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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.03.2010

Auf die Finger geschaut

Kai Schlüter: "Günter Grass im Visier", Ch. Links Verlag, Berlin 2010, 379 Seiten

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Wurde von der Stasi beobachtet: Literaturnobelpreisträger Günter Grass. (AP)
Wurde von der Stasi beobachtet: Literaturnobelpreisträger Günter Grass. (AP)

Bis 1989 stand Günter Grass im Visier der Staatssicherheit. Welcher Stellenwert seiner Person aus der Sicht der Stasi zukam, das wird in Kai Schlüters gründlich recherchiertem Buch deutlich, das er in fünf der Chronologie der Ereignisse folgende Kapitel gegliedert hat.

Er würde Ostberlin "allzeit im Auge" behalten, äußerte Günter Grass 1986 in seiner Rede "West-östliches Höllengelächter" auf dem PEN-Kongress in New York. Ob er zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass ihn seit 1961 die Staatssicherheit der DDR nicht mehr aus den Augen ließ? Er war "angefallen wegen Provokation", wie aus dem Suchzettel hervorgeht, den die Stasi am 18. August 1961 über ihn anlegte. Von diesem "Aug' in Auge" zwischen einem deutschen Dichter und dem DDR-Geheimdienst handelt Kai Schlüters Buch "Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte".

Grass war 32 Jahre alt, als sein Roman "Die Blechtrommel" erschien. Die Geschichte von Oskar Matzerath war 1959 neben Uwe Johnsons "Mutmassungen über Jakob" das Ereignis der Frankfurter Buchmesse. Zwei Jahre später setzte sich Grass für seinen Freund Uwe Johnson auf dem fünften Schriftstellerkongress der DDR in Ostberlin ein. Johnson galt seit seinem Weggang aus der DDR als "Republikflüchtling".

Die zweite Ungeheuerlichkeit aus Sicht der DDR-Offiziellen leistete sich Günter Grass, als er nach dem Mauerbau vom August 1961 in einem offenen Brief an die in Ostberlin lebende Schriftstellerin Anna Seghers den Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter Ulbricht, mit dem Kommandanten eines Konzentrationslagers verglich. Durch solche Attacken machte sich Grass in den Augen der Stasi zu einer verdächtigen Person.

Bis 1989 stand Günter Grass im Visier der Staatssicherheit. Welcher Stellenwert seiner Person aus der Sicht der Stasi zukam, das wird in Kai Schlüters gründlich recherchiertem Buch deutlich, das er in fünf der Chronologie der Ereignisse folgende Kapitel gegliedert hat. Während sich das erste mit dem "Protest gegen Zensur, Mauerbau und Geschichtsfälschung" befasst, stehen im zweiten "deutsch-deutsche Autorenlesungen im privaten Kreis" im Zentrum. Von den "Friedensgesprächen zwischen Autoren aus Ost und West" handelt das dritte Kapitel, und das vierte widmet sich den Lesereisen von Grass, die möglich wurden, seit 1984 "Katz und Maus" und das "Treffen in Telgte" und zwei Jahre später "Die Blechtrommel" in der DDR veröffentlicht wurden. Häufig musste in dieser Zeit das gegen ihn ausgesprochene Einreiseverbot aufgehoben werden, denn Grass, der 1983 zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt wurde, reiste häufig als offizielle Person in die DDR ein.

Wie er bei seinen Aufenthalten rund um die Uhr observiert wurde, das geht aus dem letzten Kapitel des Buches mit dem Titel "Tagsüber hat G. Strandgut und zerzauste Bäume gemalt" hervor. Was in den Akten falsch wiedergegeben wurde, hat Grass und haben Zeitgenossen wie Elke Erb, Hans-Christoph Buch, Bernd Jentzsch, Günter Kunert, B.K. Tragelehn unter anderem in Kommentaren richtiggestellt.

Die Stasi war gründlich, aber sie wusste nicht alles. Um einen Autor zu überwachen, den sie nicht einschätzen konnte, setzte sie einen unglaublichen Apparat in Bewegung. Manchmal konnte allerdings nicht mehr als das Eintreffen und Abfahren der "Zielperson" notiert werden. Was Grass im Freundes- und Kollegenkreis besprochen hat, bleibt deshalb weiterhin so lange geheim, bis er diese Geheimnisse zum Beispiel in seinen Tagebüchern lüftet.

Besprochen von Michael Opitz

Kai Schlüter: Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte. Eine Dokumentation mit Kommentaren von Günter Grass und Zeitzeugen
Ch. Links Verlag, Berlin 2010
379 Seiten, 24,90 Euro

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