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Profil / Archiv | Beitrag vom 10.08.2011

Auf Expedition mit dem "Polarstern"

Antje Boetius forscht über die Tiefsee

Von Jochen Steiner

Geschwänzte Manteltiere wie hier Bathochordaeus steuern mit ihren Schleimnetzen einen großen Teil zur Nahrung der Tiefsee bei. (Science)
Geschwänzte Manteltiere wie hier Bathochordaeus steuern mit ihren Schleimnetzen einen großen Teil zur Nahrung der Tiefsee bei. (Science)

In mehr als 40 Forschungsexpeditionen hat Meeresbiologin Antje Boetius das Leben in der Tiefe der Ozeane untersucht – auf Schiffen und in kleinen U-Booten. Seit Anfang August ist die Leibniz-Preis-Trägerin an Bord des Forschungsschiffes "Polarstern" in der Arktis unterwegs.

Antje Boetius liebt Piratenfilme. Gerne hätte sie mit Captain Jack Sparrow getauscht und wäre mit ihrer Mannschaft auf einem Furcht einflößenden Piratenschiff über die Weltmeere gesegelt. Und in der Tat hat die 44-Jährige ihren Berufswunsch fast eins zu eins umgesetzt. Nur, dass es anstelle eines Piratenschiffes ein Forschungsschiff ist, mit dem die Meeresbiologin über die Ozeane fährt.

Wasser bedeute ihr viel, sagt Antje Boetius. Als Kind war sie mit ihren Eltern oft während der Ferien am Meer, ihr Großvater konnte spannende Geschichten erzählen aus seiner Zeit als Kapitän auf Segelschiffen. Zu ihren Lieblingsbüchern gehörten Jules Vernes "20.000 Meilen unter dem Meer" und Moby Dick. Kaum verwunderlich also, dass Antje Boetius nach dem Abitur nach Hamburg gezogen ist und dort Meeresbiologie studiert hat.

"Ja ich bin ein Hessemädsche, ich komme aus Darmstadt. Und das wundert natürlich manche Leute heute immer noch, wie man aus dem Inland dann zum Meer gehen kann, aber es gibt auch viele Seeleute, die aus dem Inland kommen."

Und so hat sich Antje Boetius nicht von ihrem Plan abbringen lassen. In Bremen schrieb sie ihre Doktorarbeit, auch in den USA hat sie einige Zeit geforscht. Vor zwei Jahren wurde sie Professorin für Geomikrobiologie an der Universität Bremen. Ihr Spezialgebiet ist die Tiefsee. Schon während ihrer Zeit als Studentin hat sie gemerkt,

"… dass das Spannendste doch eigentlich ist, ganz in die Tiefe zu schauen, weil man hier am allerwenigsten kennt, weil man noch gar nichts gesehen hat. Noch nicht mal ein Prozent des Tiefseebodens wurde ja bisher überhaupt gesehen von Menschen. Und dann wusste ich: Es soll die Tiefsee-Forschung sein."

Eigentlich hat die zierliche Frau mit den grünen, wachen Augen und den blonden, langen Haaren Urlaub. Trotzdem ist sie unter Zeitdruck, denn Antje Boetius schreibt noch an den letzten Seiten eines Buches über die Tiefsee. Die Idee dazu kam von ihrem Vater, dem Schriftsteller Henning Boetius. Außerdem will sie noch ihr Patenkind treffen, bevor sie in wenigen Tagen an Bord der "Polarstern" zu ihrer nächsten Arktisexpedition aufbrechen wird. Ein Team von 55 Wissenschaftlern untersucht dann das Meereis und das Leben darunter.

"Diese Menschen müssen sich auf Ziele einigen, sie müssen sich gegenseitig helfen. Und dadurch entsteht ein tolles Gefühl der Internationalität und der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, die einfach Spaß machen. Also ich kenne keinen, der nicht fasziniert wäre von diesem Moment Expedition, Expeditionsgeist, wo alle für alle da sind."

Eines der Ziele von Antje Boetius ist es herauszufinden, ob sich die Zahl der winzigen, einzelligen Algen des arktischen Meeres durch den Klimawandel bereits verändert hat. Zwei Monate lang wird sie dafür Wasserproben untersuchen, fernab der Heimat.

"An Bord vermisse ich natürlich meinen Lebensgefährten und ich vermisse auch meine Freunde und manchmal auch die Ruhe des Alleinseins, des zu Hause Arbeitens zu können. Aber eigentlich ist es insgesamt wenig, was man vermisst, weil man auch so viel dazu gewinnt. Das, wo man ist, das ist so ein besonderes Ereignis und so was Tolles, dass das die Arbeit ist in solchen Regionen der Erde, die sonst keiner zu sehen bekommt, dann forschen zu können, das macht eigentlich hauptsächlich Spaß."

Aber nicht nur das Forschen an Bord von Schiffen macht Antje Boetius Spaß. Immer wieder zwängt sie sich in kleine U-Boote, um dem Leben in der Tiefsee im wahrsten Sinn des Wortes auf den Grund zu gehen. Ihr erster Tauchgang führte sie über 3.000 Meter tief. Sie lag auf dem Bauch und spähte durch ein Guckloch des knallgelben Mini-U-Boots "Nautile".

"Eigentlich ist der Teil, wo es wirklich dunkel wird, fast der schönste vom Tauchgang. Weil wenn dann die Piloten das Licht ausmachen vom U-Boot, dann sieht man das Leben um einen herum funkeln, denn die meisten Tiere in der Tiefsee haben Biolumineszenz, Selbstleuchten. Es sieht aus wie ein Feuerwerk eigentlich und man sieht, und erahnt Tiefseefische, Quallen, Tintenfische, Schnecken, Würmer, die einfach fantastisch anzuschauen sind."

Ihre größte Entdeckung ist aber winzig. Bakterien, mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen, die in der Tiefe der Meere Methan verdauen, das dort in gefrorenem Zustand vorkommt. Dass es solche Methan verarbeitenden Bakterien gibt, war bis dato unbekannt.

Noch ist das Methan am und im Meeresboden gefangen, aber wenn sich die Ozeane noch weiter erwärmen, könne nicht ausgeschlossen werden, dass es in die Atmosphäre entweicht und das Klima weiter schädigt, sagt Antje Boetius. Die Daten der Wissenschaftler müssten noch besser genutzt werden, um weitere Schutzgebiete in den Meeren und Ozeanen einzurichten, so ihre Forderung. In ihrer Freizeit fährt Antje Boetius gerne ans Meer, sie kann aber auch mal ganz gut ohne Wasser um sich herum auskommen.

"Ich liebe Städteurlaube, ich bin sehr gerne dann unter Menschen. Ich bin auch ein großer Fan von Shopping-Touren, habe bestimmt mehr Schuhe in meinem Schrank als Bücher über die Tiefsee in meinem Regal, also von daher bin ich ansonsten eigentlich recht normal."

Von ihrer Normalität können sich interessierte Besucher bei einem ihrer öffentlichen Vorträge überzeugen. Dann erzählt Antje Boetius von diesem unbekannten Lebensraum, der Tiefsee, die noch so unberührt erscheint und in die nur wenige Menschen bislang vordringen konnten.

"In unserer Umwelt haben wir fast überall das Gefühl der Überbevölkerung, der Enge, des Verbrauchs, des ungesunden Verbrauchs auch von Naturressourcen. Aber zu denken, dass eigentlich 70 Prozent noch so sind, wie die Natur sie geschaffen hat, auch wenn es da natürlich riesige Dynamiken in der Erdgeschichte gab, bedeutet den meisten Menschen wirklich viel."

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Weitere Infos zu Antje Boetius und ihrem Forschungsgebiet

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