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Studio 9 | Beitrag vom 05.04.2018

Asyl für KunstGalerist Manfred Bartling trotzt Investoren

Von Carolin Pirich

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(Carolin Pirich)
Manfred Bartling vor einem seiner Bilder (Carolin Pirich)

Berlin, Regierungsviertel: die Baukräne kreisen im Auftrag internationaler Investoren rund um ein Gebäude, in dem ein alter Mann und sein Hund die Stellung halten. Das Haus Kunst-Mitte ist eine der letzten Galerien dort - zur Freude des Besitzers.

Manfred Bartling geht voran, schließt eine Tür, öffnet die nächste, schließt sie wieder. "Ist wie eine Burg hier, nicht?", sagt er. Er führt durch die langen Gänge, die alten Dielen knarren: 520 Quadratmeter Ausstellungsfläche, Räume mit hohen Wänden, viel Licht, dazu Atelier, Büro und Wohnung. So viel Platz hat ein Künstler nicht einmal im Museum - und das in einem Stadtviertel, in dem sich Künstler üblicherweise nicht einmal mehr ein Zimmerchen in der Größe eine GästeWCs leisten können, direkt hinter dem Berliner Hauptbahnhof.

Der Kunst einen Schutzraum bieten

Als Privatmann und als Vorsitzender der "Asyl für Kunst - Stiftung" schenkt Manfred Bartling diesen Platz regelmäßig anderen Künstlern, vier Mal im Jahr. Der alte Herr nimmt einen großen Bogen Papier in der Hand.

"Wo Wort und Bild und Klang zuhaus, da sieht alles ganz anders aus."

Die Satzung der Stiftung. In gleichmäßiger Handschrift.

"Der Ort ist klein und groß der Raum, Asyl für Kunst steht auf dem Zaun."

Bartling will Kunst eine Art Schutzraum bieten. Davon hat er geträumt, seitdem er einmal erlebte, was mit dem Nachlass eines Bildhauers passierte, den er als Kind und Jugendlicher oft besucht hatte, Rudolf Gangloff aus Leipzig. Als der Bildhauer starb, wussten die Erben nichts mit den Skulpturen anzufangen. Sie schmissen alles auf den Müll.

"Das hat mich sehr getroffen , dass ich drauf und dran war zu sagen, das hat doch keinen Sinn mehr, wenn das alles weggeschmissen wird."

Manfred Bartling, 89 Jahre alt hört nicht mehr so gut. Es ist auch nicht einfach, ihn zu verstehen, und das liegt nicht nur an seinem Bremer Schnack. Er freut sich über den Besuch, das sieht man. Er hat alle Türen geöffnet, er zeigt seine Werkstatt, sein Büro, Kunstwerke, die er erst kürzlich gekauft hat, zum Beispiel ein wildes Bild des Berliner Künstlers Wolfgang Petrick, an dem er einfach nicht vorbei gekommen sei. Bartling lächelt hinter seinem weißen Bart.

"Kunst ist für mich immer eine Hand breit unter dem Verstand."

"Es wird zu viel gesabbelt"

Aber am liebsten würde Manfred Bartling eigentlich gar nicht reden.

Es werde so viel "gesabbelt", sagt er, in der Kunst, über Kunst. Überall trommeln sie, die Künstler und Galeristen in der Hauptstadt, alle wollen gesehen werden und wichtiger sein als die anderen, alle würden Kunstwerke mit Bedeutung aufladen, wollen innovativ sein um jeden Preis, auch wenn sie gar nichts Neues zu sagen hätten.

"Das kommt von selber oder es kommt nicht."

Riesige Baukräne drehen sich   auf der Baustelle des Überseequartiers in der Hafencity in Hamburg in verschiedene Richtungen. (AP)Riesige Baukräne drehen sich auf der Baustelle des Überseequartiers in der Hafencity in Hamburg in verschiedene Richtungen. (AP)

"Leben und Schweigen" hat er in den schweren Holzrahmen einer seiner vier Meter hohen Türen stanzen lassen. In einem anderem Türrahmen steht: "Das Denken zerstört die Freude."

Man kommt ihm etwas näher, wenn man die Werke im zweiten Stock ansieht, die Dauerausstellung. Manfred Bartling, 70er Jahre. Die Gemälde zeigen Menschen in albtraumhaften Szenen. Da ist der Schlafwandler mit dem Gesicht eines Toten, der die Blaue Blume sucht, das Symbol für die Liebe und die Unendlichkeit. Aber er geht in die falsche Richtung. Da ist der Mann, der die Nase stolz Richtung Himmel reckt. Er steht auf einem Leichenberg.

"Hier ist einer der sich hochgestrampelt hat, der ist über Leichen gegangen, aber jetzt ist er fertig."

Ihm gegenüber hängt einer, der auf allen vieren auf dem Boden kriecht. Eine Wolke scheint ihn zu erdrücken.

"Das ist der, der nicht hochkommt."

Wie eine letzte Festung auf einer Riesenbaustelle

Bartling ist lange nicht hochgekommen. Sein Vater, ein Steuerberater, sagte: Lern was richtiges. Der Sohn studierte Grafik - und malte trotzdem. Später sattelte er auf Fotografie um - und malte weiter. Anfang der 2000er Jahre zogen Bartling und seine Frau schließlich nach Berlin.

In der Heidestraße hinterm Hauptbahnhof, dort wo damals 20 Galerien standen und sich Künstler tummelten, kaufte er den Altbau und gründete seine Stiftung. Inzwischen sind die meisten Galerien weggezogen. Wie eine letzte Festung steht Manfred Bartlings "Haus Kunst - Mitte" in einer Riesenbaustelle. Zwei Dutzend Kräne schwenken ihre Arme am Himmel.

"2025 soll es fertig sein. Wohnungen, Büros, Geschäfte, ein Boulevard: Hier soll richtig Leben herkommen, wie am Ku'damm."

Bis dahin will Manfred Bartling die Stellung halten, hier, wenn es geht, in seiner Burg auf seinem Sofa, und ihm zu Füßen sein Riesenpudel, weiß wie eine Wolke.

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