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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.03.2012

Auf alles Menschelnde verzichtet

Georg M. Oswald: "Unter Feinden", Piper Verlag, 246 Seiten

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Georg M. Oswald (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
Georg M. Oswald (dpa / picture alliance / Arno Burgi)

Es gibt "Ärger mit den Arabs", als ein Polizist den jungen Amir in einem Münchner Problembezirk überfährt. Und dann gerät die Sicherheitskonferenz ins Visier von Terroristen. Georg M. Oswald hat einen bis zum Ende spannenden Thriller geschrieben.

Es ist, um es mit dem Dichter Paul Wühr zu sagen, eine Art "Gegenmünchen", in dem Georg M. Oswald seinen neuen Roman ansiedelt: ein München, das dem Klischee-Bild der bayerischen Landeshauptstadt zuwiderläuft und in einer Ecke spielt, die kaum je auf Postkarten gezeigt wird: im Münchner Westend, vormals "Scherbenviertel" genannt. Dort observieren Markus Diller und sein Kollege Erich Kessel eine Wohnung, in der ein Terrorverdächtiger hausen soll. Doch in dieser Nacht geht so einiges schief, am Ende liegt Amir Aslan, 22, mit schweren Schädelverletzungen und Knochenbrüchen im Koma.

Und im Westend, einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil, kommt es zu Krawallen. Was für London Tottenham war, ist für München das Westend: Mülltonnen brennen, Molotowcocktails fliegen, Geschäfte werden geplündert. Der Mob ist los. Es gibt "Ärger mit den Arabs". Verschuldet hat all das Erich Kessel - ein Polizist, der früher bei den "Giftlern" als Drogenfahnder arbeitete und jetzt selbst an der Nadel hängt. Sein Suchtproblem glaubte er in den Griff bekommen zu haben, da holt es ihn wieder ein.

Sein Kumpel Diller, Kriminalhauptkommissar mit Familie, beschließt, den labilen Kessel zu decken und dessen Tat (er hat den jungen "Arab" mutwillig überfahren) zu kaschieren. Was zunächst auch gelingt. Doch seine Abhängigkeit treibt Kessel schnell in die Fänge der Dealer. Und die hecken schließlich einen Plan aus, in dem aus dem Jäger ein Gejagter und die Internationale Sicherheitskonferenz im Zentrum Münchens zum Anschlagsziel wird. Georg Martin Oswalds Anwaltskanzlei ist nicht weit entfernt von dem Luxushotel, in dem alljährlich die Sicherheitskonferenz abgehalten wird.

Er kennt die Topographie bestens, in der ein spektakuläres Verbrechen verwirklicht werden soll. Mögen andere Krimi-Autoren augenzwinkernd im hübsch beschaulichen Interregio zwischen Alpenvorland und Hiddensee unterwegs sein, so schreibt Oswald einen auf alles Menscheln verzichtenden Thriller, dessen Vorbilder eindeutig in der angloamerikanischen Literatur zu suchen sind (einzig die Tatsache, dass Kessel mitunter den Tag ausgerechnet auf einem Streckbett im Museum der Asservatenkammer verdämmert, verleiht dem Ganzen eine skurrile Note) .

Er erzählt straight und lässt den "kommenden Aufstand", von dem ein Manifest bereits in der Realität kündet, von den heruntergekommenen Hinterhöfen der vermeintlichen Hochburg der Beschaulichkeit bis auf die Maximilianstraße schwappen. Das macht den Reiz dieser Dystopie aus, die sich stark an der Wirklichkeit orientiert und sie nur ins Extrem fortspinnt. Noch patrouillieren keine Panzerwagen durch Münchens Straßen, wenn die "SichKon" stattfindet, aber an einen "Festungskampf" erinnert schon heute, was in der Münchner Innenstadt im Februar alljährlich aufgeführt wird. Ein bis zum Ende spannender Thriller, der auf eine Fortsetzung hoffen lässt.

Besprochen von Knut Cordsen

Georg M. Oswald: "Unter Feinden"
Piper, München 2012
246 Seiten, 18.99 Euro

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