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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.10.2005

Auf dem Weg zur Weltspitze?

Die deutschen Hochschulen zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Von Heike Schmoll

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Was die Professoren an den deutschen staatlichen Hochschule am Forschen hindert, ist nicht die Lehre. Es sind endlose Sitzungen, Kampf um Sekretariats- und Mitarbeiterstellen und vor allem die leidigen Anträge auf Drittmittel, meint Heike Schmoll (AP)
Was die Professoren an den deutschen staatlichen Hochschule am Forschen hindert, ist nicht die Lehre. Es sind endlose Sitzungen, Kampf um Sekretariats- und Mitarbeiterstellen und vor allem die leidigen Anträge auf Drittmittel, meint Heike Schmoll (AP)

Nach der Bekanntgabe des deutschen Nobelpreisträgers Thomas Hänsch setzte ein allgemeines Schulterklopfen ein. "So schlecht kann es doch um die deutschen Hochschulen nicht bestellt sein, das Land liegt allen Rankings zum Trotz als Wissenschaftsstandort doch noch an der Weltspitze". Das sagten oder dachten viele, vor allem in den Wissenschaftsorganisationen. Sie haben sich schon längst in eine dauerhafte Verteidigungsposition begeben, um selbst noch gar nicht begonnene Angriffe auf das deutsche Hochschulsystem abzuwehren.

Dabei gehören sie selbst zu denjenigen, die fortwährend von der Notwendigkeit weiterer Reformen sprechen, um die allmähliche Europäisierung oder das, was das Bundesbildungsministerium darunter verstehen will, voranzutreiben. Vor allem im Ausland muss niemandem bewiesen werden, dass es hierzulande noch Spitzenforscher gibt. Gleichwohl ist die Frage erlaubt, warum es nicht viel mehr Nobelpreisträger aus Deutschland gibt. Hänsch ist der erste deutsche Forscher nach 16 Jahren, der wieder einen Nobelpreis erhielt.

Es ist auch kein Zufall, dass der Quantenphysiker nicht an einer Universität, sondern am Max-Planck-Institut forschte. Denn dort herrschen andere Gesetze als im Universitätsalltag. Das Max-Planck-Institut in Garching bei München, das Hänsch leitet, ist ein intellektueller Schmelztiegel. Dort spielen Nationalitäten schon längst keine Rolle mehr, die individuelle Begabung dagegen die Hauptrolle.

Ein Direktor eines Max-Planck-Instituts kann sich längst nicht mit der Verwaltung der zahlreichen Forschungsprojekte zufrieden geben, er muss fortwährend selbst forschen und veröffentlichen und seine Präsenz in den beiden renommierten naturwissenschaftlichen Zeitschriften "Science" und "Nature" unter Beweis stellen. Dafür ist er von der Lehre völlig freigestellt.

Das hat Vor- und Nachteile. Eine der Stärken des deutschen Hochschulsystems lag durchaus in der Einheit von Forschung und Lehre. Die Franzosen, die beides getrennt hatten, versuchen mühsam, diese Einheit wiederzuerlangen. Was den deutschen Professor an einer staatlichen Hochschule am Forschen hindert, ist auch nicht die Lehre, im Gegenteil, sie kann auch Forschung befruchten. Es sind endlose Sitzungen, Kampf um Sekretariats- und Mitarbeiterstellen und vor allem die leidigen Anträge auf Drittmittel. Allein die Exzellenzinitiative der Bundesregierung forderte einen enormen bürokratischen Aufwand. Die Anträge mussten auf Englisch formuliert werden. Auf diese Weise wurde der Hochschullehrer ganz nebenbei zum Wissenschaftsmanager.

Gleichzeitig galt es an der eigenen Fakultät, möglichst schnell Curricula für neue Bachelor- und Masterstudiengänge zu entwickeln. Der Erfolg dieser Studiengänge in den angelsächsischen Ländern liegt im exzellenten Tutorenwesen mit regelmäßiger Leistungskontrolle. Der akademische Mittelbau fiel in Deutschland jedoch schon in den 70er Jahren staatlichen Einsparungen zum Opfer.

Von der so genannten leistungsbezogenen Besoldung und den W-Gehältern wurde auch eine Qualitätssteigerung unter den Hochschullehrern erwartet. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Denn nun verlässt kein C4-Professor seinen Lehrstuhl, weil er sich finanziell nur verschlechtern könnte und ruhegehaltsfähige Zulagen verliert. Gleichzeitig weiß jede Fakultät, die einen Spitzenforscher berufen will, dass sie damit ihre eigenen finanziellen Zuwendungen gefährdet. So zieht nach und nach das Mittelmaß ein, während alle Welt von Exzellenz und internationaler Konkurrenzfähigkeit faselt.

Es ist deshalb nicht übertrieben, dass deutsche Forscher in den Vereinigten Staaten ihre Rückkehr für den Fall angekündigt haben, dass sich die Arbeitsbedingungen in Deutschland spürbar verbessern. Es handelt sich immerhin um 6000 junge deutsche Forscher, die nicht zu den schlechtesten gehören. Sie plädieren vor allem für transparente Berufungsverfahren, in denen der wissenschaftlich beste Kandidat ausgewählt wird, wovon heutige Berufungen oft weit entfernt sind.

Was sich im deutschen Hochschulalltag ändern muss, liegt auf der Hand. Der Professor braucht wieder viel mehr Freiheit für Forschung und Lehre. Es ist absurd, seine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit nach Absolventen, Doktoranden, Habilitanden, Drittmitteln und internationalen Veröffentlichungen zu messen. Wer möglichst viele Doktoranden habilitiert, muss unweigerlich Abstriche an den wissenschaftlichen Anforderungen machen.

Die Länder haben mit Hilfe des Bundesverfassungsgerichts dafür gesorgt, dass manche Überreglementierung des Hochschulrahmengesetzes fiel. Anstatt die Universitäten dann aber in die Freiheit der Forschung zu entlassen, haben sie nichts Besseres zu tun gehabt, als gängelnde Landeshochschulgesetze zu erlassen. Nun muss sich der Professor auch noch gefallen lassen, dass er zum Knecht außeruniversitärer, fachfremder Gremien wird, die nach Art der Aufsichtsräte organisiert sind.

Wenn die deutschen Hochschulen wieder attraktiv werden sollen, müssen sie nicht nur mehr Mittel bekommen. Doch häufig wirken sie inzwischen schon verschult. Solange Politiker in Land und Bund nicht aufhören, Unternehmensstrukturen oder das, was sie darunter verstehen, auf eine öffentliche Bildungsinstitution zu übertragen, werden sich die Arbeitsbedingungen nicht bessern. Begabung und Kreativität können sich nur in Freiheit entfalten. Je reglementierter der Universitätsalltag ist, desto eher werden sich begabte junge Forscher ihr Wirkungsfeld außerhalb der Universität suchen.


Heike Schmoll, geb. 1962, hat Germanistik und Evangelische Theologie studiert. Anschließend arbeitete sie beim Südwest-Fernsehen in Baden-Baden. Seit 1989 Redakteurin bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Dort ist sie zuständig für Berichterstattung über die Evangelische Kirche und die Bildungspolitik. Heike Schmoll wurde mit dem Deutschen Sprachpreis 2005 ausgezeichnet.

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