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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.01.2016

Aufarbeitung von sexuellen ÜbergriffenMissbrauch in der Familie zu wenig thematisiert

Johannes-Wilhelm Rörig im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Ein junges Mädchen steht am Ende eines dunklen Flures. (dpa / Nicolas Armer)
Kindesmissbrauch wird häufig innerhalb der eigenen Familie begangen. (dpa / Nicolas Armer)

Eine neue Kommission möchte vor allem "Missbrauchsopfern aus dem familiären Bereich Gehör schenken", sagt der Beauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Die große Dimension dieser Fälle sei noch nicht genügend wahrgenommen worden.

Bei der Aufarbeitungsrunde mit sieben Experten unter Vorsitz der Frankfurter Kindheitsforscherin Sabine Andresen sollten Betroffene vertraulich angehört werden, damit Politik und Gesellschaft einen wacheren Blick für die aktuellen Gefährdungen von Jungen und Mädchen entwickelten. Bundesweit sollten auch Anhörungsbeauftragte dezentral eingesetzt werden, um mit Betroffenen zu sprechen. Die Missbrauchsopfer würden dabei psychologisch begleitet. Es handele sich um die Spitze des Eisberges sexuellen Missbrauchs, sagte Rörig und sprach von organisierter Kriminalität.

Da wird viel verdrängt

"Ich habe jetzt mit meinen Mitstreiterinnen und Mittstreitern der Großen Koalition die Einrichtung dieser Kommission regelrecht abgerungen", sagte Rörig. "Da hatten schon viele das Gefühl, dass man mit dem Runden Tisch und mit der Einsetzung des Missbrauchsbeauftragten genug getan hat." Da werde viel verdrängt und auch in der Politik wollten viele Menschen dass Thema nicht wahrhaben. "


 

Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Die katholische Kirche, die Odenwaldschule, das Canisius-Kolleg – wenn Sie diese sehr unterschiedlichen Institutionen in einer Reihe genannt hören, dann ahnen Sie, worum es geht: Kindesmissbrauch. Dort, aber leider nicht nur dort, hat er stattgefunden. Die Öffentlichkeit hat auf die Skandale reagiert unter anderem mit einem runden Tisch gegen Missbrauch, mit der Berufung eines unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig hat diese Amt inne. Er ist jetzt am Telefon, weil er nämlich heute Morgen eine Kommission ins Leben rufen konnte, sieben Mitglieder, die in den kommenden drei Jahren das Ausmaß und die Folgen der sexuellen Gewalt gegen Kinder, des Kindesmissbrauchs in Deutschland untersuchen sollen. Guten Morgen, Herr Rörig!

Johannes-Wilhelm Rörig: Schönen guten Morgen!

Frenzel: Es gab die Skandale, es gab den runden Tisch, es gibt Sie als Beauftragten. Mehr ist natürlich immer erst mal nicht verkehrt, aber wozu jetzt diese Kommission?

Rörig: Weil wir bisher in der Gesellschaft die große Dimension des sexuellen Kindesmissbrauchs immer noch nicht wahrgenommen haben und weil wir vor allen Dingen den Opfern, die Missbrauch im familiären Kontext, in der Familie oder im familiären Nahfeld erlitten haben, bisher noch keine Möglichkeit gegeben haben, das Erlebte vor einer staatlichen Institution vorzutragen.

Frenzel: Wenn Sie sagen große Dimension, wovon sprechen wir dann? Worüber wird die Kommission sprechen, womit wird sie sich beschäftigen? In erster Linie mit dem, was in Institutionen passiert ist, also in Heimen, in Schulen, in Vereinen?

Missbrauchsopfer aus Familien sollen im Zentrum stehen

Rörig: Nein, sie wird sicherlich auch Institutionen in den Blick und die Ergebnisse der Aufarbeitung dort, die Sie eben auch genannt haben, zusammenführen. Vornehmlich geht es aber jetzt darum, Missbrauchsopfern aus dem familiären Bereich Gehör zu schenken. Das ist bisher nicht geschehen. Der runde Tisch, den Sie eben erwähnt haben, war ja keine Aufarbeitungskommission … nicht eine Wahrheitskommission habe ich einberufen, sondern eine Kommission, bei der die Betroffenen, die Missbrauchsopfer im Zentrum stehen und sie gehört werden können, sodass wir als die politisch Handelnden, aber auch als Gesellschaft, einen sehr viel wacheren Blick auf die aktuellen Gefährdungen von Mädchen und Jungen bekommen.

Frenzel: Es gab letzte Woche einen erschreckenden und aufrüttelnden Spielfilm in der ARD oder vielmehr zwei sogar, "Operation Zucker", der Folgefilm dazu. Der zeigt organisierten Kindesmissbrauch in ganz guten, in gut situierten Familien. Wie viel Realität liegt denn in solchen Darstellungen?

Rörig: Hinter diesen Darstellungen liegt sehr viel Realität, und ich bin in engem Austausch mit Betroffenen, die solcher organisierten Kriminalität zum Opfer gefallen sind, und es ist so, dass die Realität tatsächlich noch viel schlimmer ist. Es ist die Spitze, die brutalste und abscheulichste Spitze des Eisbergs des sexuellen Missbrauchs in Deutschland.

Die Mitglieder der „Aufarbeitungskommission Kindesmissbrauch“, v.l.n.r.: Dr. Christine Bergmann, Prof. Dr. Jens Brachmann, Brigitte Tilmann, Prof. Dr. Sabine Andresen (Vorsitzende der Kommission), Prof. Dr. Peer Briken, Prof. Dr. Barbara Kavemann, Prof. Dr. Heiner Keupp (Foto: Christine Fenzl)Die Mitglieder der "Aufarbeitungskommission Kindesmissbrauch", v.l.n.r.: Dr. Christine Bergmann, Prof. Dr. Jens Brachmann, Brigitte Tilmann, Prof. Dr. Sabine Andresen (Vorsitzende), Prof. Dr. Peer Briken, Prof. Dr. Barbara Kavemann, Prof. Dr. Heiner Keupp (Foto: Christine Fenzl)

Frenzel: Glauben Sie denn, dass da eine Kommission, sieben Menschen, die da jetzt zusammengekommen, dass die da helfen kann?

Rörig: Die Kommission wird nicht nur alleine Betroffene anhören, sie wird vertrauliche Anhörungen durchführen. Wir werden aber auch Anhörungsbeauftragte einsetzen bundesweit und dezentral, die in sehr sicheren Strukturen für die Betroffene, verlässlichen Strukturen Anhörungen durchführen. Dabei werden die Betroffenen auch psychologisch begleitet. Es gibt Vorbereitungen und auch Nachbereitungen. Es ist vor allen Dingen das Persönlichkeitsrecht der Betroffenen gewährleistet und auch der Datenschutz.

Politik reagierte zögerlich

Frenzel: Haben Sie denn den Eindruck, dass Sie die Politik da hinter sich wissen? Ich frage das vor dem Hintergrund auch der Tatsache, dass diese Kommission, die Sie da jetzt berufen konnten, schon im letzten Sommer beschlossen wurde vom Bundestag, aber dann hat es offenbar relativ lange gedauert. Warum eigentlich?

Rörig: Ich kann das ganz klar sagen: Ich habe jetzt mit meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern der großen Koalition die Einrichtung dieser Kommission regelrecht abgerungen. Da hatten schon viele das Gefühl, dass man mit dem runden Tisch und mit der Einsetzung des Missbrauchsbeauftragten genug getan hat. Ich habe natürlich immer wieder zu tun, dass viel verdrängt wird und die Menschen das Thema einfach auch in der Politik nicht wahrhaben wollen, aber jetzt hat die Bundesregierung im November, erst im November eine finanzielle Planungssicherheit für die Kommission gegeben, sodass jetzt auch tatsächlich die Anhörungen bundesweit durchgeführt werden können und auch Forschungsbedarf identifiziert werden kann.

Das ist ganz wichtig, sodass die Kommission jetzt in den nächsten drei Jahren zunächst erst mal sehr stabil arbeiten kann. Wobei, ich vermute, dass die Kommission dann in der nächsten Legislaturperiode noch eine Verlängerung ihres Mandates bekommt. Wenn man nach Australien schaut oder in die USA und nach Irland, dann weiß man, dass unabhängige Aufarbeitung nicht im Expresstempo erfolgen kann. Da muss man sich Zeit nehmen, und das wird sicherlich auch länger als noch drei Jahre dauern.

Frenzel: Das sagt Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte zum sexuellen Kindesmissbrauch. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Rörig: Herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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