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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 16.08.2006

Auf den Spuren der "Erzwungenen Wege"

Polen und die Berliner Ausstellung zur Vertreibung in Europa

Von Raphael Krüger

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Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin. (AP Archiv/Henry Burroughs)
Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin. (AP Archiv/Henry Burroughs)

Wer sich auf die Suche nach dem Skandal in das Berliner Kronprinzen-Palais begibt, wird enttäuscht. Drei Räume erinnern an das Schicksal von fast 100 Millionen Vertriebenen im Europa des vergangenen Jahrhunderts. Mitten im Panorama der gewaltsamen Völkerwanderungen findet sich das Los der Deutschen – nicht mehr und nicht weniger.

Auf den Lektürerundgang im kalten, schwarz-weiß gehaltenen Hauptsaal folgen zwei kleine Schauräume. Sie zeigen Ausstellungsstücke, die Heimat, Verlust und Erinnerung in schriftlichen Zeugnissen und Gegenständen zu fassen suchen; vom bestickten Kissen mit dem Motto "Bleib Deiner Heimat treu" über die Fahne der Sibirienverschleppten aus dem polnischen Trzebiatów bis zum verwaistem Mobiliar aus Istrien und Dalmatien. Es wartet bis heute, 60 Jahre nach den Ereignissen, in einer Lagerhalle des Hafens von Triest auf seine verschollenen italienischen Eigentümer.

Wer dieser Miniaturausstellung der Massendeportationen unvoreingenommen begegnet, mag viele Lücken erkennen. Nicht aber findet sich ein Anlass, der den scharfen Protest aus Warschau rechtfertigt. Stattdessen kann der Besucher in einen Abgrund europäischer Nationalgeschichte blicken, den sich viele Regierungen und Völker noch heute ersparen, mitunter barsch verbieten, wie es die Türkei mit Vertreibung und Tod der Armenier hält.

Auch dem Warschauer Regierungstriumvirat aus den Parteien Recht und Gerechtigkeit, Selbstverteidigung und Liga der polnischen Familien ist selbstkritische Rückschau ein Gräuel. Ihr ist sie nichts für Patrioten, sondern für Nestbeschmutzer und Vaterlandsverräter.

Ein unablässiger Generalverdacht nationaler Unzuverlässigkeit treibt in Polen seltsame Blüten. Etliche Kommentatoren räumen zwar ein, dass der Ausstellung im Kronprinzen-Palais nichts vorzuwerfen sei, trotzdem schade sie den beiderseitigen Beziehungen. Ihr Initiator, der Bund der Vertriebenen, verfolge in verschwörerischer Manier ein perfides Ziel. Er beabsichtige listig, die deutsche Schuld zu verwässern, den Zusammenhang von Krieg und Vertreibung der Deutschen in einem europäischen Meer der Leiden aufzulösen und ziele im Kern auf Relativierung und Revision. Die Verbrechen einer ganzen Epoche bildeten lediglich die Kulisse, hinter der deutsch-nationale Leidensgeschichte zu neuem Leben erweckt werden solle. Das Ganze mit dem Segen der deutschen Staatsmacht.

Die nichts ahnende Bundesregierung weiß sich seit Monaten mit den Grobheiten aus Warschau keinen Rat. Lange hatte sie an Wahlkampf bedingte Störungen und vorübergehende Irritationen einer politischen Neuformierung in Polen geglaubt und beim Schlucken saurer Gurken gelächelt. Nun darf sie erkennen, dass die gegenwärtigen polnischen Machthaber die Beziehungen bewusst und gezielt beschädigen, weit über den Bereich der Geschichtsdeutung hinaus.

Der deutsch-polnischen Europa-Universität Viadrina wird aus Warschau kurzerhand ein früher zugesagter Stiftungsbeitrag gestrichen. Ein beschlossenes Erinnerungsnetzwerk bleibt Papier. Jahrelange Verhandlungen über die gemeinsame Nutzung und den Ausbau der unteren Oder stehen vor dem Aus. Planungen zum Bau eines polnischen Atomkraftwerks an der Grenze zu Deutschland werden forciert.

Diese und weitere Maßnahmen lassen hierzulande selbst standhafte Polenfreunde, die bisher noch jeden Fehltritt aus Warschau geduldig erläuterten, nach und nach verstummen. Als Ausdruck von Empfindlichkeit oder Missverständnissen lassen sich Gesprächsverweigerung, unfreundliche Entscheidungen und herrisches Gebaren nicht mehr abtun, zumal es Methode hat.

Wer kräftig nach Westen austeilt, kann es in dieser Regierung zu etwas bringen. Danach handelt der frischgebackene 28-jährige Minister für Seewirtschaft aus der pommerschen Provinz ebenso wie der in Oxford studierte Ressortchef für Verteidigung. Einzig der Außenminister Stefan Meller nahm vor einigen Monaten freiwillig seinen Hut, denn Diplomaten haben schlechte Zeiten.

Den Zwillingsbrüdern Kaczyński geht es in ihrem Selbstverständnis nicht bloß um Macht, auch nicht um historische Wahrheit, sondern um Weltanschauung. Sie sehen sich selbst und das Land von Gegnern, ja Feinden umgeben: außen von Deutschen, Russen und der Brüsseler EU, im Innern von Liberalen, Kommunisten und sonstigen gott- wie vaterlandslosen Gesellen. Dieser wahnhaften Sicht entspringt der rabiate Umgang mit Andersdenkenden und -lebenden. Zwischen sich und der Volksrepublik ziehen sie einen tiefen Graben. Dabei haben sie das wichtigste leninistische Prinzip inhaliert: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

Wie soll man mit einer Regierung umgehen, die tief sitzende Abneigungen und ideologisch fundierte Ressentiments gegen ihren Nachbarn umtreiben und sie unumwunden zum Ausdruck bringt? Wo es wichtig ist konfliktbereit, ansonsten gelassen, ironisch, auch ignorierend. Mit einiger Hoffnung geht die Ära Kaczyński eher früher als später vorbei. Vielen Polen ist die paranoide Wahrnehmung ihrer politischen Führung fremd. Auf sie muss setzen, wem am deutsch-polnischen Verhältnis liegt.

Raphael Krüger, Historiker und Publizist.1963 in Berlin geboren, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Slawistik an der Freien Universität, dann in Krakau und London. Mehrere Stipendien und Arbeiten zu Mittel- und Osteuropa führten ihn nach Krakau, Warschau, Budapest und Bukarest. Er schreibt für mehrere Tageszeitungen sowie für historische und politische Fachzeitschriften.

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