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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.08.2008

"Auch militärische Mittel in Betracht ziehen "

Israels Ex-Botschafter Primor fordert Härte im Atomstreit mit Iran

Avi Primor im Gespräch mit Birgit Kolkmann

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Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland (AP)
Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland (AP)

Nach der Weigerung des Irans, im Atomstreit einzulenken, hat der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, die internationale Gemeinschaft dazu aufgefordert, die angekündigten Sanktionen gegen das Land durchzusetzen. Man dürfe dabei auch nicht vor dem Einsatz militärischer Mittel zurückschrecken, sagte Primor. Heute endet die Frist, in der sich Teheran zu den Vorschlägen der internationalen Gemeinschaft zur Beilegung des Streits äußern sollte.

Birgit Kolkmann: Herr Primor, ist Irans Atomprogramm eine Kampfansage an die gesamte Welt, wie es Verteidigungsminister Barak diese Woche bei einem Treffen mit dem UN-Generalsekretär in New York sagte?

Avi Primor: Es ist eine Bedrohung. Und es ist eine Bedrohung insofern, dass Iran eigentlich ein ganz klares Ziel hat, ein traditionelles iranisches Ziel. Nämlich, die unmittelbaren Nachbarn des Irans zu beherrschen, in einer Art oder in einer anderen. Und da geht es nicht um Israel. Israel ist eine emotionale religiöse Frage für den Iran. Israel ist auch ein Mittel, um Propaganda in der islamischen Welt zu führen. Aber das Staatsraison des Irans bedeutet die unmittelbaren Nachbarn wie der Irak, Saudi-Arabien und die Golfstaaten.

Sollte der Iran dank der Atomwaffen diese Länder beherrschen können in einer Art oder einer anderen, so würde der Iran über 57 Prozent aller Erdölreserven der Welt herrschen und damit könnte der Iran die ganze Welt irgendwie bedrohen oder erpressen. Und das ist die große Gefahr.

Kolkmann: Also, Sie haben jetzt nicht nur die Interessen Israels im Blick, sondern die der ganzen Region?

Primor: Der Welt eigentlich, der Region auf jeden Fall. Und die Region versteht das ja auch. Schauen Sie, wenn Saudi-Arabien und hinterher die gesamte arabische Welt Israel ein Friedensangebot gemacht hat, und nicht nur Israel anzuerkennen, mit Israel den Frieden zu schließen, sondern mit Israel auch die Beziehungen zu normalisieren, was für Israel eine sehr große Bedeutung hat, so ist es nicht, weil die arabische Welt und Saudi-Arabien besonders plötzlich in Israel verliebt geworden sind, sondern weil sie verstehen, dass die große Gefahr nicht aus dieser Richtung lauert, sondern aus dem Iran.

Und sie müssen Ruhe in ihrem Hinterhof, also Israel, Palästina und so, erzielen, damit sie sich gegen den Iran verteidigen können. Also sie sehen genau, wo die Gefahr liegt und wer hinter der Gefahr steht.

Kolkmann: Spielt Teheran jetzt auf Zeit?

Primor: Nein, ich glaube, der Iran ist ganz gleichgültig. Sehen Sie, mit Sanktionen kann man den Iran nicht auf die Knie zwingen, wie man es mit Nordkorea getan hat, wie man es mit Libyen getan hat, oder in den alten Zeiten mit Rhodesien von Ian Smith oder Südafrika.

Diese alle Länder waren ja arme Länder. Und der Iran ist ein reiches Land, ein sehr reiches Land, ein großes Land mit 70 Millionen Einwohnern. Sie können dem widerstehen und außerdem, wenn man gegen den Iran mit Sanktionen agiert, oder Drohungen und so, dann gewinnt das iranische Regime, das eigentlich überhaupt nicht beliebt ist, gewinnt sehr viel an Beliebtheit, weil die Bevölkerung, die sehr patriotisch ist, hinter der Regierung steht, wenn es um sich gegen die Welt zu verteidigen handelt.

Kolkmann: Wie sollten sich denn nun die fünf UN-Vetomächte in Deutschland und die EU verhalten, wenn nicht die Sanktionen durchboxen? Das ist doch jetzt das Gebot der Stunde, oder?

Primor: Also, die Sanktionen muss man durchsetzen, das auf jeden Fall, weil man den Iran auf jeden Fall unter Druck setzen muss. Ich halte das für nicht befriedigend, wie ich eben gesagt habe, aber unentbehrlich auf jeden Fall. Und der Iran muss auch wissen, dass, wenn er zu weit geht, dann könnte auch, könnten auch militärische Mittel in Betracht gezogen werden. Das muss man aufrecht erhalten.

Aber langfristig gesehen muss man sich mit dem Iran, mit der Atommacht Iran abfinden können, dadurch, dass man den Iran von Alliierten des Westens umzingelt, dadurch, dass man dem Iran andere Möglichkeiten anbietet, damit, dass man irgendwie alles Mögliche tut, damit der Iran ein anderes Regime bekommt. Und wie gesagt, möchte es auch die Mehrheit der iranischen Bevölkerung, also diese Mehrheit der iranischen Bevölkerung muss man dann wirklich ermutigen. Weil, wenn der Iran eine Atommacht wird, aber nicht von Fanatikern, von Fundamentalisten, von den Ayatollahs geführt wird, dann ist es eigentlich nicht so schlimm.

Kolkmann: Wie will sich Israel verhalten und welche Optionen gibt es da? Da ist ja immer davon die Rede, dass Israel sich offen hält, zum Beispiel iranische Atomanlagen zu bombardieren.

Primor: Ja, sagen wir, ich halte wenig davon. Ich glaube nicht, dass Israel die Möglichkeiten hat, die Mittel zur Verfügung hat, oder sich überhaupt leisten kann, alleine den Iran anzugreifen. Wenn es einen Angriff geben sollte, dann muss es, dann müssen es die Vereinigten Staaten führen. Und Israel könnte eventuell daran teilnehmen, ich hoffe nicht, aber das ist eine Möglichkeit.

Alleine kommt das nicht in Frage. Schauen Sie, wenn man sagt, dass Israel alleine die Atomanlagen im Iran zerstören kann, dann denkt man an das, was 1981 im Irak passiert ist, wo Israel die Atomanlagen des Iraks angegriffen hat und sie endgültig zerstört hat. Aber die waren alle offen und auf einen Ort konzentriert. Der Iran hat etwa 80 verschiedene Atomanlagen im ganzen Land verstreut, und es ist ein sehr großes Land, meistens unterirdisch. Ich glaube nicht, dass wir die Möglichkeiten haben, das alles zu zerstören.

Sie können das Interview mit Avi Primor mindestens bis zum 2. Januar 2009 in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören (MP3-Audio)

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