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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.06.2008

Auf der Suche nach einem Vater-Ersatz

Michael Gerard Bauer: "Running Man", Carl Hanser Verlag, München, 2007, 269 Seiten, 14,90 Euro

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Lesender Junge: "Running Man" ist als Jugendbuch ausgezeichnert worden. (Stock.XCHNG / cumhur kahveci)
Lesender Junge: "Running Man" ist als Jugendbuch ausgezeichnert worden. (Stock.XCHNG / cumhur kahveci)

Wer ist der "Running Man" aus seinen Albträumen? Das fragt sich der 14-jährige Joseph in Michael Gerard Bauers Roman. Der Antwort auf die Frage kommt der Junge, dessen Vater durch Abwesenheit glänzt, näher, als er sich mit einem Vietnam-Veteranen anfreundet. Ein nicht ganz einfaches Buch, aber durchaus als Jugendroman geeignet.

Der 14-jährige Joseph lebt in einer australischen Kleinstadt. Sein Vater ist beruflich meistens weg, und so lebt er mit seiner Mutter zusammen. In seinen Albträumen wird Joseph regelmäßig vom "Running Man" verfolgt, einer Figur, die schwer atmend hinter ihm her hetzt.

Als Hausaufgabe soll Joseph das Porträt einer Person aus seiner Umgebung zeichnen. Caroline Leyton, eine Nachbarin, schlägt ihm vor, ihren älteren Bruder Tom zu porträtieren, einen in sich gekehrten Mann, der ihm Angst einflößt, ihn aber auch fasziniert. Das liegt an den Gerüchten, die in der Kleinstadt über den Nachbarn kursieren: Tom Leyton sei als veränderte Persönlichkeit aus dem Vietnamkrieg zurückgekehrt, heißt es.

Während ihrer gemeinsamen Porträt-Sitzungen lernt Joseph einen sanftmütigen, wenn auch fast autistisch lebenden Mann kennen, der nur eine Leidenschaft kennt: das Züchten von Seidenraupen. Langsam kommen die beiden Personen einander näher; Tom Leyton gibt erste Hinweise auf seine Traumata, aber auch Joseph bekommt eine neue Einstellung zu seinem Leben und erkennt schließlich, wer der "Running Man" aus seinen Albträumen ist…

Michael Gerard Bauers Debütroman prägen kurze Sätze und eine sehr direkte Sprache. Diese Klarheit zeichnet besonders die Dialoge zwischen Joseph und Caroline und erst recht die Gespräche zwischen Joseph und Tom aus. Als Leser freut man sich über die unverblümten Fragen des Schülers, denn man möchte von dem geheimnisvollen Nachbarn oft genau das Gleiche wissen und erwischt sich dabei, die Frage viel umständlicher formuliert zu haben.

Es gibt einen Erzähler, der über den Dingen steht, der jedoch eindeutig Partei für den 14-jährigen Joseph ergreift. Genau aus dem Grund fällt es etwas schwer zu entscheiden, wer denn im Roman eigentlich die Hauptperson ist: Tom Leyton, psychisch schwer gezeichneter Kriegsveteran, oder Joseph, die eigentliche Identifikationsfigur, von der Angst vor dem "Running Man" getrieben?

Bemerkenswert ist die Leichtigkeit, mit der M.G. Bauer Lyrik eingeflochten hat, etwa das Gedicht "Die Seidenraupen" von Douglas Stewart. Das Gedicht habe ihn überhaupt erst zu seinem Buch inspiriert, lässt er wissen, und dem Leser wird schnell klar, welch zentrale, leitmotivische Bedeutung diese Tiere haben.

"Running Man" als Jugendbuch einzustufen, ist mutig. Geht es doch um die Verschlossenheit erwachsener Menschen, die an ihrem Trauma fast zugrunde gehen. Es geht um den Vietnamkrieg, der nicht nur in Amerika, sondern auch in Australiens Geschichte Wunden hinterlassen hat. An dieser Stelle ist der Roman sogar aufklärerisch, denn die Beteiligung Australiens ist fast in Vergessenheit geraten.

Beide Themenkreise könnten Jugendliche überfordern. Andererseits ist das Buch aber nicht nur ein engagiertes Plädoyer gegen Vorurteile, sondern eine Auseinandersetzung eines Sohnes mit der ständigen Abwesenheit seines Vaters und die Suche nach einer Vater-Ersatz-Figur. Dieser Themenbereich wiederum macht M.G. Bauers Buch durchaus zu einem Jugendroman.

Sieht man von ein paar überflüssigen Längen im Mittelteil ab, bei denen der Autor geradezu litaneiartig wiederholt, dass Tom Leyton ein verschlossener, merkwürdiger Mensch ist, hat M.G. Bauer mit seinem Debüt einen Roman verfasst, der den Katholischen Kinder- und Jugendbuch-Preis zu Recht erhält. Der Schluss des Romans, auch wenn er ziemlich dick aufgetragen ist, versöhnt mühelos mit dem Mittelteil, denn er überrascht inhaltlich, und er ist ein Loblied auf die Mitmenschlichkeit.

Rezensiert von Roland Krüger

Michael Gerard Bauer : Running Man
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Roman, Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München, 2007
269 Seiten, 14,90 Euro

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