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Frühkritik | Beitrag vom 31.01.2020

Attica Locke: "Heaven, My Home"Vom Frieden, den es nur im Himmel gibt

Von Tobias Gohlis

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Buchcover zu Attica Lockes "Heaven, My Home" (Polar Verlag)
Konflikte dramaturgisch spannend verwirrt: Attica Locke ist eine Meisterin ihres Fachs. (Polar Verlag)

Rednecks, Immobilienhaie und schwarze Texas Ranger: Attica Locke erzählt in ihrem Südstaaten-Krimi "Heaven, My Home" von einem Rassenkonflikt ohne klare Frontlinien - hervorragend erzählt und nebenbei auch noch intellektuell anspruchsvoll.

"Ich bin schwarze Amerikanerin. In unserer Geschichte gibt es noch so viel, das nicht erzählt wurde." Mit diesem Satz markierte die 1974 geborene Autorin Attica Locke den Ausgangspunkt ihres Erzählens.

Von ihr sind bisher zwei Romane auf Deutsch erschienen, und beide speisen sich aus den Erfahrungen ihrer Familie. Die ist nämlich nicht wie viele andere schwarze Amerikaner dem Highway 59 nach Norden gefolgt, sondern auf ihrem Land in Texas geblieben, allem weißen Suprematismus und Rassismus zum Trotz.

Ein Texas Ranger in heikler Mission

"I make heaven my home" sang einst die Bluesmusikerin Jessie May, weil Schwarze nur im Himmel Frieden finden können. "Heaven, My Home" lautet in trotziger Umkehr der Titel von Attica Lockes neuem Buch. Darin geht es unter anderem um die Bewohner des fiktiven Weilers Hopetown am Rande des Lake Caddo in Osttexas, die sich nicht von dort vertreiben lassen wollen.

In Hopetown stößt Lockes Protagonist Darren Mathews - den man schon aus dem Vorgänger-Roman "Bluebird, Bluebird" kennt - auf eine winzige Enklave, in der Schwarze und Caddo-Indianer seit Jahrhunderten einträchtig miteinander leben. Als Texas Ranger ist Darren - selbst schwarz - Mitglied einer Truppe, die einst zur Unterdrückung und Vertreibung der indianischen Urbevölkerung gegründet wurde.

Heute ist die kleine Gemeinschaft in Hopetown von weißen Rassisten in zweierlei Gestalt bedroht: von üblen Rednecks und von Immobilienhaien. Außerdem ist ein neunjähriger, weißer Junge verschwunden, und Darren hofft, den Kleinen zu finden, um einen viel größeren Deal herauszuschlagen: Er will damit seine eigene Haut und die eines schwarzen Freundes retten, der im Zorn ein Mitglied der Arischen Bruderschaft von Texas schossen hat.

Rassenkonflikt ohne moralisch saubere Trennungen

"Heaven, My Home" von Attica Locke ist deshalb ein großartiges Buch, weil sie den uralten Rassenkonflikt nicht schwarz-weiß, sondern als vielfältig ineinander verflochtene Gemengelage schildert, die keine moralisch sauberen Trennungen zulässt.

Als langjährige Drehbuchschreiberin in Hollywood weiß Locke, wie man Konflikte dramaturgisch spannend verwirrt und verlangt damit ihren nicht mit allen Verästelungen der texanischen Geschichte vertrauten deutschen Lesern eine gewisse intellektuelle Anstrengung ab. Aber wozu lesen wir Bücher, wenn wir nicht aus ihnen lernen? Und sei es nur, um eine friedliche Gemeinschaft kennen zu lernen, die hundert Mal länger währt als die Amtszeit eines rassistischen Präsidenten.

Attica Locke: Heaven, My Home
Aus dem Englischen von Susanna Mende
Polar, Stuttgart 2020
322 Seiten, 22 Euro

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