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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.06.2010

Auch Fußball ist multikulturell

Diethelm Blecking, Gerd Dembowski (Hg.): "Der Ball ist bunt", Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main 2010, 304 Seiten

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Schwarz und Weiß reichen eigentlich nicht: Der Ball ist bunt. (AP)
Schwarz und Weiß reichen eigentlich nicht: Der Ball ist bunt. (AP)

Fußball und Migration gehören zusammen: 2010 spiegeln DFB-Spieler wie Özil, Gomez oder Boateng wider, wie sich die deutsche Gesellschaft heute zusammensetzt. Das Buch hilft, diesen Prozess als selbstverständliche Entwicklung zu begreifen.

Dass Fußball und Migration zusammengehören, ist nicht neu. Seitdem der Sport Ende des 19. Jahrhunderts von reiselustigen Repräsentanten aus dem Mutterland England hinaus in die Welt getragen wurde, ist das so.

Zum Beispiel im Ruhrgebiet: Mit der Industrialisierung kamen Arbeitskräfte aus den Ostprovinzen Preußens. Sie entdeckten den Fußball, hatten Spaß; und einigen gelang es später sogar, von diesem Sport leben zu können. So oder so ähnlich geht das weltweit.

Mit einem fürs spannende Detail geschärften Blick lassen Blecking und Dembowski in "Der Ball ist bunt" eine Fülle von Spezialisten zu Wort kommen. Graue Theorie wird mit buntem Leben gefüllt. Beleuchtet werden in den einzelnen Beiträgen Themen abseits des quotenträchtigen Mainstreams, die die gesellschaftliche Kraft des Fußballs deutlich machen.

Wo sonst findet man Geschichten über vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR, die sich als Außenseiter ihre isolierte Existenz im sozialistischen Bruderland mit Fußball aufhellten? Türkischstämmige Mädchen berichten, wie wichtig es für sie ist, sich mit Fußball gegen Widerstände in ihren Familien durchzusetzen; wie es ihr Selbstbewusstsein stärkt, mithilfe des Spiels selbst gestaltete Freiräume schaffen zu können.

Erzählt wird das unglaubliche Leben des Bert Trautmann. Der legendäre Keeper brachte es - dem Fußball sei Dank - in England vom als Nazi geächteten deutschen Kriegsgefangenen bis zum gefeierten Volkshelden. Ein Paradebeispiel für gelungene Integration, das keine noch so gut gemeinte offizielle Initiative besser hinkriegen könnte.

Der Philosoph Gunter Gebauer analysiert, warum in Deutschland das Talent von Spielern mit ausländischen Wurzeln so lange ignoriert wurde: Erst jetzt, da im Alltag nicht mehr zu übersehen sei, wie sehr sie Teil unserer Gesellschaft sind, "stellen wir fest, dass die Migrantenkinder die eigene Zukunft darstellen. Dass Spieler, die so etwas verkörpern, Repräsentanten einer neuen Art von Weltbürgertum darstellen."

Das Gesicht der Nationalmannschaft hat sich nach der verpatzten WM 1998 in Frankreich nach und nach verändert. Spieler wie Özil, Gomez oder Boateng spiegeln in der DFB-Auswahl des Jahres 2010 wider, wie sich die deutsche Gesellschaft heute zusammensetzt. Das Buch hilft, diesen Prozess als selbstverständliche Entwicklung zu begreifen.

Dabei ist für Abwechslung bei der Lektüre gesorgt. Auf den gediegenen soziologischen oder philosophischen Essay folgt das lockere Interview oder Personenporträt.

Gegliedert ist das Buch in vier Themenbereiche. Es beginnt mit der Vielfalt der Identitäten zunächst im deutschen Profi-, dann im Amateurfußball, es folgt der Blick in die historische Entwicklung und endet mit einem Ausblick auf die zukünftige Vielfalt.

Der Befund ist eindeutig: Auch im Sport geht die Entwicklung hin zu einer bunt gemischten Gesellschaft. Das Buch ist eine Fundgrube nicht nur für Fußballfans. Sehr lesenswert!

Besprochen von Thomas Jaedicke

Diethelm Blecking, Gerd Dembowski (Hg.): Der Ball ist bunt. Fußball, Migration und die Vielfalt der Identitäten in Deutschland
Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main 2010
304 Seiten, 24,90 Euro

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