen Gesichtspunkt immer berücksichtigen und das ist das, was Kriminologen als Gelegenheitsstruktur bezeichnen. Das heißt, sie müssen die Gelegenheit haben, ein Delikt überhaupt begehen zu können."

Die Juristin Tanja Köhler hat in diesem Zusammenhang nach Delikten gesucht, die Frauen besonders häufig begehen.

"Das hat sich dann herausgestellt in meiner Untersuchung, das ist der Paragraph 171, die Verletzung der Fürsorge und Erziehungspflicht, das ist ein Delikt, wo Frauen einen Anteil von 75 Prozent ausmachen und Männer 15. Ansonsten lässt sich sagen, dass im Rahmen der Gewaltkriminalität, wenn man das jetzt ganz differenziert betrachtet, Misshandlung von Schutzbefohlenen auch noch eine Rolle spielt. So dass man eigentlich sagen kann, dass, wenn Frauen im Bereich der Gewaltkriminalität auffallen, vermutet werden kann, das es auch etwas ist, was im sozialen Nahbereich sich abspielt."

Tatort: Familie

Bei Tötungsdelikten insgesamt überwiegen eindeutig Männer, aber auch hier zeigt sich ein ähnliches Bild, der Tatort ist die Familie. Köhler:

"Ich kann sehen, dass der Paragraph 213, also ein minderschwerer Fall angenommen worden ist. Das wird in der Regel gemacht, wenn es um Kindstötungen geht." 

Und das ist bei 40 Prozent der Fälle so. Bis 1998 legte Paragraph 213 im Strafgesetzbuch einen milderen Strafrahmen für Mütter fest, die ihr nichteheliches Kind während oder unmittelbar nach der Geburt umbrachten. So pauschal gilt das heute nicht mehr. Eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit wird zwar immer geprüft, aber nur selten angenommen. 

Deutlich zeigt sich jedenfalls anhand einzelner Delikte, die Frauen häufiger begehen als Männer, dass der Tatort dort im klassisch weiblichen Umfeld liegt – im Bereich Familie und Kindererziehung.

Wirtschaftskriminalität (noch) Männerdomäne

Gegenstück hierzu sind die klassisch männlichen Bereiche innerhalb der Gesellschaft: die Wirtschaft beispielsweise. Hier fallen Frauen äußerst selten durch abweichendes, kriminelles Verhalten auf. Und das habe vor allem einen Grund, so Alice Schwarzer:

"Frauen sind nicht etwa die besseren Menschen; sie hatten bisher nur nicht so viel Gelegenheit, sich die Hände schmutzig zu machen."

Eine These, für die sie gewissermaßen selbst den Beweis angetreten hat. Schwarzer ist nicht nur Feministin und erfolgreiche Publizistin. Als Verlegerin ist sie auch tüchtige Geschäftsfrau. Allerdings wurde sie im vergangenen Jahr wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

Ein Delikt, das in der Öffentlichkeit zumeist im Zusammenhang mit Männern auftaucht. Und der Schein trügt hier nicht, Frauen sind im Bereich Wirtschaftskriminalität deutlich unterrepräsentiert. Und damit ist auch Stefanie Giesselbach eher eine Ausnahme.

Lebensmittelbetrug

Terminal 2, Flughafen Hamburg. Von hier aus sollte ein vielversprechender Karriereabschnitt im Leben der jungen Außenhandelskauffrau starten. auch Stefanie Giesselbach:

"Also, wenn ich Terminal 2 lande, dann weiß ich, dass ich hier bei Sixt rauskomme, dieses Orangene. Die Farbe ist halt so auffällig. Und das verbinde ich dann schon damit…Manchmal kommt mir das dann schon in den Kopf, dass ich denke: Ach ja, noch vor fast vier Jahren bin ich hier anders rausgekommen. Nicht als Geschäftsfrau, sondern als jemand, der direkt aus der Abschiebehaft kam." 

Als Honighändlerin war Stefanie Giesselbach nach Chicago gegangen:

"Ich habe für ein Hamburger Unternehmen gearbeitet, das mit Honig gehandelt hat. Und ja: In den USA ist es so, wenn man Honig aus China importiert, dann sind darauf Strafzölle, sehr hohe Strafzölle. Und damals war das halt so, dass der Markt Mittel und Wege gefunden hat, um diese Strafzölle zu umgehen. Um eben doch den Chinahonig zu importieren, aber der hieß dann einfach anders. Und die Dokumente sind auch über meinen Schreibtisch gegangen. Und damit habe ich mich halt mit strafbar gemacht."

Wegen "food fraud", Lebensmittelbetrug. Die zuständige Staatsanwaltschaft sprach von einem der größten Lebensmittelskandale in der Geschichte der USA. Stefanie Giesselbach wusste: Was in ihrer Firma lief, war nicht ganz sauber. Sie hatte allerdings keine Ahnung, dass sie aus Sicht der amerikanischen Ermittlungsbehörden damit Teil einer "Conspiracy" – einer betrügerischen Verschwörung - wurde. Sie erzählt:

Drogenabhängigkeit und Beschaffungskriminalität

"Also mich haben sie am Flughafen verhaftet und meinen Kollegen, der mich zum Flughafen gefahren hatte, den haben sie auf der Autobahn verhaftet."

Sie wollte eigentlich nach Deutschland fliegen, landete allerdings für drei Wochen in Untersuchungshaft. Stand dann vier Monate unter Hausarrest und trat nach den rund vier Jahre andauernden Ermittlungen eine 12-monatige Haftstrafe an.

Das amerikanische und das deutsche Straf- und Vollzugssystem trennen Welten. Doch Stefanie Giesselbach machte im Frauengefängnis in den USA Beobachtungen, die der Situation in deutschen Frauengefängnissen zumindest ähneln: Drogenabhängigkeit und Beschaffungskriminalität haben auch dort viele Frauen hinter Gitter gebracht. Sie sagt:

"Es ist ja nicht so, dass die Drogen und der Alkohol zuerst kommen. Sondern als erstes ist da immer die psychische Erkrankung, und dann kommen die Sucht oder die kriminellen Taten, um das alles, das System am Laufen zu halten. Und diese Leute sitzen dann in den USA im Gefängnis. Also die Wache, die ich da am ersten Tag getroffen habe, der meinte zu mir: 60, 70 Prozent der Frauen, meinte er, die gehören hier nicht her, die gehören eigentlich in mental health institutions, wo ihnen geholfen wird. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, eine Wache, die sagt, 70 Prozent der Frauen gehören hier überhaupt nicht her, weil die psychische Probleme haben. Und gehören eigentlich nicht ins Gefängnis."

In anderen Ländern ist das offenbar ähnlich. Die Weltgesundheitsorganisation, WHO, weißt darauf hin, dass eine Mehrheit der strafgefangenen Frauen Opfer von sexuellem Missbrauch oder häuslicher Gewalt ist und daher unter posttraumatischen Belastungsstörungen und den Folgen von Drogen- und Medikamentenabhängigkeit leidet. Bei insgesamt 30 Prozent aller Gefängnisinsassen in westlichen Industrieländern werden laut WHO erhebliche psychische Probleme diagnostiziert. Faktoren, die das Kriminalitätsrisiko deutlich erhöhen:

Voraussetzungen für einen Neustart

"Also aus der Lebenslaufforschung wissen wir, dass bei diesen Tätern gleichermaßen schwierige häusliche Bedingungen, schwere psychische, psychologische Bedingungen… dass die bei beiden Geschlechtern gleichermaßen vorliegen. Sexueller Missbrauch häufiger bei Frauen." 

Stefanie Giesselbach hatte all diese typischen Probleme nicht und somit gute Voraussetzungen für einen Neustart. Nach ihrer Haft ist sie wieder in ihren alten Beruf, in den Honighandel, zurückgekehrt und hat ihre Erfahrungen zudem in einem Buch festgehalten. Andere haben es nicht so leicht. Und statistisch gesehen ist die Rückkehr in ein normales Leben für ehemalige inhaftierte Frauen in Deutschland auch schwieriger als für Männer. Nancy Rheinländer:

"Ich hatte ja auch, als ich mich mit der Rückfälligkeit beschäftigt hatte, gesehen, dass die Frauen, die schon mal eine Freiheitsstrafe hatten, auch schneller wieder im Gefängnis landen als Männer. Und das fand ich insofern ganz interessant, als das ich mir auch vorstellen kann, dass da eine Drogenproblematik eine Rolle spielt."

"Ich bin selbstbewusst geworden"

Eigentlich keine guten Voraussetzungen für Nancy Rheinländer. Dennoch: Wenn sie im Dezember ihre Therapie erfolgreich beendet, wird sie frühzeitig, nicht erst 2021, entlassen. Seit sie im Juli 2016 verhaftet wurde, ist sie clean. Die längste Zeit, seit sie elf Jahre alt ist. Und in der Zeit hat sie erstaunlich viel erreicht. Sie hat einen Schulabschluss gemacht, und sie hat in Ostdeutschland die erste Frauensektion der Gewerkschaft hinter Gittern gegründet, die sich unter anderem für den Mindestlohn für Gefangene einsetzt. Rheinländer:

"Ich bin selbstbewusst geworden dadurch. Setz mich mehr für Sachen ein, setz mich allgemein mehr für andere ein. Bin auch weiterhin noch dabei, will das auch weiterhin machen, auch nach der Therapie. Also mir hat das wahnsinnig gut getan, und ich denke, das mir das auch viel geholfen hat, einfach was zu bewegen."

Randphänomen Frauenkriminalität

Was Männer können, können Frauen auch. Das ist eine weit verbreitete Meinung – auch und nicht zuletzt, wenn es um Kriminalität geht. Und wenn man sie sieht, die skrupellosen Verbrecherinnen und Mörderinnen in Film und Fernsehen, oder von ihnen liest in zahllosen Kriminalromanen, dann könnte man das fast glauben. Das Ganze hat nur mit der Realität nicht viel zu tun. Denn noch immer weist die Kriminalstatistik wesentlich mehr Männer als Frauen als Täter aus. Zudem werden Frauen seltener zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie leichtere Straftaten begehen.

Die Zahl der Täterinnen und weiblichen Tatverdächtigen ist in den letzten Jahrzehnten erstaunlich konstant geblieben, in manchen Bereichen jedoch angestiegen. Insofern ist die Frauenkriminalität zwar noch immer eher ein Randphänomen, aber eben auch eines, das mehr und mehr in den Blickpunkt gerät.

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