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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 11.04.2019

Aufbruch in Armenien Ein Jahr nach der Samtenen Revolution

Von Christoph Kersting

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Das Foto zeigt Anhänger des armenischen Politikers Nikol Paschinjan auf einer Kundgebung in der Hauptstadt Eriwan. (AFP / Karen Minasyan)
Das Foto zeigt Anhänger des armenischen Politikers Nikol Paschinjan auf einer Kundgebung in der Hauptstadt Eriwan. (AFP / Karen Minasyan)

Nikol Pashinjan ist nach der Samtenen Revolution Ministerpräsident Armeniens geworden. Er hat nicht nur einen neuen Politikstil etabliert, sondern den Menschen auch neue Perspektiven eröffnet – zum Beispiel in der IT-Branche.

Das neue, moderne Armenien, es hat in Gyumri einen kurzen Namen: GTC. Das "Gyumri Technology Center" ist in einem grauen Verwaltungsgebäude aus dem 19. Jahrhundert untergebracht. Doch mit seinen leuchtend farbigen Wänden und stylischen Möbeln im Innern des Gebäudes könnte das GTC glatt in Berlin, Amsterdam oder Helsinki stehen.

Genau am richtigen Platz scheint hier auch Bella Harutyunyan zu sein: Die zierliche Frau ist erst 24 - und schon Direktorin des GTC, das 2015 von der armenischen Regierung mit Unterstützung der Weltbank gegründet wurde. An diesem Nachmittag macht Bella einen Rundgang durchs Gebäude.

Mann mit Mikro im Gespräch mti zwei Frauen, Halbtotale (Christoph Kersting)Der Autor im Gespräch mit GTC-Direktorin Harutyunyan (li) und mit der start-up-Besitzerin Gayane Ghandylyan (Christoph Kersting)

"Ich habe in den USA studiert, bin da schon mit 16 hingegangen und dann sechs Jahre geblieben. Aber dann habe ich mich gefragt: Braucht Amerika mich mit meinen Fähigkeiten wirklich genauso, wie Gyumri mich braucht? Das war schon so eine Art Mission für mich. Ich wollte zurückkommen und hier einen Unterschied machen."

IT ist eine mit am stärksten wachsende Branche

Das GTC soll zeigen: Der Grundstein für eine erfolgreiche Karriere kann auch in Gyumri, in Armenien, gelegt werden - und vielleicht wird der Umweg vieler junger Armenier über ausländische Hochschulen in Westeuropa und den USA sogar irgendwann gar nicht mehr nötig sein. Es heiße ja immer, sagt Harutyunyan: Es gibt keine Jobs in Armenien, darum sind die Menschen gezwungen, das Land zu verlassen. Das stimme heute aber nur noch bedingt:

"IT ist eine der am stärksten wachsenden Branchen heute in Armenien, es gibt 12.000 offene Stellen im IT-Bereich. Das Problem ist ganz einfach: Wir haben nicht die Leute, um diese Stellen zu besetzen."

Anfang Dezember 1988 bebte die Erde heftig in Gyumri und der gesamten Shirak-Region im Norden Armeniens. Geschätzt 25.000 Menschen kamen in den Trümmern ihrer Häuser ums Leben oder wurden obdachlos. Noch immer, über 30 Jahre nach der Katastrophe, leben in Gyumri 10.000 Menschen in rostigen Containern oder Wellblechhütten.

Kaum Rohstoffe und wenig Landwirtschaft

Doch es verändert sich etwas in Armenien: Der neue Premierminister macht den Menschen Hoffnung, und der digitale Wandel bietet auch dem kleinen Land an den Hängen des Südkaukasus' Entwicklungsmöglichkeiten. Armenien jedenfalls soll zum IT-Zentrum ausgebaut werden: Eigentlich kein schlechter Plan für das "Land der Steine", wie die Armenier ihre karge Heimat oft nennen – ein Land, das kaum Rohstoffe und wenig Landwirtschaft hat.

Der digitale Wandel, er trägt für Sarkis Mkhitaryan und seine Klassenkameraden an diesem Nachmittag den Namen einer Würgeschlange: Die Jugendlichen haben es heute mit der Programmiersprache "Python" zu tun. Der 16-jährige Sarkis sitzt mit etwa 20 gleichaltrigen Jungen und Mädchen in einem Klassenraum des GTC und löst unter Anleitung seines Lehrers kleinere Programmier-Aufgaben. Am Ende des Kurses sollen die Jugendlichen in der Lage sein, einfache Webseiten zu gestalten.

Sarkis und die anderen sind freiwillig hier, zwei Mal pro Woche, nachdem sie schon acht Stunden die Schulbank gedrückt haben. Die Kosten des Kurses übernimmt zu großen Teilen der russische Internet-Anbieter Yandex, den Rest der armenische Staat – ein Angebot jedenfalls, das sich nicht nur an die Kinder reicher Eltern richtet.

Porträt eines Jugendlichen (Christoph Kersting)Sarkis Mkhitaryan, Schüler im GTC, will später Programmierer werden. (Christoph Kersting)

Er wolle später Programmierer werden, vielleicht noch Wirtschaftswissenschaften studieren, erzählt Sarkis in einer kurzen Unterrichtspause. Und in Frankreich leben und arbeiten, dort habe er Verwandte. Irgendwann will er aber wieder zurückkommen in seine armenische Heimat, um hier etwas aufzubauen.

Leuchtturm-Projekte gegen die Resignation

Die Direktorin des GTC, Bella Harutyunyan, ist überzeugt, dass mit solchen Leuchtturm-Projekten wie dem ihren etwas gegen die weit verbreitete Resignation im Land getan werden könne:

"Diese Einstellung: Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite – die stimmt einfach nicht. Die ältere Generation ist aber wie gefangen in dieser Haltung. Darum setzen wir auf die jungen Leute. Wir müssen einfach aufhören, uns immer nur mit der schwierigen Vergangenheit, dem Erdbeben zu beschäftigen. Die Dinge ändern sich jetzt wirklich in Armenien."

Und das hat vor allem mit einem Mann zu tun: Nikol Pashinjan. Der 43-jährige ehemalige Journalist hat zustande gebracht, was nicht nur viele Armenier, sondern auch politische Beobachter von außen kaum für möglich gehalten hatten – in einem Land, das seit den 1990er-Jahren vor allem durch Korruption und Vetternwirtschaft auf sich aufmerksam gemacht hat.

Pashinjan, mit grauem Bart und oft mit Baseballmütze, stellte sich im April 2018 an die Spitze einer Protestbewegung, die am Ende die korrupte Regierung von Premier Sersh Sarksjan in einer "samtenen Revolution" gewaltlos vom Hof jagte. Anfang Mai wurde Nikol Pashinyan dann selbst zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Seine erste Bilanz des Umbruchs beschreibt die grundlegend veränderte Stimmung im Land:

"Das Wichtigste, was sich schon in dieser kurzen Zeit verändert hat, ist, wie die Menschen in Armenien nun ihre eigene Rolle als Bürger sehen. Denn vor der Revolution war die allgemeine Haltung hier: Ich kann sowieso nichts bewegen, nichts mitentscheiden, meine Stimme zählt nicht. Dass wir diesen Menschen zeigen: Gerade eure Stimme ist doch das Wichtigste im politischen und sozialen Leben unseres Landes – das ist die größte Errungenschaft dieser Revolution überhaupt."

Der politisch geschickte Jongleur

Entscheidend für den Erfolg Nikol Pashinjans war neben der Unzufriedenheit der Armenier die Tatsache, dass er politisch geschickt jonglieren konnte: zwischen Ost und West, Russland, Aserbaidschan, der Türkei und dem Westen.

Armeniens Ministerpräsident Nikol Paschinjan gibt in einem Kindergarten in der Hauptstadt Eriwan seine Stimme ab. (Foto: Christian Thiele/dpa)Sieger der vorgezogenen Parlamentswahlen in Armenien: Ministerpräsident Nikol Paschinjan (Foto: Christian Thiele/dpa)

Armenien hängt wirtschaftlich weitestgehend am Tropf Moskaus und hat vier Außengrenzen: Mit Georgien und Iran pflegt man gute diplomatische Beziehungen in Jerewan. Ganz anders sieht es da mit Aserbaidschan und der Türkei aus. Denn zwischen Armenien und seinen beiden Nachbarländern herrscht schon lange diplomatische Funkstille. Mit Aserbaidschan streitet Armenien um die autonome Region Bergkarabach, mit der Türkei um die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs. Doch auch in dieser Hinsicht schlägt Premier Pashinjan versöhnliche Töne an. Inzwischen hat er mehrfach Aserbaidschans Präsidenten Alijew getroffen – und auch Ankara reicht er die Hand:

"Nicht Armenien hat die Grenze zur Türkei dicht gemacht. Es war die Türkei, die die Grenze geschlossen hat. Die Grenze ist von der armenischen Seite aus faktisch offen. Armenien jedenfalls ist bereit, diplomatische Beziehungen mit der Türkei aufzunehmen, ohne jegliche Vorbedingungen. Es ist also an der Türkei, sich hier zu entscheiden."

Auch die Stadt Gyumri liegt nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, und auch hier hoffen viele Menschen darauf, dass die Grenze irgendwann geöffnet wird, dass sich endlich etwas tut in der vom Erdbeben schwer getroffenen Stadt.

Solange das nicht passiert, versuchen sie, ihren Alltag zu meistern – und der dreht sich oft um einfachste Bedürfnisse. Wie bei Nadja Zanchuk, die in einem Containerdorf in Gyumri lebt. Heute bekommt sie ihre Holzration geliefert, würde aber gerne noch ein paar Säcke mehr haben, klagt sie.

Undichtes Dach und kein fließend Wasser

Die 65-Jährige lebt mit zwei Töchtern und zwei Enkeln in einem düsteren Container: ein Raum, 20 Quadratmeter groß, ohne fließend Wasser. Das Dach ist undicht: Ein wackliger Holzbalken stützt einen Teil ab, von dem es auf den modrigen Holzboden herabtropft.

"So, schau dir an, wie armselig wir hier leben. Ich soll mich nicht beschweren, sagen die anderen immer, aber es ist doch wahr. Ich bin eigentlich halb Russin, halb Ukrainerin, habe früher hier auf dem Bau gearbeitet."

"Das heißt, Sie leben hier seit 30 Jahren so?"

"Ja, und ich habe eine Tochter und einen Sohn durch das Erdbeben verloren. Mein Mann war Armenier, er ist auch tot, der Alkohol..."

Nadjas Geschichte ähnelt vielen hier im Containerdorf von Gyumri. Und genauso wie Nadja warten auch die anderen Bewohner der Siedlung jetzt auf ihr Brennholz. Denn Heizen ist eine Frage des Überlebens, wenn man den kaukasischen Winter bei minus 20, 30 Grad hinter rostigen Stahlwänden verbringen muss. Rund 2.000 Familien leben in Gyumri noch immer in Stahlcontainern oder Wellblechhütten; "Domiks", "Häuschen", wie die Menschen sie hier verniedlichend nennen.

Die Holzlieferungen organisiert Vahan Tumasyan schon seit vielen Jahren. Der 54-Jährige leitet eine Hilfsorganisation und hat heute drei Männer dabei. Auf der Ladefläche seines Pritschenwagens türmen sich weiße Plastiksäcke mit Brennholz.

"Wir fahren im Moment jeden Tag raus zu den Leuten und bringen ihnen Holz, mehrere Tausend Säcke sind das. Die Winter hier sind streng und dauern ein halbes Jahr, bis Mai in der Regel. Ohne das Holz kämen die Leute nicht klar. Jede Familie bekommt umgerechnet 40 Dollar staatliche Unterstützung. Das reicht gerade so für Brot und das Nötigste, aber nicht fürs Heizen."

Gyumri – Stadt der Kontraste

Nur fünf Autominuten sind es von der slumähnlichen Container-Siedlung im Norden Gyumris zum Technology-Center GTC im Zentrum der Stadt – eine kurze Reise zwischen zwei so unterschiedlichen Welten. Wer noch einen Umweg in Kauf nimmt und über die südliche Einfallstraße in Richtung Innenstadt fährt, passiert irgendwann einen verwitterten Schriftzug am Straßenrand: "Shirak Technopark". Die großen Buchstaben stehen auf einer brüchigen Mauer, dahinter rotten allerdings seit dem Erdbeben 1988 Industrieruinen vor sich hin.

Zwei Frauen sitzen mit zwei Jungen auf dem Sofa (Deutschlandradio / Christoph Kersting)Familienfoto ohne Vater und Ehemann: Amalia Tumasyan mit ihren Söhnen und der Schwägerin (Deutschlandradio / Christoph Kersting)

Die Tumasyans hatten mehr Glück als andere damals. Sie bewohnen ein einstöckiges Haus am Stadtrand von Gyumri: ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert – solide gebaut und deshalb nicht zerstört beim schweren Erdbeben vor 30 Jahren. Das Wohnzimmer ist ebenso spärlich beleuchtet wie möbliert: ein Tisch, ein Schlafsofa, der große Fernseher. 

Vor dem Abendessen haben Amalia Tumasyans Söhne noch schnell ihre Instrumente ausgepackt: Der zehnjährige Levon spielt die traditionelle armenische Handtrommel "Dhol", sein Bruder Felix, zwölf Jahre alt, "Duduk", eine Flöte mit einem speziellen, besonders breiten Mundstück. Beide gehen einmal pro Woche in die Musikschule, und der Aufwand soll sich lohnen.

Die Tante der Jungs ist zu Besuch, Greta ist die Schwester von Amalias Mann Gamlet. Sie ist die einzige in der Familie, die eine geregelte Arbeit in Armenien hat:

"Es gibt hier kaum Arbeit, und das ist ein Riesenproblem. Wenn es Arbeit gäbe, müsste mein Bruder ja nicht schwarz in Russland arbeiten. Ich selbst bin seit 30 Jahren Lehrerin, unterrichte Chemie und Biologie in dem Dorf, aus dem meine Familie stammt. Ich nehme die beiden Jungs jeden Morgen mit. Sie gehen da zur Schule, weil die Schulen hier in der Stadt zu teuer sind. Felix geht in die siebte, Levon in die fünfte Klasse."

Das Geld wird im Ausland verdient

Fast das ganze Jahr über ist der Vater, Gamlet, nicht zu Hause, schuftet auf Baustellen im fernen Moskau. Um Weihnachten herum kommt er dann für sechs Wochen nach Hause, steigt im Januar dann wieder in den Flieger zurück nach Russland.

Seit zehn Jahren leben die Tumasyans nun schon so – kein Einzelschicksal, sondern gesellschaftliche Realität in Armenien. Die offiziell neun Millionen Auslands-Armenier, die ihre Familien zuhause unterstützen, sind das eine, doch daneben gibt es auch viele Männer, die ihre Familien mit Schwarzarbeit in Russland oder der Ukraine ernähren. Auf eine Million wird ihre Zahl geschätzt. Viele entfremden sich mit der Zeit, brechen den Kontakt zu den Daheimgebliebenen irgendwann völlig ab und gründen eine neue Familie.

Amalia und ihren Söhnen bleibt die meiste Zeit über nur der Videoanruf per Smartphone ins ferne Moskau. Doch die Verbindung ist schlecht, die Stimme des Vaters bleibt verzerrt, als er erzählt.

"Wir sind hier zu sechst untergebracht in einem Raum auf der Baustelle, alles Armenier, im Prinzip schlafen wir da, wo wir arbeiten. Zwölf Stunden Arbeit, ein Tag frei pro Monat, so sieht das hier aus. Dafür bekomme ich 400 Euro am Ende des Monats bar auf die Hand. Viel zu wenig. Aber was soll man machen?"

Die Verbindung bricht ab. Zeit für Felix und Levon noch ihre Hausaufgaben zu erledigen. Eine gute Ausbildung sei das Wichtigste für die Jungs, sagt ihre Tante Greta, und erzählt beim Abschied, dass Levon Arzt werden wolle, sein älterer Bruder Felix Programmierer: Zukunftspläne, die Potenzial haben in Armenien, dem "Land der Steine" mit IT-Ambitionen.

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