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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 01.03.2010

Atatürks Erbe

Die Türkei und der Islam

Von Reinhard Baumgarten

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Eine türkische Flagge weht im Wind. (Stock.XCHNG)
Eine türkische Flagge weht im Wind. (Stock.XCHNG)

Der Einfluss religiöser Gruppierungen nimmt in der gesamten islamischen Welt zu – die Türkei bildet da keine Ausnahme. Dennoch nimmt sie unter den islamischen Nationen wegen der offiziell geltenden laizistischen Staatsdoktrin Kemal Atatürks eine Sonderstellung ein.

Durch die Orientierung des Landes an einem säkularen Gesellschaftsmodell gilt die Türkei als Brücke zwischen der westlichen und der muslimischen Welt. Welche Art von Islam die gesellschaftliche Entwicklung dort in Zukunft prägen wird, hängt nicht zuletzt von den Geistlichen und deren Ausbildung ab.

Unterrichtspause in der Imam-Hatip-Schule im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu: Tischtennis zur Entspannung. Adnan spielt gegen Mesut. Mesut ist geschickter mit dem Ball.

Adnan ist geschickter mit der Stimme. Im Fach Koranrezitation ist er einer der besten seines Jahrgangs.

Adnan und Mesut gehören zu den knapp 70.000 Schülerinnen und Schülern einer Imam-Hatip-Schule. Anfangs handelt es sich bei diesen Lehreinrichtungen um rein religiös ausgerichtete Schulen, wo Prediger und Moscheevorsteher – sogenannte Imame – ausgebildet werden.

Das Fach Phonetik gehört von Beginn an ebenso zum Lehrplan wie Arabisch und Koranrezitation.

Mittlerweile werden auch allgemeinbildende Fächer wie Englisch, Mathematik, Physik, Staatskunde und Sport unterrichtet. Die Imam-Hatip-Schulen sind speziell auf die Verhältnisse in der Türkei zugeschnitten. Sie vereinen religiösen Unterricht und kulturell-weltliche Bildung an einer Lehranstalt. Diese Kombination ist in der laizistischen Türkei keineswegs unumstritten. Denn seit mehr als acht Jahrzehnten gilt in der türkischen Republik das Prinzip der strikten Trennung von Staat und Religion. Mehr noch: Der Staat bestimmt durch seine am französischen Vorbild ausgerichteten laizistischen Verfassung, wie viel und welche Art Religion öffentlich gelehrt und gelebt werden darf.

Mit der regierenden AKPartisi – der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung – bestimmt das religiös-konservative Lager die Politik der Türkei. Namhafte Köpfe der AK Partei sind Absolventen der Imam-Hatip-Schulen – allen voran Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan. Auf sein Betreiben hin sind die einstigen Predigerschulen 2004 mit den säkularen allgemeinbildenden Gymnasien gleichgestellt worden.

"Auch wenn es immer wieder zu Diskussionen kommt, so sind diese Imam-Hatip-Schulen doch als ein Modernisierungsinstrument unseres Landes anerkannt. In der islamischen Welt gibt es keine vergleichbaren Schulmodelle. Die Schulsysteme in den islamischen Ländern haben den Schwerpunkt in der religiösen Bildung und von diesen Systemen wollen viele Länder weg. Aus diesem Grund findet das Imam-Hatip-Modell reges Interesse. Es soll zur Modernisierung dieser Länder beitragen."

Kein anderes muslimisches Land bricht auf dem Weg in die Moderne so konsequent mit seiner islamischen Vergangenheit wie die neu gegründete türkische Republik. Im Frühjahr 1924 schafft die Nationalversammlung in Ankara das Kalifat ab. Mehr als 400 Jahre haben die türkischen Osmanen die Führung aller Muslime als weltliche und geistliche Herrscher beansprucht.

Doch der 43j-ährige Republikgründer Mustafa Kemal – genannt Atatürk – will einen modernen Staat, in dem Religion Privatsache ist. Religiöse Bruderschaften werden verboten, die Geistlichkeit wird entmachtet. Der säkulare Staat will fortan die Grenzen organisierter Religiosität abstecken. Heute – mehr als 70 Jahre nach dem Tod Atatürks – offenbart die Kemalismus genannte antiklerikale Staatsdoktrin jedoch erhebliche Risse.

Die Hüter des reinen Laizismus, der strikten Kontrolle religiösen Lebens durch den Staat, befürchten den Verlust gesellschaftspolitischer Errungenschaften. In den Imam-Hatip-Schulen sehen sie Brutstätten eines politisierten Islams. Irfan Aycan weist diesen Vorwurf zurück.

"Imam-Hatip-Schulen haben nichts mit politischem Islam zu tun. Der Islam gehört zur Bevölkerung. Das heißt nicht, dass islamische Regeln und Gesetze gemacht werden sollen. So was geht bei uns nicht. So etwas passiert nur in totalitären Staaten. Wir akzeptieren das nicht. Wir glauben nicht, dass Imam-Hatip-Schulen etwas mit politischem Islam zu tun haben. Sie sind getrennt vom politischen Islam."

Bittgebet nach dem Essen. In staatlichen Schulen undenkbar, in Imam-Hatip-Schulen selbstverständlicher Bestandteil des Schulalltags. Die Aufwertung der einstigen Predigerschulen zu vollwertigen Oberschulen hat bereits lange vor Übernahme der Regierungsgeschäfte durch die religiös-konservative AK-Partei begonnen. Glücklicherweise, betonen reformorientierte islamische Theologen am Bosporus. Denn in vielen islamischen Ländern werden Geistliche fast ausschließlich in Theologie oder theologienahen Fächern unterrichtet. In der Türkei ist allgemeinbildender Unterricht Pflicht. Dadurch soll das Denken erweitert und die Auslegung der religiösen Quellen den Anforderungen der Gegenwart gerechter werden.

"Bei uns sind der Koran und das Leben des Propheten Mohammed sehr wichtig. Doch nur weil Mohammed auf einem Kamel ritt, müssen wir das nicht auch tun. Die moderne Zeit hat viele Erfindungen hervorgebracht. Auf einem Kamel zu reiten, bedeutet nicht Gehorsam, denn wir können uns heute mit anderen Dingen fortbewegen. Nur weil es früher so gemacht wurde, müssen wir das heute nicht auch so machen. Es gibt gewisse Prinzipien, in deren Rahmen wir uns bewegen."

Die islamischen Quelltexte zeitgemäß zu lesen und auszulegen, ist in vielen islamischen Ländern keineswegs selbstverständlich. Den sich immer höher auftürmenden sozialen und politischen Verwerfungen glauben konservative muslimische Geistliche allzu oft mit Rezepten begegnen zu können, die ihren Ursprung häufig im Mittelalter haben. Doch wenn Korandeutungen vor 400, 800 oder 1200 Jahren sinnvoll waren, müssen sie das nicht notwendigerweise auch im 21. Jahrhundert sein, stellt der Islamgelehrte Yaşar Nuri Öztürk fest.

"Im Koran ist das Dogma auf ein Minimum beschränkt. Stattdessen fordert der Koran dazu auf, den Verstand zu benutzen. Den Verstand zu benutzen heißt, jeden Tag aufs Neue entsprechend den Verhältnissen des Tages Interpretationen vorzunehmen. Der Koran benutzt an dieser Stelle radikale Aussagen. Er sagt: Wer seinen Verstand nicht benutzt, auf den wird Schlechtes niedergehen. Will heißen: Deren Leben wird sich in ein Chaos verwandeln, falls sie ihren Verstand nicht benutzen."

Das ist das täglich Brot von Habil Öndeş, der als Imam in der Valide Sultan Moschee im Istanbuler Stadtteil Fatih arbeitet.

"In dem Dorf, aus dem ich komme hatte ich die Berufswahl zwischen Imam oder Lehrer. Mein Vater wollte, dass ich Imam werde, ich habe das respektiert und bin Imam geworden."

Das war vor knapp 40 Jahren. Habil Öndeş, hat eine Imam-Hatip-Schule besucht, sich zum Vorbeter ausbilden lassen und am Istanbuler Konservatorium für Türkische Musik Laute und Gesang studiert. Neben seiner Arbeit als Seelsorger, Moscheevorsteher und Prediger leitet er einen Männerchor.

"Der Islam hat bestimmte Grundsätze, so wie jede Religion. Es gibt Unterschiede in der Umsetzung dieser Grundsätze. Ich habe in Europa gesehen, wie die Menschen sich dort verhalten. Obwohl sie keine Muslime sind, leben sie die Grundsätze des Islams."

Yaşar Nuri Öztürk gehört zu den populärsten islamischen Denkern der Türkei.

"Der Koran hat die Religion vom Verstand abhängig gemacht, nicht den Verstand von der Religion. Nach dem Koran kontrolliert der Verstand den Glauben. Aber der Glaube kann nicht den Verstand kontrollieren. Der Verstand ist der Befehlshaber über den Glauben. Der Koran vergleicht auch Wissenschaft und Glauben. Wissenschaft kann den Glauben kontrollieren, aber der Glaube nicht die Wissenschaft, weil der Glaube subjektiv ist und die Wissenschaft objektiv. Der Koran sagt: Die objektive Wissenschaft soll den subjektiven Glauben kontrollieren. Daher akzeptiert der Koran auf keinen Fall, dass der Verstand eingeengt wird."

Mohammad Taha, Faruq Foda, Nasser Hamid Abu Zaid, Ali Dashti – islamische Gelehrte, die sich wie Yaşar Nuri Öztürk die Freiheit der zeitgemäßen Interpretation islamischer Quellen genommen haben. Sie haben dafür mit ihrem Leben oder dem Verlust der Freiheit bezahlt.

"In der islamischen Welt wurde der Verstand zuerst durch die Diktatur der ersten Herrscherdynastie der Ummayaden und danach durch sektiererische Splittergruppen unterdrückt und gefesselt. Ab dem 11. Jahrhundert wurde die Kontrolle des Verstandes durch die Religion eingeführt und danach sind die Muslime im Grunde 'abgestürzt'. Heutzutage müssen wir die Methode des Westens übernehmen und den Verstand einsetzen. Alle wahrhaftigen Muslime sind in diesem Sinne westlich ausgerichtet. Die islamische Welt muss den Koran so lesen, wie er es fordert. Der Koran ist zu einer 'Friedhoflektüre' geworden. Man erzählt zum Beispiel der türkischen Bevölkerung, dass sie durch Nachsprechen der arabischen Wörter Segen bekommen würden. Dies ist eine Quälerei und ein Zwang, der mit Religion nichts zu tun hat."

Esin und Habibe – zwei junge türkische Frauen in Istanbul.

Esin tanzt sich in enger Jeans bei einem Rockkonzert am Taksim-Platz die Seele aus dem Leib. Ihre langen Haare hat sie blond gefärbt, im linken Nasenflügel trägt sie einen Ring. Ihre Augen sind kunstvoll geschminkt.

Habibe produziert in einem Tonstudio ihr neues Musikalbum "White Peace". Sie trägt weite schwarze Gewänder, ihre Haare sind unter einem Tschador verborgen, der ihr Gesicht schwarz einrahmt. Ihre Augen sind kunstvoll geschminkt.

Habibe wird vor 37 Jahren in Medina in Saudi Arabien geboren, kommt mit 15 nach Istanbul, wo sie Abitur macht. Sie will studieren, wird aber wegen ihres Kopftuches nicht an der Uni zugelassen.

Esin ist unverschleiert. Sie fällt im kosmopolitischen Istanbul weniger auf als Habibe. Sie führt ein Leben zwischen Ausbildung und Ausgehen, zwischen Familie und Freunden, so wie es viele junge Frauen in Istanbul, Athen. Berlin, London oder Madrid führen.

Fromm sei sie auf keinen Fall, sagt die 22-Jährige. Aber ihre Religion sei ihr wichtig, und deshalb halte sie auch an ihrem islamischen Glauben fest.

"Die Religion, die ich aus meiner Familie kenne, ist die Religion, die ich lebe. Wir sind Anhänger von Mevlana Celalettin Rumi und verehren ihn, er erzählt die gleichen Dinge wie der Prophet Mohammed. Früher gab es auch nicht den gleichen Glauben wie es ihn heute gibt, aber die Menschen waren frommer. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben so wie es ist, ich wollte nie so leben wie die Menschen früher."

Esin und Habibe – zwei junge türkische Frauen in Istanbul. Auch in Teheran, Kairo, Algier und Karatschi finden sich Frauen wie Selma und Habibe. Doch es ist für sie dort schwerer, ihren eigenen Lebensstil frei von gesellschaftlichen und politischen Zwängen entfalten zu können.

Eines der wesentlichen Merkmale islamischer Mehrheitsgesellschaften des 21. Jahrhunderts besteht darin, dass die individuelle Freiheit aufgrund gesellschaftlichen Drucks und sozialer Zwänge mehr und mehr eingeengt wird. Der wachsende gesellschaftliche Druck geht zumeist einher mit der Rückbesinnung auf konservativ-religiöse Werte und Traditionen. Es gibt eine verhängnisvolle Wechselwirkung zwischen undemokratischen Regierungsformen, gepaart mit schlechter Wirtschaftspolitik einerseits und dem Erstarken konservativ-religiöser Traditionen andererseits.

Die Türkei ist ein von Männern dominiertes muslimisches Land. Für Mustafa Kemal Atatürk war die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau eine wichtige Grundlage zur Gestaltung einer modernen Gesellschaft. Die rechtliche Stellung und der gesellschaftliche Rang der Frauen lagen dem Republikgründer deshalb sehr am Herzen. Doch was über viele Jahrhunderte gewachsen ist und sowohl von einer einflussreichen Geistlichkeit als auch von lokalen Traditionen begründet wurde, lässt sich nicht so leicht ändern.

Wichtige Leitlinien können dabei die Deutungen und Auslegungen der religiösen Quellen durch muslimische Gelehrte sein. Deshalb, unterstreicht Irfan Aycan, sei es wichtig, den angehenden Imamen ein möglichst breitgefächertes Wissen zu vermitteln und ihren Lerneifer anzustacheln.

"Der Prophet sagt: 'Auch wenn das Wissen weit weg ist, geht und holt es euch.'"

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