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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.02.2011

Atemberaubend neue Bildersprache

Hans Ulrich Reck, "Pier Paolo Pasolini", Wilhelm Fink Verlag, München 2010, 235 Seiten

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Pier Paolo Pasolini und Anna Magnani bei den Dreharbeiten zu "Mamma Roma", 1962 (AP Archiv)
Pier Paolo Pasolini und Anna Magnani bei den Dreharbeiten zu "Mamma Roma", 1962 (AP Archiv)

Pasolinis vielfältiges Werk müsse als Ganzes betrachtet werden, meint der Kunsthistoriker Hans Ulrich Reck, der eine neue Monografie über den universellen Intellektuellen vorlegt.

Pier Paolo Pasolini ist längst ein Mythos. Bis zu seinem gewaltsamen Tod im November 1975 war er nicht nur ein international geschätzter Filmregisseur und berühmter Schriftsteller, sondern vor allem das kritische Gewissen Italiens. Seine Arbeit als Dichter, Romancier, Journalist und Regisseur hat von ihrer Strahlkraft bis heute nichts eingebüßt, im Gegenteil. "Die wahre Antidemokratie ist die Massenkultur", meinte er 1970 in einem Interview. Angesichts der aktuellen Entwicklungen in seinem Heimatland wirkt diese Feststellung wie eine Prophezeiung. Pasolinis vielfältiges Werk – zu dem dialektale Gedichte ebenso gehören wie ein Dokumentarfilm über die Liebe, gemalte Drehbücher und der posthum veröffentlichte Romantorso "Petrolio" – müsse als Ganzes betrachtet werden, meint der Kunsthistoriker Hans Ulrich Reck, der jetzt eine neue Monografie über den universellen Intellektuellen vorlegt.

1922 in Bologna geboren und seit 1949 in Rom ansässig, habe Pasolini die Trennung zwischen Werk und Leben vollkommen aufgehoben und bewusst nach Grenzerfahrungen gesucht. Hans Ulrich Reck bezieht nicht nur nahezu unbekannte kürzere Filme und Dokumentationen in seine Untersuchung ein, sondern beleuchtet auch den konkreten Umgang mit dem neuen Medium: den Gebrauch der Kamera, die Auswahl der Drehorte, die Bedeutung der Halbtotalen und die Art und Weise, wie Pasolini Laien zu Schauspielern machte. Technische Probleme gab es für ihn nicht. Stattdessen ging es um den Ausdruck des Wirklichen.

Recks Studie setzt kunsthistorische und medientheoretische Schwerpunkte. Sie konzentriert sich auf den Film, nimmt aber auch auf Lyrik und Romane Bezug und erläutert die Konsumkritik Pasolinis. Der beständige Medienwechsel – vom Gedicht zum Film, vom Film zum Essay, vom Essay zur Zeichnung und wieder zurück zum Film – hebt laut Reck die Trennung zwischen den Gattungen auf. Der Autor arbeitet das atemberaubend Neue an Pasolinis Bildersprache heraus und stellt Überlegungen zur Bedeutung der Gewalt an. Auch der schwierig einzuordnende, drastische Film "Die 120 Tage von Sodom" wird auf diesem Hintergrund sinnfällig.

Das Buch ist mit einer großen Leidenschaft für den Künstler Pasolini geschrieben. Als nicht akademischer Leser wundert man sich mitunter über die akademischen Kniebeugen bei Sätzen wie diesem: "Es handelt sich also nicht um eine in der semantischen Ordnung der Propositionen abgebildeten Ordnung der historiographisch korrekten, kausalitätsfähigen Chronologie, sondern um die linguistische Bewegung des Konkreten, eines nicht Logifizierten an Sprache, Sprechen und Reden." Doch dahinter steckt ein wichtiger Gedanke: Pasolini nahm häufig den Blickwinkel von Ausgegrenzten ein, unterlief damit den Konsens und klagte das Recht auf ein individuelles, ungeordnetes, vielleicht auch wahrhaftigeres Sprechen und Erzählen ein. Hans Ulrich Recks Buch bietet etliche Anregungen und schärft den Blick für Pasolinis filmische Kompositionen.

Besprochen von Maike Albath

Hans Ulrich Reck, Pier Paolo Pasolini
Wilhelm Fink Verlag, München 2010
235 Seiten, 24,90 Euro

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