Seit 01:05 Uhr Tonart
Dienstag, 24.11.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.05.2016

Atak: "Martha"Denkmal für die letzte Wandertaube

Von Sylvia Schwab

Podcast abonnieren
Ausgestorbene Wandertaube im Naturkundemuseum Potsdam (imago / Uwe Steinert)
Ausgestorbene Wandertaube im Naturkundemuseum Potsdam (imago / Uwe Steinert)

Die Wandertaube Martha starb 1914 im Zoo - als letzte ihrer Art. Das Buch "Martha" des Comiczeichners Atak für Kinder ab 6 Jahren erzählt ihre Geschichte kindlich-naiv und expressionistisch-surrealistisch. Die Bilder erinnern an Künstler wie Edvard Munch und Otto Dix.

Martha ist eine Wandertaube und sie erzählt hier von ihrem Leben – und damit auch von dem ihrer gesamten Art: Wie sie leben. Wo sie brüten. Was sie ausmacht. Klingt nach einer idyllischen Geschichte, ist es aber nicht! Denn die Wandertaube Martha - sie erhielt ihren Namen zu Ehren der ersten US-amerikanischen First Lady Martha Washington - war die letzte ihrer Art. Sie starb 1914 im Zoo von Cincinnati im Alter von 29 Jahren. Damit war die einst häufigste Vogelart der Erde ausgestorben.

Schlägt man Ataks Bilderbuch "Martha" auf, wird man sofort mitten hinein gezogen in den dynamischen Schwung seiner Bilder. Kindlich-naiv und zugleich expressionistisch-surrealistisch gehalten, lassen sie den Betrachter nicht mehr los.

Man muss weiter blättern, weiter schauen: Wie sich ein riesiger Vogelschwarm aus bunten Punkten am grell-gelben Himmel über zwei große Buchseiten zieht, wie ein tödlicher Gewehrschuss über eine ganze Seite hin explodiert oder wie die einsame Taube am Schluss gefangen in ihrem Zoo-Käfig ins Leere schaut. All das ist großartig und anrührend zugleich in Szene gesetzt!

Rücksichtslos und brutal abgeschossen

Wandertauben lebten in Nordamerika. Aus der Vogelperspektive blicken wir hinunter auf die grandiose Landschaft mit ihren Bergketten und Seen, Wäldern und Tieren. Um dann umgekehrt aus der Menschenperspektive hoch zum Himmel zu schauen, wo Millionen von Wandertauben in riesigen Schwärmen vorüberziehen. Das sind Bilder von großer Intensität, sie haben etwas Wildes, Ungezähmtes. Mit Bäumen, die an den Maler Edvard Munch und Menschen, die an Otto Dix erinnern, mit Jagdszenen in aggressivem Gelb und Tauben-Gemetzel in blutigem Rot.

Trotzdem ist das Buch ausdrücklich für Kinder ab 6 Jahren empfohlen. Wobei es sicher gut ist, sie in beim Lesen zu begleiten. Denn diese authentische Geschichte wird in sparsamen, eindrücklichen Sätzen erzählt. "Wie ein Sturm verdunkeln wir den Himmel zu einer Sonnenfinsternis", heißt es da über den sich nähernden Schwarm der Wandertauben.

Oder: "Wenn wir wandern, herrschen wir über den Himmel."

Trotzdem wurden die Tauben rücksichtslos und brutal abgeschossen. Weil die Menschen Hunger hatten, weil die Tauben mit ihrem Kot die Städte versauten oder Felder plünderten. Bis sie immer weniger wurden. Am Schluss erlegt ein Junge die letzte frei lebende Taube und Martha stirbt im Zoo.

Auf jeder Seite spürt man Ataks Wut und Trauer. Mit seinem Buch setzt er der letzten Wandertaube ein Denkmal und er widmet sein Bilderbuch dem großen amerikanischen Ornithologen John James Audubon. Der schilderte und malte in seinem Hauptwerk "The Birds of America" auch die Wandertaube. Seine zauberhafte Bildtafel erscheint bei Atak als Bild im Bild: zwei Tauben, schnäbelnd.

Und so erzählt dieses Bilderbuch auch davon: von zwei Künstlern, die die Vögel lieben. Tiere, die es heute nicht mehr gibt. Ein Drama unter tausenden.

Atak: Martha
Aladin Verlag, Hamburg 2016
32 Seiten, 19,95 Euro, ab 6 Jahre

Mehr zum Thema

Leipziger Schule - Unterwegs in der Illustratoren-Szene der Buchstadt
(Deutschlandfunk, Bücher für junge Leser, 12.03.2016)

Zeichner verteidigen Meinungsfreiheit - Zeichnungen erzeugen Emotionen
(Deutschlandfunk, Bücher für junge Leser, 23.05.2015)

Mein Klassiker - Die Beastie Boys als Inspiration für die Arbeit
(Deutschlandfunk, Corso, 11.02.2014)

Verrückte Zitat-Comics
(Deutschlandfunk, Bücher für junge Leser, 28.11.2009)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur