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Interview | Beitrag vom 10.02.2020

Astrophysiker Harald LeschEntschleunigt das Bildungssystem!

Harald Lesch im Gespräch mit Ute Welty

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Das Foto zeigt Schülerinnen der fünften Klasse der Dresdner Waldorfschule, die beim Zirkus-Unterricht in einer Turnhalle mit Hula-Hoop-Reifen üben. (picture alliance / Monika Skolimowska / dpa-Zentralbild)
Bildung braucht Vertrauen in die Kinder, sagt der Physiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch. (picture alliance / Monika Skolimowska / dpa-Zentralbild)

Viel zu viele Prüfungen, zu wenig fächerübergreifendes Lernen: Der Physiker Harald Lesch findet am derzeitigen Bildungssystem jede Menge kritikwürdig. Sein Credo: das Interesse der Kinder am Lernstoff wecken - und ihnen mehr Zeit geben.

Seit Jahren gehört der Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch zu den scharfen Kritikern unseres Bildungssystems und trifft damit immer wieder den Nerv des Publikums. Seine Wutrede "Unser Schulsystem ist Mist" wurde auf Youtube fast zweieinhalb Millionen Mal angeklickt.

In seinem neuen Buch präsentiert der Münchner Professor für Astrophysik nun gemeinsam mit der Philosophin Ursula Forstner Vorschläge, wie Bildung gelingen kann. Seine zentralen Thesen stellt er auch im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur vor.

Bildung heißt Orientierung

Das Ziel von Bildung sei es heute, eine grobe Landkarte des Wiss- und Verstehbaren zu bekommen, sagt Lesch: "Wie man sich angesichts der enorm wachsenden Informationsmenge überhaupt noch orientieren kann."

Das zu bewerkstelligen, ohne von der Informationsflut erdrückt zu werden, sei "die moderne Aufgabe von Bildung", so der Physiker mit Blick auf Fake News und alle möglichen "alternativen Wahrheitsprediger". Insofern gehe auch entscheidend darum, Argumente bewerten zu lernen: "Kann das, was mir jemand sagt, überhaupt plausibel sein oder ist es einfach nur Unsinn?"

Bildung statt Ausbildung

Schule müsse für eine grundlegende Bildung sorgen, anstatt nur ganz spezielle Fähigkeiten auszubilden, so Lesch. Würden wir in der besten aller Bildungs-Welten leben, wären unsere Schulen "viel waldorfähnlicher, als wir das heute haben", betont er. Denn dort gehe es von der Grundkonzeption her vor allem um das Lernen in Zusammenhängen:

"Es wird viel, viel mehr in Projekten gearbeitet, es wird viel, viel mehr herausgefunden, wie die einzelnen Fächer, die wir in der Schule normalerweise unterrichten, bei einem bestimmten Phänomen, bei einer bestimmten Fragestellung miteinander in Wechselwirkung treten."

Bildung braucht Motivation

Ein weiterer entscheidender Punkt ist für Lesch, dass viel besser vermittelt werden muss, warum bestimmte Fächer überhaupt in der Schule unterrichtet werden: "Man muss eine Motivation schaffen. Man muss sagen: 'Hey, das ist ein Instrument, womit du viele deiner Probleme lösen kannst.'"

Zu dieser Motivation beitragen könne auch, Kinder möglichst lange in der "romantischen Phase" zu halten: "Romantik im Sinne von: die Neugier aufrechterhalten", so Lesch unter Verweis auf den britischen Mathematiker und Philosophen Alfred North Whitehead.

Der Journalist und Preisträger Harald Lesch posiert bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus 2019. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Für seine Arbeit wurde Harald Lesch 2019 mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus ausgezeichnet. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Lesch gehört ferner zu denen, die die zahlreichen "Beschleunigungsversuche" kritisieren, mit denen die Schul- oder Studienzeiten in Deutschland verkürzt werden sollten: "An Gymnasien, aber auch an Universitäten ist es einfach viel zu eng geworden", sagt er:

"Früher konnte man beim Studieren noch schlendern, heute muss man marschieren. Und in den Schulen ist es ganz genauso." Stattdessen müsse man den Kindern und Jugendlichen viel mehr Zeit lassen, "sich zu orientieren, sich überhaupt mal mit einem Thema zu beschäftigen".

Bildung braucht Vertrauen in die Kinder 

Kindern bei der Bildung mehr Zeit zu gewähren, setzt Lesch zufolge voraus, dass sowohl Eltern als auch Lehrer Vertrauen in diese hätten. In der Praxis ist aber offenbar das Gegenteil der Fall:

"Eigentlich haben wir ein Misstrauensmanagement", betont der Physiker. "Es werden viel zu viele Prüfungen gemacht und viel zu wenig Inhalt so intensiv und detailreich und interessant gelehrt, dass auch wirklich was bei den Menschen hängenbleibt."

(uko)

Harald Lesch / Ursula Forstner: "Wie Bildung gelingt. Ein Gespräch"
Verlag wbg Theiss, Stuttgart 2020
144 Seiten, 20 Euro
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