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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.07.2006

Auf den Spuren von Miss Marple

Gilbert Adairs launiger Krimi "Mord auf ffolkes Manor"

Rezensent von Joachim Scholl

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Natürlich: Es geht um die Aufklärung eines Mordes. (Stock.XCHNG / Pat-swan)
Natürlich: Es geht um die Aufklärung eines Mordes. (Stock.XCHNG / Pat-swan)

Gilbert Adair hat sich einen literarischen Spaß erlaubt und in "Mord auf ffolkes Manor" alle Motive und Klischees des klassischen englischen "Whodunit"-Romans versammelt. Die Anspielung auf die Welt einer Agatha Christie ist offensichtlich und gewollt: Souverän arrangiert Adair das entsprechende Setting und Personal, pfiffige Dialoge und einen rätselhaften Mord, dessen Auflösung so verblüffend wie zugleich einfach ist.

Weihnachten 1935. In einem eingeschneiten Landhaus in der englischen Provinz versammelt der honorige Colonel Roger ffolkes die Familie und Freunde zum traulichen Weihnachtsfest. Eine böse Überraschung erlebt die Gesellschaft, als Tochter Selina mit dem Londoner Klatschkolumnisten Ray Gentry anreist, eine Übelkrähe sondersgleichen, die alle Anwesenden brüskiert und die festliche Stimmung völlig verdirbt. Anderntags liegt Ray Gentry erschossen in seinem Zimmer.

Durch das Wetter ist ffolkes Manor von der Außenwelt abgeschnitten, und so wird aus der Nachbarschaft der pensionierte Scotland Yard-Inspektor Trubshawe geholt, um Licht ins Dunkel zu bringen. Engagiert nimmt der Kommissar die Ermittlungen auf, und bald stellt sich heraus, dass jeder und jede der Mörder sein könnten.

Da ist der Vikar des Dorfes, der ein peinliches Geheimnis hütet, das nette junge Arzt-Ehepaar verschweigt ebenfalls triftige Dinge, die Schauspielerin Cora hat alle Gründe, einen Klatschreporter zu beseitigen, und auch die Krimi-Bestseller-Autorin Evadne Mount spricht nicht gern über gewisse wunde Punkte der Vergangenheit.

Doch als Schriftstellerin stürzt sie sich mit Feuereifer und mörderischer Phantasie in den Fall. Aber dann fällt erneut ein Schuss, und nicht nur Inspektor Trubshawes treuer, alter Hund Tobermory sinkt getroffen zur Erde...

Gilbert Adair hat sich einen literarischen Spaß erlaubt und alle Motive und Klischees des klassischen englischen "Whodunit"-Romans versammelt. Die Anspielung auf die Welt einer Agatha Christie ist offensichtlich und gewollt: Souverän arrangiert Adair das entsprechende Setting und Personal, pfiffige Dialoge und einen rätselhaften Mord, dessen Auflösung so verblüffend wie zugleich einfach ist.

Der englische Autor, Kritiker, Filmspezialist und Journalist Gilbert Adair ist Jahrgang 1944, und er liebt es, in seinen über zwanzig Romanen und Erzählungsbänden eine erfundene - und stets unterhaltsame - Handlung mit einem literarischen Subtext zu versehen. Sein letztes, auch in Deutschland erfolgreiches Buch "Liebestod auf Long Island" versetzt Thomas Manns "Tod in Venedig" nach Amerika und in eine hochvergnügliche Welt von Film, Stars und vergänglichen Ruhm. In früheren Büchern bildeten Peter Pan und Alice im Wunderland weitere literarische Grundlagen. Mehrere Stoffe Adairs wurden bereits verfilmt. "Die Träumer" in der Regie von Bernardo Bertolucci war auch in deutschen Kinos zu sehen.

Mit "Mord auf ffolkes Manor" macht Gilbert Adair nicht nur literarischen Kennern eine Freude, sondern allen, die gerne spannende Krimis lesen. Agatha Christie hätte bei diesem Fall und seiner Lösung wohl anerkennend die Brauen hochgezogen...


Gilbert Adair: Mord auf ffolkes Manor
Aus dem Englischen übersetzt von Jochen Schimmang.
C.H.Beck-Verlag, München 2006, 295 Seiten

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